Wir, die Fußballreporter: vom Paradies in die Kampfzone

Früher war die Grenze zwischen Beruflichem und Privatem fließend. Heute haben Reporter einen limitierten Zugang, es gibt PR-Papperlapapp. Über den Wandel eines Berufstands.

Berti Vogts im heimischen Wohnzimmer
Berti Vogts im heimischen Wohnzimmerimago/WEREK

München, Olympiastadion, 25. Juni 1988. Volle Hütte, prächtige Stimmung. Nicht mehr lange, dann würden die Mannschaften einlaufen. Drei Jahre zuvor hatte ich noch über Hansi Buchhierl, den Bezirksliga-Goalgetter des TSV Wolfratshausen, geschrieben, und über Charly Dytrt, Torhüter des A-Klassisten TuS Geretsried, die fliegende Tonne. Und jetzt Finale der Europameisterschaft. Holland gegen UdSSR. Koeman, Gullit und van Basten gegen Dassajew, Chidijatullin und Belanow. Mein Auftrag: zwei Randgeschichten; den Spielbericht für die Süddeutsche Zeitung würde der erfahrene Kollege Hans Eiberle übernehmen.

Hinter mir lagen zwei Wochen zwischen Hamburg, Gelsenkirchen und Stuttgart. Ich hatte neben dem dänischen Stürmer Preben Elkjær Larsen gestanden, der nach dem Training halbnackt und in heruntergelassenen Stutzen eine Zigarette rauchte. Hatte neben Walter Zenga gesessen, dem Torhüter der Italiener, der mit Sonnenbrille und Brillantine im Haar aussah wie der junge Marcello Mastroianni. Und die Iren erlebt nach deren historischen 1:0 gegen die Engländer. Wenn ich beim Schreiben nicht weiterwusste, hatte ich mitgebrachte Bücher gewälzt. Ödön von Horváth für die Melodie der Sätze. Karlheinz Deschner für einen passenden Aphorismus. Und nach einer Pressekonferenz mit Waleri Lobanowski, dem wortkargen Trainer der Sowjets, war ein fiktives Interview entstanden. Wenn der Kollege Eiberle das bei der WM 1986 machen durfte, warum nicht auch ich?

„Du kannst jeden anrufen, auch der Papst hat Telefon“

Ich war 27, es war mein erster Einsatz bei einem großen Sportevent. Niemand hatte mir beigebracht, wie man damit umgeht. Umso ehrfürchtiger blickte ich auf die etablierten Kollegen, die lässig durch die Pressezentren flanierten. Ulfert Schröder, der große Sachbuchautor. Hans-Josef Justen, gefeiert für seinen „Montagskommentar“ in der WAZ. Wolfgang Uhrig vom Kicker. Kurt Röttgen vom Spiegel. Jo Villevoye vom Stern. Bernd Hildebrandt von der Abendzeitung. Jupp Müller vom Kölner Stadtanzeiger, der sich gerne vorstellte mit den Worten: „Cologne City Adviser, grande Kathedral, moi.“ Und der ständig an der Strippe hing: „Du kannst jeden anrufen, auch der Papst hat Telefon.“ Und da waren die Bild-Leute, die häufig im Team auftraten und so taten, als würde man nie erfahren, was sie längst wussten. Und es stimmte. Sie hatten die besten Kontakte, nicht selten bezahlte.

Frühling 2022. Köln-Junkersdorf, gleich hinter dem Müngersdorfer Stadion. Ein weißes Vorstadthaus hinter einer Hecke, kein Name an der Klingel. Hier wohnt Markus Bockelkamp. Wir wollten seine Texte besprechen. Im Esszimmer Markus’ Vater. Klaus Bockelkamp, der früher alle kannte im Fußballgeschäft, nicht nur im Rheinland eine Sportjournalistenlegende. Zum zehnten Geburtstag hatte er für Markus und dessen Kumpels – eine Hälfte Effzeh-, die andere Gladbachfans – einen Kick organisiert. Es kamen Hannes Löhr, Dieter Müller und Jürgen Glowacz, Jupp Heynckes, Rainer Bonhof und Berti Vogts. Markus sagt: „Als ich dann auch Sportjournalist wurde, hatte ich nie Angst rauszugehen. Wenn ich meinen Namen sagte, war das sofort ein anderes Gespräch.“

 Klaus Bockelkamp und Günther Netzer
Klaus Bockelkamp und Günther Netzerprivat

Man erkennt ihn auch Jahrzehnte später sofort. Groß gewachsen, markantes Gesicht, immer noch drahtig. Klaus Bockelkamp ist Jahrgang 1934, geboren am 8. August. Ein großer Geburtstag stand an. Achterachterachtundachtzig. Bis vor einigen Jahren hat er noch mehrmals in der Woche Tennis gespielt. Geht nicht mehr. Mehrere Achillessehnenrisse, Muskelschmerzen, Rückenschmerzen. Er sagt: „Ich bin dadurch ein bisschen unzufrieden, ich hab ja mein ganzes Leben lang Sport getrieben.“ Bleiben die Besuche bei den Spielen seines Enkels Samuel, Torhüter in der U19 von Borussia Lindenthal-Hohenlind. „Ich habe fast jedes seiner Spiele gesehen.“ Und, während er sich an den Kopf fasst: „Wie die Jugend von heute spielt, mein Gott! Der Ball läuft technisch gut, das Tempo ist hoch, was für eine Entwicklung der Fußball genommen hat.“

Er kommt aus Essen, wo ein Onkel nach dem Krieg Sportredakteur bei einem Vorläufer der WAZ war. Die Bilder aus dem Stadion an der Hafenstraße hat er immer noch im Kopf. „Islaker von links, Rahn von rechts, Herkenrath im Tor.“ Pokalsieg 1953. Deutsche Meisterschaft 1955. Dazwischen das Wunder von Bern, das Bockelkamp in einer Ruhrpottkneipe am Fernseher verfolgte. „Alles voller Zigarettenqualm, bei Rahns Siegtor ist der ganze Laden an die Decke gesprungen.“

Was, denkt man, hätte so einer anderes werden sollen als Sportjournalist?

Unvergessen auch die Tage danach. „Als die Mannschaft mit dem Zug nach München fuhr, standen die Menschen jubelnd und winkend in den Feldern und auf den Bahnhöfen. Als Rahn in Essen ankam, waren 100.000 auf der Straße. Überall war das so: bei Turek in Düsseldorf, bei Posipal in Hamburg, bei den Kaiserslauternern sowieso.“ Bockelkamp: „Das hat es vorher nicht gegeben und danach auch nicht mehr.“ Warum? „Als 20-Jähriger habe ich das nicht verstanden, aber man muss wissen, wie verhasst wir Deutschen damals auf der ganzen Welt waren.“

Wenngleich: Es gab auch Ausnahmen. „In Essen hatten wir nach dem Krieg die Kohlen Control Mission, da waren auch Franzosen.“ Bockelkamp freundete sich mit dem Sohn eines Beamten an. Mit Jean-Marie spielte er auch Fußball bei Fortuna Bredeney. Der Freund wurde später Profi bei Racing Club de Lens, Nationalspieler und mit AS Monaco französischer Meister. Und später Polizeipräsident des Fürstentums. Bockelkamp blieb stets in Kontakt mit Jean-Marie Courtin, dem Vater von Benedicte, der ersten Freundin von Boris Becker. Was, denkt man, hätte so einer anderes werden sollen als Sportjournalist?

Seine berufliche Laufbahn beginnt 1962 bei der Recklinghäuser Zeitung. 1964 kommt er zur Kölner Redaktion von Bild. Dort legt er richtig los. Fährt dem FC nach Paris hinterher, nicht üblich damals. „Trainer Knöpfle sagte: Das kann doch nicht wahr sein! Was machen Sie denn hier?“ Der HSV spielt in Brügge? „Ich dachte mir, das liegt doch bei uns um die Ecke.“ Vom Hotel ging es mit dem Mannschaftsbus ins Stadion, beim Abendessen nach dem Spiel saß Bockelkamp mit Uwe Seeler und Charly Dörfel am Tisch. Nicht anders beim FC Bayern. „Manager Schwan sagte immer: Sie essen natürlich mit uns.“ Frühe Erkenntnis zwischen Suppe und Dessert: „Ich habe nie einen freundlicheren Mann getroffen als Franz Beckenbauer.“ Bild verkaufte damals täglich fünf bis sechs Millionen Zeitungen. Viel später sollte Boris Becker sagen: „Leg dich niemals mit Bild an, außer du gewinnst Wimbledon.“

Der Weisweiler hat schon mal gefragt: Was würdest du machen, wen würdest du spielen lassen?

Klaus Bockelkamp, ehemaliger Fußballreporter

„Na, na, na“, sagt Bockelkamp, „bei mir gab es eigentlich nie Probleme, von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen.“ Vielmehr sei Bild für ihn eine „tolle Schule“ gewesen. „Dort habe ich gelernt, wie man recherchiert, ich würde das jedem jungen Kollegen für mindestens sechs Monate nahelegen.“ Viel kann er nicht falsch gemacht haben. Mit nicht wenigen der damaligen Stars war er befreundet, insbesondere mit Hennes Weisweiler. „Der hat gemerkt: Das ist auch so ein Fußballverrückter.“ Als Weisweiler den FC Barcelona trainierte und für ein Freundschaftsspiel ins Rheinland kam, ließ er den Mannschaftsbus eine Stunde vor dem Haus der Bockelkamps warten, während er in der Küche Kaffee trank, neben dem Aschenbecher und eine Schachtel Lord Extra. „Der Weisweiler hat schon mal gefragt: Was würdest du machen, wen würdest du spielen lassen?“ Schließlich hat Bockelkamp bei den Trainerlehrgängen in Köln häufig mitgekickt, während Udo Lattek und Gyula Lóránt draußen saßen: „Die Holzfüßler haben wir auf die Bank gesetzt.“

Andere Zeiten. Wer im selben Hotel wohnt, steht natürlich abends gemeinsam an der Theke. Bockelkamp hat auch mal auf Wunsch von Hans Schäfer zwei Taschen Bier für einen Umtrunk ins Kölner Trainingslager gebracht. „Ich weiß nicht mehr, wie das Spiel danach ausging, verloren haben sie jedenfalls nicht.“ Die Grenzen zwischen beruflichem und privatem Umgang waren fließend. Der 2015 verstorbene WAZ-Sportchef Hans-Josef Justen hat sogar mehrmals beim FC Schalke 04 im Training mitgespielt, obwohl jeder wusste: „Der Ball war mein natürlicher Feind.“ 1969, beim Abschlusstraining vor dem Europacupmatch gegen die Shamrock Rovers, ließ Trainer Rudi Gutendorf seine Mannschaft gegen Journalisten kicken, ergänzt durch drei Profis. Nach 90 Minuten stand es 1:1. „Gutendorf“, so Justen, „ist draußen bekloppt geworden.“ Von Justen gibt es auch ein denkwürdiges Foto. Nach einem Interview bei Kaffee und Kuchen machte er mit Sepp Herberger einen Wettlauf um dessen Haus in Weinheim; Eva Herberger sichtbar konsterniert daneben.

 Trainer Hennes Weisweiler Zürich beim Interview
Trainer Hennes Weisweiler Zürich beim Interviewimago/Magic

„Für einen Sportjournalisten“, sagt Bockelkamp, „war es damals ein Paradies.“ Erst recht bei Weltmeisterschaften. 1970 hatte Bild für jede Vorrundengruppe einen Redakteur nach Mexiko geschickt, zwei waren in Mexiko-Stadt, fünf beim DFB-Team im Hotel Balneareo in Comanjilla. Ein Privileg, das nicht allen Pressevertretern gewährt wurde. Bockelkamp erinnert sich an „wunderschöne Bungalows“ und einen „riesigen Swimmingpool, dort saßen wir im Wasser und haben Interviews geführt mit jedem, der Lust hatte“. Bei den Spielen gab es noch keine Akkreditierung für den Innenbereich. Um auf dem Platz Stimmen der Akteure einholen zu können, zur Halbzeit, nach dem Spiel, manchmal auch zwischendurch, machte Bockelkamp die Ordner mit Mitbringseln aus der Heimat gefügig. Schlüsselanhänger, Kugelschreiber, Krimskrams. Eine aufwendige Nummer, gerade beim Jahrhundertspiel. „Wir hatten schließlich eine offene Standleitung nach Deutschland, jedes Tor musste nachgeschoben werden.“

Die bevorzugte Währung des Boulevards waren aber schon damals nicht Tore und Spielberichte. So auch 1974. Bockelkamp erzählt: „Wir hatten nach dem DDR-Spiel in Eutin zu Abend gegessen und fuhren um ein Uhr nachts zu unserem Hotel in Malente. In der Sportschule war alles hell erleuchtet. Da wussten wir: Da ist was los, da müssen wir in der Früh die Ersten beim Training sein. So erfuhren wir, dass der Franz Tacheles geredet hatte, dass viel Alkohol im Spiel war, und Helmut Schön abreisen wollte.“ Mitleid mit Schön? „Na ja, der war ein netter Mann und sicher auch ein guter Fußballer, aber an den Erfolgen der Nationalmannschaft hatte er wenig Anteil.“ Die gelungenen Auftritte 1966, 1970 und 1974, so Bockelkamp, habe der Bundestrainer Seeler und Beckenbauer zu verdanken gehabt. „Der Schön war kein großer Taktiker, 1978 in Argentinien haben wir mit einer Spitze gespielt, selbst die Maurermeister aus Italien hatten drei Stürmer auf dem Platz.“

Jeder zweite Satz eines Nationalspielers hört sich inzwischen wie auswendig gelernt an

Those were the days. Wer wissen will, wie es heute zugeht im Fußballjournalismus, muss sich mit Elisabeth Schlammerl unterhalten. Sie ist Vizepräsidentin des Verbandes Deutscher Sportjournalisten und freie Autorin, unter anderem für die FAZ. Schlammerl sagt: „Schon lange vertreiben DFB und Vereine Informationen vorzugsweise über ihre eigenen Kanäle. Aussagen von Spielern oder Trainern auf deren Webseiten oder Bayern.TV sind oft nur bedingt zu gebrauchen.“

Die Journaille wird mit PR-Papperlapapp abgefertigt, in der Mixed Zone geben die Inhaber der TV-Übertragungsrechte den Ton an, den Rest kontrollieren die Spielerberater. Mit dem Ergebnis, dass sich jeder zweite Satz eines Nationalspielers inzwischen anhört wie auswendig gelernt. Exklusivinterviews gibt es, wenn überhaupt, nur noch für Leitmedien. Und die kommen nach der Autorisierung nicht selten verhackstückt zurück. „Nachfragen kann man kaum mehr“, so Schlammerl. „Früher war man vernetzt, kannte die Leute. Jupp Heynckes kannte mich noch, ob mich Julian Nagelsmann kennt, weiß ich nicht.“

Schlammerl hat von den Weltmeisterschaften 2006 und 2018 berichtet. In Brasilien 2014 wäre sie gerne dabei gewesen, musste aber als Ghostwriterin des ehemaligen Nationalspielers Cacau von München aus eine Kolumne für zehn Tageszeitungen betreuen. Ihre Erfahrungen: „2006 war alles schon sehr reglementiert, auch wenn ich zweimal nach Spielen der Portugiesen in der Mixed Zone auf Ronaldo getroffen bin.“ War aber nicht weiter der Rede wert. „Zitate von Fußballern sind eh überschätzt, für eine gut recherchierte Hintergrundstory braucht man die nicht unbedingt.“

Kommerz, Privatfernsehen und Internet haben den klassischen Printjournalisten zum Zaungast degradiert

Das Problem: Immer weniger Medienhäuser können oder wollen sich Qualitätsjournalismus leisten. „Immer mehr Redaktionen setzen inzwischen auf Instrumente wie Readerscan, schauen also ganz genau, was am meisten gelesen, was am meisten geklickt wird“, sagt Tobias Schächter von den Badischen Neuesten Nachrichten. „Nicht mehr die hintergründige Geschichte kommt, sondern die kurzfristige Stargeschichte.“

Kommerz, Privatfernsehen und Internet haben den klassischen Printjournalisten zum Zaungast degradiert. „Heute produzieren Zeitungen keine Nachrichten mehr“, sagt Maik Nöcker vom Podcast Fußball MML, „und der Satz ‚Das machen wir morgen‘ ist längst passé. Die Fußballnachrichtenbörse ist heute eine riesige, dschungelhafte Kampfzone, in der es keine Regeln und keine Grenzen gibt.“ Was herauskommt, ist eine Mischung aus Gerüchten, Geraune und Marketingschnipseln. Und über allem wabert die Kakophonie der Social-Media-Plattformen. „Das Privileg der Alten, bei denen es reichte, nur da zu sein, ist weg“, so Nöcker. „Und dass es noch Formate wie Sportschau oder Sportstudio gibt, liegt überwiegend am demografischen Wandel. Das sind lieb gewordene Gewohnheiten einer Zielgruppe, die langsam wegstirbt.“ Für Nöcker Relikte einer versunkenen Zeit, „umweht von einem Aroma aus Jacobs Krönung, Asbach Uralt und Pitralon“.

13.03.2022, HDI-Arena, Hannover, Ligaspiel, 2. Bundesliga, Hannover 96 vs 1. FC Nuernberg, im Bild TV Kamera DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video. Hannover 96 vs 1. FC Nuernberg
13.03.2022, HDI-Arena, Hannover, Ligaspiel, 2. Bundesliga, Hannover 96 vs 1. FC Nuernberg, im Bild TV Kamera DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video. Hannover 96 vs 1. FC NuernbergIMAGO/Joachim Sielski

Was für Print übrigbleibt, sind Randnotizen, bei Weltmeisterschaften zunehmend Impressionen, das Drumherum, Land und Leute. Fragt man Schlammerl nach ihren WM-Erinnerungen, kommt bei 2006 kein Exklusivinterview mit einem Weltstar oder ein investigatives Highlight, sondern „die fröhliche Stimmung im Land, es konnte keiner vorhersehen, dass die Deutschen mit Fahnen am Auto rumfahren, das haben bei uns vorher nur die Kroaten, Italiener und Griechen gemacht“.

2018 in Russland saß Schlammerl in einem Sonderzug für Fans und Journalisten nach Rostow am Don. Ihr gegenüber ein Russe, der irgendwann meinte: „Ich habe gehört, dass man in Deutschland nicht alles über Angela Merkel schreiben darf.“ Schlammerl: „Doch, wir haben Pressefreiheit.“ Der Russe: „Wir auch, bei uns darf nur nicht über das Privatleben des Präsidenten berichtet werden.“ Irgendwann erwähnte der Reisebegleiter seinen Vater, der den russischen Geheimdienst FSB berate. „Danach“, so Schlammerl, „habe ich nicht mehr viel erzählt.“

Die Anekdoten nehmen kein Ende

Zurück in Köln-Junkersdorf. Auf dem Esstisch liegen die alten Fotos. Klaus Bockelkamp mit Jupp Derwall und Hugo Sánchez. Mit Helmut Schön und Kollegen 1974 im Garten der Sportschule Malente. Mit Jupp Heynckes und Wolfgang Overath, mit Hermann Neuberger und Günter Netzer samt dessen schnittigen Jaguar. Dazwischen eine Postkarte adressiert an Klaus Bockelkamp, 5 Köln, Karl-Benz-Straße 9, unterschrieben von allen Spielern des DFB-Kaders 1966: „Viele Grüße von der WM in England.“ Bockelkamp hatte damals nur die Vorbereitungslehrgänge mitgemacht, nach England fuhren ranghöhere Kollegen. Um ihn bei Laune zu halten, schickte ihn Bild mit dem 1. FC Köln zum Europapokal nach Tirana, „wo es damals keine Autos gab, nur Pferdefuhrwerke“.

Die Anekdoten nehmen kein Ende. Bockelkamp war 1965 beim „Münzwurfspiel“ der Kölner gegen den FC Liverpool. Er war 1985 beim „Todesspiel“ im Brüsseler Heysel-Stadion, als vor dem Europapokalfinale zwischen Liverpool und Juventus Turin 39 Menschen zu Tode getrampelt wurden. Er verfolgte, wie der Stern von Hunderten Fußballern aufging und oft genug schnell verglühte. Und er hat viele seiner Freunde aus dem Geschäft gehen sehen, Kollegen, Trainer, Fußballer, zuletzt Uwe Seeler. Man ruft ihn wenige Tage nach dessen Tod an. Bockelkamp: „Ein warmherziger Mensch, Uwe konnte man immer ansprechen, er war gradlinig und anständig.“

1976  Copyright: imago/Rolf Hayo Jupp Heynckes (BR Deutschland / Borussia Mönchengladbach, li.); Gladbach, BRD, Vneg, Vsw, quer Saison 1976/1977, Fotoshooting, Fotostory, Homestory Fußball 1. BL Herren Mannschaft Gruppenbild Privatbild
1976 Copyright: imago/Rolf Hayo Jupp Heynckes (BR Deutschland / Borussia Mönchengladbach, li.); Gladbach, BRD, Vneg, Vsw, quer Saison 1976/1977, Fotoshooting, Fotostory, Homestory Fußball 1. BL Herren Mannschaft Gruppenbild Privatbildimago/Rolf Hayo

Wenn wir schon bei menschlichen Werten sind: eine Geschichte aus Haiti. Borussia Mönchengladbach spielt während einer Mittelamerikatournee 1976 in Port-au-Prince. Nach dem Spiel sagt Jupp Heynckes: „Ich will mein Patenkind besuchen, kommst du mit?“ Bockelkamp: „Er hatte jahrelang monatlich 50 Mark überwiesen und natürlich nie damit gerechnet, dass er dieses Mädchen jemals sehen würde. Doch der Fußball machte es möglich.“ Nach einem halben Tag in einer Lehmhütte bittet Heynckes auf dem Nachhauseweg: „Aber hiervon keine Story.“ Weisweiler war sein Freund, doch für den größten aller Trainer, die ihm begegneten, hält er Heynckes. „Weil er menschlich herausragend ist.“

Es gehört zum Dilemma des modernen Fußballjournalismus, dass Reporter die für ein derartiges Urteil nötigen Erfahrungen heute kaum noch machen können. Müßig, darüber zu spekulieren, ob der Fußball und seine Macher verstehen, dass sie sich damit keinen Gefallen tun. „Wer seine Geschichte nicht erzählen kann“, hat der britische Schriftsteller Salman Rushdie einmal gesagt, „existiert nicht.“ Die wahre Geschichte wohlgemerkt. Alles andere ist irgendwann vergessen.


Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Die WM und ich. Reporter erzählen. Von Bern bis Katar, Momenten für die Ewigkeit und was aus dem Fußball geworden ist“, Herausgeber Gerhard Waldherr, Allitera Verlag, 28 Euro.