Treuer Begleiter in der Sommerpause: Sportdirektor Himar Ojeda legt das Mobiltelefon in diesen Tagen nur selten aus der Hand.
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BerlinHimar Ojeda macht sein Handy aus. Was nett klingt, ist derzeit Voraussetzung für ein ungestörtes Gespräch mit dem Sportdirektor von Alba Berlin. Sein Telefon klingele dieser Tage so oft, dass jüngst sogar seine 2000 monatlichen Freiminuten erstmals aufgebraucht waren, erzählt der 47-Jährige. Etliche Minuten galten der Verpflichtung des uruguayischen Nationalspielers Jayson Granger vom spanischen Champion Baskonia Vitoria. Der Guard unterschrieb einen Einjahresvertrag. In dem knapp einstündigen Interview mit Ojeda geht es nun um Zu- und Abgänge, das gute Händchen des Sportdirektors bei Spielerverpflichtungen und die Frage, ob Aito Garcia Reneses Alba-Trainer bleibt.

Herr Ojeda, in Berlin sind noch Ferien, Ihre Spieler sind in der Sommerpause. Für einen Sportdirektor sind die Sommermonate vermutlich weniger entspannt, oder?

Definitiv. Für mich ist der Sommer die stressigste Zeit des Jahres. Ich führe schon sehr viele Telefonate im Moment.

Wie haben Ihre Wochen nach dem Gewinn der Meisterschaft Ende Juni ausgesehen?

Die Arbeit ging sofort los und hält bis heute an. Es ist fast ein bisschen traurig: Statt den Titelgewinn richtig zu genießen und zu feiern, ging es für mich sofort darum, am Team für die neue Saison zu arbeiten. Wer verlässt uns? Wer bleibt? Wen holen wir?

Es stand früh fest, dass mit Rokas Giedraitis, Martin Hermannsson und Landry Nnoko drei Leistungsträger Alba verlassen würden. War das vorhersehbar?

Bei Rokas war absehbar, dass er uns verlassen würde. Er hatte schon im vergangenen Sommer ein unglaubliches Angebot eines anderen Klubs und ist trotzdem bei uns geblieben. Dass er so ein Angebot zweimal hintereinander ausschlägt, ist nicht sehr wahrscheinlich. Bei den anderen hatte ich schon eher das Gefühl, sie halten zu können. Aber uns war klar: Wenn sich unsere Spieler einmal in der Euroleague bewiesen haben, werden sie auch von den großen Klubs rekrutiert.

Ist es frustrierend, wenn jemand bei Ihnen zum Euroleague-Spieler reift, nur um dann zu einem anderen Verein zu wechseln?

Wir hatten zuletzt eine sehr gute Mannschaft mit vielen sehr guten Spielern. Unser Ziel war es, diese Mannschaft so lange wie möglich zusammenzuhalten. Das ist uns gelungen. Das Gute ist, dass die Spieler uns nicht verlassen, weil sie unbedingt wegwollen. Sie verlassen uns, weil sie müssen.

Wie meinen Sie das?

Wir haben es mit Alba geschafft, eine Situation herzustellen, in der Spieler nur gehen, wenn sich dadurch ihr Leben verändert – entweder sportlich oder finanziell. Alle Leistungsträger, die uns diesen Sommer verlassen haben, verdienen bei ihren neuen Klubs mindestens doppelt so viel wie bei uns oder haben ihr Gehalt sogar verdreifacht.

Bislang haben Maodo Lo, Ben Lammers, Simone Fontecchio und Louis Olinde unterschrieben. Wie sieht Ihre Arbeit im Vorfeld solcher Verpflichtungen aus?

Ich beobachte den Markt und die Spieler das ganze Jahr über und gucke mir ab Oktober Videos und Spiele von interessanten Spielern an. Im Frühjahr dann noch mehr als sonst. Ich analysiere potenzielle Zugänge und versuche sie live spielen zu sehen und zu treffen. Dazu spreche mit unseren Coaches und erstelle einen Plan für den Sommer.

Sagen wir, Sie interessieren sich für einen Spieler: Wann und wie kommt es zur Kontaktaufnahme?

Das ist immer abhängig von dem Spieler und dessen Agenten. Es gibt Agenten, die länger warten und auf die wir zugehen. Es gibt aber auch diejenigen, die sehr früh aktiv werden und auf uns zukommen. Gerade die deutschen Spieler und Agenten wollen ihre Vertragsangelegenheiten eher früher klären. Bestenfalls im März oder April.

Wie hat die aktuelle Corona-Pandemie die Abläufe und den Spielermarkt allgemein verändert?

Lange Zeit hat alles stillgestanden, ehe im Juli alles explodiert ist. Die Preise der Spieler sind dabei im Schnitt ein wenig gesunken. Allerdings nicht so sehr in der Euroleague. Die Klubs dort haben zwar weniger, aber immer noch sehr, sehr viel Geld.

Zurück zum Prozess der Spielerverpflichtungen: Worauf achten Sie, wenn Sie entscheiden, ob ein Spieler für Alba interessant sein könnte?

Zum einen natürlich auf die sportlichen Fähigkeiten. Zum anderen lege ich großen Wert auf den Charakter. Wenn ein Spieler diesbezüglich nicht ins Team passt, spielen seine basketballerischen Fähigkeiten keine Rolle. Für mich ist dabei besonders wichtig, dass ein Spieler von sich aus besser werden will.

In den vergangenen Jahren haben Sie zahlreiche Spieler verpflichtet, die bei Alba anschließend einen großen Schritt machen. Wie gelingt das?

Dafür gibt es zwei große Faktoren. Der erste ist, dass wir es in den vergangenen Jahren geschafft haben, Spielern bei Alba eine gute Situation zu bieten. Wir haben ein gutes Umfeld aufgebaut, gute Strukturen und Trainer, die einen exzellenten Job machen. Spieler kommen zu uns, weil sie hier besser werden können. So können wir uns auch mit Klubs mit deutlich höheren Budgets messen.

Haben Sie ein Beispiel parat?

Louis Olinde zum Beispiel habe ich schon vor vier Jahren versucht nach Berlin zu holen, aber er ist damals nach Bamberg gewechselt. Ehrlicherweise war die Situation dort vor vier Jahren attraktiver als die in Berlin. Inzwischen ist das Gegenteil der Fall.

Und der zweite Faktor?

Es gelingt uns, Spieler zum richtigen Punkt ihrer Karriere zu verpflichten. Wie Martin Hermannsson. Als wir ihn verpflichtet haben, war er ein junger aufstrebender Spieler. Ich habe ihn damals viel beobachtet und bin zu dem Schluss gekommen, dass er bald einen Sprung hinlegen und sehr schnell, sehr viel besser werden könnte.

Das Risiko, dass der große Schritt ausbleibt, nehmen Sie dabei in Kauf?

Es gibt sicherlich auch Klubs, die nicht mutig genug sind, jemanden zu verpflichten, bei dem man nicht weiß, ob er wirklich gut wird oder nicht. Man muss sowohl das Risiko als auch den möglichen Ertrag analysieren und einander gegenüberstellen. Mit unseren Spielern der vergangenen Jahre ist das gut gelungen. Und in diesem Sommer müssen wir erneut das ein oder andere Risiko eingehen, indem wir Spieler verpflichten, die vielleicht noch nicht auf dem allerhöchsten Level gespielt haben, dafür aber das Potenzial besitzen.

Wo herrscht denn mit Blick auf den aktuellen Kader noch Handlungsbedarf und was ist an den hartnäckigen Gerüchten um Tamir Blatt dran?

Tamir Blatt ist ein Spieler, den ich schon lange beobachte und der gut in unser Team passen würde. Er liest das Spiel gut, ist ein toller Passgeber und ein guter Werfer. Wir sind sehr an ihm interessiert, aber spruchreif ist noch nichts. Dazu müssen wir gucken, ob wir auf den großen Positionen noch jemanden verpflichten. Je nachdem, wie viel Budget wir am Ende noch übrig haben. (lacht)

Auch die Frage nach dem Trainer ist noch ungeklärt. 

Es ist ja bekannt, dass Aito von Jahr zu Jahr entscheidet, ob er genug Lust und Kraft hat, um weiterzumachen. Ich habe das Gefühl, dass er noch viel Energie hat und bin optimistisch, dass er bleibt.

Wäre es eine Option, dass er einen Teil der sehr zahlreichen Auswärtsreisen nicht mitmacht?

Das ist etwas, was ich ihm selbst schon vor einiger Zeit vorgeschlagen habe. Gerade die besonders langen Reisen mit dem Bus oder per Flugzeug sind für jeden Menschen anstrengend und für einen 73-Jährigen umso mehr. Genauso wie Aito selbst, haben wir großes Vertrauen in den restlichen Trainerstab um Israel Gonzalez und Sebastian Trzcionka. Es wäre also auch keine schlechte Lösung, wenn Aito auf einige der längeren Reisen verzichten würde.