Serena Williams bei den US Open im September 2019.
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Die Geschichte liegt schon eine Weile zurück, und eigentlich kann man sie nicht erzählen, ohne gleich in den Verdacht zu geraten, oberflächlich zu sein, aber sei es drum. Serena Williams, damals 23 Jahre alt, erschien bei einem Tennisturnier in New York 2004 in bemerkenswerter Arbeitskleidung auf dem Platz: Jeansrock, bauchfreies Top, schwarze Schuhe und darüber knielange Gamaschen aus Vinyl. Das sei ihr neuer Rebellen-Look, ließ sie wissen, und als sie gebeten wurde, ihren Auftritt zu beschreiben, da prustete sie los und sagte: „Serena, die Innovatorin, schlägt wieder zu.“

Serena Jameka Williams, geboren 1981 in Saginaw/Michigan als jüngste Tochter der Eheleute Oracene und Richard Williams, war schon damals, vor 15 Jahren, eine der bemerkenswertesten Sportlerinnen der Welt; dominant, selbstbewusst, risikofreudig und couragiert. Ihren ersten Titel bei einem Grand-Slam-Turnier gewann sie noch im 20. Jahrhundert, den 23. und bislang letzten 2017 in Melbourne. Hätte ihr beim ersten großen Coup jemand prophezeit, sie werde mit 38, verheiratet und Mutter einer Tochter, immer noch Tennis spielen, sie hätte heftig widersprochen.

Doch die Tenniswelt wäre um vieles ärmer gewesen, hätte sie mit 30 aufgehört wie Stefanie Graf. Zwölf ihrer 23 Grand-Slam-Titel gewann sie in den 2010er-Jahren, vier hintereinander vom Herbst 2014 bis Sommer 2015, sie war die erfolgreichste Spielerin dieser Dekade. „Ich hatte immer den Antrieb, die Beste zu sein“, sagte sie, als sie 2015 Weltsportlerin des Jahres wurde, „aber vielleicht tu ich heute mehr dafür. Ich erfinde mich immer wieder neu.“

Ein Frühstück mit Folgen

An ihren besten Tagen ist Serena Williams eine Naturgewalt. Mit dem besten Aufschlag, den je eine Frau im Tennis hatte, mit dem Kampfgeist einer Löwin, mit dem unstillbaren Hunger nach mehr. Zwischen Juli 2002 und Mai 2017 stand sie insgesamt 319 Wochen an der Spitze der Weltrangliste (Graf hatte 377, Navratilova 332), und es wären sicher noch mehr geworden, wenn sich im Mai 2015 im Garten eines römischen Hotels nicht ein Mann an den Nebentisch gesetzt hätte, der ein spätes Frühstück wollte und dabei die Frau seines Lebens traf.

Die berühmteste Spielerin der Welt und Alexis Ohanian, Mitbegründer der website Reddit, der bis dahin noch kein Tennisspiel live gesehen hatte, wurden ein Paar. Sie verlobten sich im Dezember 2016, danach machten sie sich zusammen auf den Weg nach Australien, wo Williams den 23. Grand-Slam-Titel ihrer Karriere gewinnen wollte. Was sie auch tat – obwohl sie zwei Tage vor Beginn des Turniers fassungslos festgestellt hatte, dass sie schwanger ist. Alexis Olympia Ohanian, die kleine Tochter, kam am 1. September 2017 unter dramatischen Umständen auf die Welt. Das Baby erholte sich schnell, Serena Williams hatte, wie sie später einmal erzählte, großes Glück, mit dem Leben davongekommen zu sein.

Im März 2018 kehrte sie zum Tennis zurück, und sie ist weiter die schillerndste Spielerin, die dieser Sport je hatte, angetrieben vom Temperament eines aktiven Vulkans. Dieser Vulkan war schon früher gelegentlich ausgebrochen, aber nie so heftig wie im Finale der US Open 2018 gegen die junge Japanerin Naomi Osaka, als sie den Mann auf dem Stuhl wegen vermeintlicher Fehlentscheidungen wüst beschimpfte und kurz vor der Disqualifikation stand.

Doch die sportliche Geschichte dieser in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Frau, die zusammen mit ihrer 15 Monate älteren Schwester Venus die Welt des Tennis aufmischte und mit ihr zum großen Vorbild vieler junger Spielerinnen wurde, auch über die afro-amerikanischen Gesellschaft hinaus, ist doch nicht zu Ende. Am 6. Januar wird Serena Williams bei einen Turnier in Auckland/Neuseeland ins nächste Jahrzehnt starten, und aktuelle Eindrücke lassen darauf schließen, dass sie es weiter feurig ernst meint.

In einem Trainingscamp ihres Coaches gönnte sie sich vor Weihnachten Box-Einheiten mit dem ehemaligen Schwergewichtsweltmeister Mike Tyson, der sichtlich beeindruckt war, wie sie auf den Sandsack drosch. Serena, die Innovatorin, schlägt weiter zu.