Winter Game: Ice of the Tiger

Nürnberg Wenn etwas mehr Show und mehr Spektakel sein soll, dann muss weniger Sport dabei herauskommen. So wie am Samstag im Nürnberger Fußballstadion, als dort im Innenraum ein einsames Eishockeyfeld lag und drumherum, aber in großer Entfernung, 50 000 Freiluftzuschauer – neuer Europarekord – eine Party feierten. Winter Game hieß die Veranstaltung, ein Spiel zwischen den Nürnberg Ice Tigers und den Eisbären Berlin (4:3), das vielen Beteiligten gefiel, weil es wie früher war, als sie noch auf Dorfweihern Eishockey spielten.

14.02 Uhr: Die Stars von gestern und vorvorgestern kommen zum Vorspiel auf die Eisfläche, zum sogenannten Alumni Game. Erich Kühnhackl, Didi Hegen, Jürgen Rumrich, Peppi Heiß, Sven Felski und viele andere. Der Hallenstadionsprecher schreit Vornamen ins Mikrofon, aber das heutige Publikum kennt die Nachnamen kaum. Gut, dass es noch eine von diesen Kamerablondinen gibt, die das Sportfernsehen seit ein paar Jahren mit sexy Nägeln und seichten Fragen bereichern, denn die findet den richtigen Ton: „Seid ihr da? Seid ihr gut drauf?“

14.19 Uhr: Peter John Lee, Manager der Eisbären, trägt die Nummer zwölf, er ist siebenundfünfzig Jahre alt und hat gerade ein Tor für seine Rentnertruppe erstochert. Am Ende steht es 4:4, keine Verlängerung. Franz Reindl, der Sportdirektor des Deutschen Eishockey Bundes, sagt: „Es ist toll, wenn beide Teams gewinnen.“ Es ist auch toll, dass sich keiner verletzt hat. Die Sanitäter ziehen erst mal ab.

15.05 Uhr: Die Show hat begonnen. Nach einer Band, die nicht auffiel, kommen The BossHoss auf die Bühne, die Berliner Cowboy-Imitate, die vor allem dadurch auffallen, dass sie überall sind. „I’m dreaming of spreading my wings and fly into the sky“, singen sie wie aus der Reimpistole geschossen. Was grob übersetzt heißt: bloß weg hier! Warum sie überhaupt da sind? „Wir haben uns gleich gedacht, das ist eine verrückte Idee, da machen wir mit.“ Crazy shit! „Yeeha!“

15.45 Uhr: Eine schwarze Gummimatte führt zum Eis, das ist der Catwalk für die Ice Tigers und die Eisbären. Dass es so etwas wie Eistiger nicht mal in den USA gibt, egal, sie kommen jetzt trotzdem aus ihrem Kabinenkäfig. Zum Warmfressen.

16.32 Uhr: Endlich Eishockey – oder auch nicht. Der Puck flutscht nicht, er klebt eher auf dem Eis, weil es seit Stunden nieselt bis regnet, Pfützen haben sich gebildet. Die Vorstellung, nur Jesus könne übers Wasser laufen, muss überdacht werden.

16.35 Uhr: Pyrotechnik ist kein Verbrechen. Zumindest nicht beim Eishockey, denken sich die Berliner Fans und brennen die Luft ab. Mit zwei Sonderzügen sind die meisten angereist, und das ist die zweite Botschaft, die sie den Nürnbergern mitgebracht haben: „Wir sind Rekordmeister in unserem Ländle“, steht da im Block geschrieben. Gut, dass wenigstens der Sonderzugführer in Erdkunde aufgepasst und nicht in Stuttgart gehalten hat.

16.48 Uhr: Strafzeit. Aus den Boxen dröhnt: „Eye of the Tiger“ oder „Ice of the Tiger“ oder so ähnlich.

16.51 Uhr: Powerbreak, früher als Werbepause bekannt. Fensterputzer nutzen die Abwesenheit des Fernsehens, um die kameraunfreundlichen Regentropfen von den Plexiglasscheiben zu wischen. Vielleicht sollten auch die Verteidiger der Eisbären diesen Service nutzen.

17.13 Uhr: „Yeeha!“ Oje, die Verrückten singen noch mal in der Drittelpause. Tore? Fehlanzeige. „Wusste gar nicht, dass der auch ’ne Hupe hat“, sagt die Kamerablondine zusammenhangslos. „Gleich kommen die Teams wieder aufs Feld.“

18.08 Uhr: Tooor für die Eisbären! In Unterzahl erzielt Florian Busch das 1:1, zwei Sekunden vor Ende des zweiten Drittels. Aber er weiß das noch gar nicht. Seine Worte sind über die Außenmikrofone zu hören: „War der drin, oder was?“ Die Vorarbeit kam von Reiner Zufall.

18.14 Uhr: Apropos Außenmikrofone. Geräusche hallen durchs Stadion. Das Kratzen der Kufen und das Knacken der Schläger lassen an Suppe schlürfende Chinesen denken, die dem Suppenhuhn noch das letzte Knöchelchen brechen.

18.30 Uhr: Die Großstadtcowboys haben anscheinend genug gereimt, in der zweiten Pause hat die Ice Crew ihren Auftritt. Leicht bekleidete Mädchen sind das, die seit drei Monaten trainiert haben und nach dreißig sehr wackeligen Sekunden wieder das Eis verlassen. „Kommen wir nun zum letzten Teil des Spiels“, sagt die Kamerablondine.

18.38 Uhr: Tooor für die Eisbären! André Rankel trifft zum 2:2 und holt sich erst mal ein frisches Handtuch an der Bande. Irgendwo müssen die Eisbären dort einen Trockner versteckt haben.

18. 53 Uhr: TJ Mulock versucht dem Schiedsrichter die Abseitsregel zu erklären. „No“, sagt Mulock. „Yes“, sagt der Schiedsrichter.

19.02 Uhr: Die Welle geht durchs Stadion und bricht am Berliner Block. Pfiffe für die Gäste, die inzwischen mit 2:4 zurückliegen. Dann halt: „Oh, wie ist das schön.“ Don Jackson, Trainer der Eisbären, wechselt zum Takt das Standbein, Gott sei Dank, er ist nicht festgefroren.

19.17 Uhr: Der Schiedsrichter malt ein Rechteck in die Luft, er will den Videobeweis, noch knapp eine Minute zu spielen. Dann gleitet er zum Schiedsgericht und setzt sich Kopfhörer auf. Ein Treffer ist anscheinend erst dann regelkonform, wenn mehrere Sinne zustimmen. Nachdem auch sein Torriecher richtig entschieden hat, steht es nur noch 3:4 – aber TJ Mulocks Treffer (Yes!“) kommt zu spät.

19.23 Uhr: Constantin Braun steht im Fernsehstudio zwischen zwei Moderatoren, beide tragen Cowboyhüte. Der Verteidiger der Eisbären sagt: „Ehrlich, ich bin ganz froh, dass es endlich vorbei ist.“

19.45 Uhr: Zwei Berliner Fans auf dem Weg zum Sonderzug. Sagt der eine: „So, jetzt haben wir auch diesen Scheiß mitgemacht. Und wo geht’s nächste Woche hin?“ Sagt der andere: „Weiß nicht. Prost.“