Gelbes Rad in der roten Zone: Nizza vor dem Start der 107. Tour de France.
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Nizza/BerlinDie Tour de France ist ein Sturm. Dann, wenn sie mit voller Wucht auf einen Etappenort trifft. Es beginnt mit einem Knattern, rhythmisch, tacktacktack: fünf, sechs Helikopter landen, spucken Kameraleute aus, betten sich pfeifend zur Ruhe. Nebenan auf der Straße rauscht und saust es, Autos, Motorräder, bis Stille einkehrt für einen kurzen Moment und von Ferne der Donner heraufzieht, immer lauter und lauter. Getrommelt von Tausenden Händen auf die Banden an der Strecke, treibt er das Peloton ins Ziel.

So ist die Tour de France: ein Orkan der Klänge, normalerweise. Doch in diesem Jahr ist nichts normal, auch beim prominentesten Radrennen der Welt nicht, das sonst stets die Bedingungen dort diktiert, wo es gastiert. An die 6000 Neuinfektionen gibt es pro Tag in Frankreich. In diesem Jahr herrscht Corona, auch über dem Grand Départ, dem Auftakt in Nizza, dort ganz besonders. Das Departement Alpes-Maritimes ist zur Zone rouge erklärt worden, zur roten Zone. Prefekt Bernard Gonzalez sagt: „Der Start wird quasi ohne Zuschauer stattfinden.“ Im Ziel werden zwei Tribünen installiert mit jeweils 50 Plätzen. Gonzales legt Wert auf die „distance social“. Kein Donner diesmal.

Die Tour de France ist eine Blase. Soweit sie es während der kommenden 21 Etappen sein kann. Die Tour versetzt eine Menge Menschen in Bewegung, nicht nur die 176 Fahrer, sondern auch das Begleitpersonal ihrer 22 Teams, Medienvertreter, Techniker, die Mannschaften für Auf- und Abbau. Eine Kleinstadt geht da auf Reisen. Der Tross wurde zwar verkleinert, doch rund 3500 statt der sonst etwa 4500 Menschen sind immer noch eine stattliche Zahl.

Tour-Direktor Christian Prudhomme klingt dann auch wie der wackere Häuptling eines gallischen Dorfes, wenn er sagt: „Es gebietet der gesunde Menschenverstand, wenn auf der Strecke der Tour de France, auf den 3500 Kilometern, jeder eine Maske trägt.“ Natürlich belassen sie es nicht bei dem Stück Stoff über Mund und Nase. Die Tour befindet sich traditionell medizinisch auf dem neuesten Stand, nicht nur beim Problem Doping, sondern vor allem bei der ärztlichen Versorgung der Fahrer.

Diesmal rollt ein Labor mit. Es soll eine rasche Auswertung der täglich genommenen Proben gewährleisten. Werden zwei Fahrer aus dem Team innerhalb von sieben Tagen positiv getestet, muss die ganze Equipe abreisen. „Die Ergebnisse sollen nach maximal zwei Stunden vorliegen, manchmal sogar nach nur einer Stunde“, hat Prudhomme dem Sender France TV Sport gesagt. „Wir werden sehr schnell sein.“

Die sogenannten PCR-Tests sind teuer, doch bei einem geschätzten Marktwert der Veranstaltung von 160 Millionen Euro vertretbar, unverzichtbar für all jene, die daran verdienen, vom Veranstalter Amaury Sport Organisation (ASO) bis zu den Hoteliers, die den Tross Nacht für Nacht beherbergen.

Doch Schnelligkeit garantiert nicht unbedingt Sicherheit, weshalb es zusätzlich eine B-Probe gibt. Die ist nötig, wie der Fall des Radprofis Omer Goldstein zeigt. Der 24-Jährige vom Team Israel Start-up Nation war bei der Vuelta a Burgos positiv auf das Coronavirus getestet und aus dem Verkehr gezogen worden. Bei einem zweiten Test jedoch war Goldstein negativ. Im umgekehrten Fall würde sich ein Träger des Virus durch das Fahrerfeld bewegen. Das ist sich zwar in hohem Tempo an frischer Luft unterwegs, doch nicht ohne Risiko der gegenseitigen Ansteckung.

Eine Studie aus den USA zufolge können die Aerosole eines infizierten Radprofis auch die bis vier, fünf Positionen hinter ihm fahrenden Kollegen erreichen. Zu einem ähnlichen Schluss kam eine Untersuchung der Universitäten in Leuven, Belgien, und Eindhoven, Niederlande. Die Forscher aus dem Bereich der Aerodynamik untersuchten den Ausstoß von kleinsten Tröpfchen bei Läufern und kamen zu dem Ergebnis, dass ein Sicherheitsabstand von vier bis fünf Metern nötig sei. Es handelt sich um Experimente, manche Wissenschaftler sehen die Resultate skeptisch, doch soll die Tour als Großlabor den Beweis in die eine oder die andere Richtung erbringen?

Der deutsche Radprofi Tony Martin sorgt sich weniger um die Ansteckungsgefahr im Peloton als vielmehr um die durch Zuschauer an der Strecke.  Beim Vorbereitungsrennen Dauphiné Libéré Mitte des Monats „habe ich täglich Zuschauer am Straßenrand gesehen, die keine Maske getragen haben, wie es eigentlich vorgeschrieben ist“, hat der 35-Jährige vom Team Jumbo-Visma der Deutschen Welle gesagt. Einen Abbruch der Tour hält Martin nicht für unrealistisch. „Das schwebt wie ein Damoklesschwert über uns, dass jeder Tag der letzte sein kann.“

Je nach den Bedingungen sind lediglich maximal 5000 Zuschauer an Start und Ziel zugelassen. Außerhalb dieser Zonen lässt sich der Zustrom von Publikum kaum regulieren. An den Rampen der Hochgebirge wollen es Prudhomme und seine Leute vom Veranstalter ASO versuchen. „Filtrage“ lautet ihre Strategie. Vor der Ankunft des Trosses sollen Sicherheitskräfte den Zustrom regulieren. „Mancherorts muss man zu Fuß, mit dem Fahrrad oder einem Shuttle hinauf“, hat Prudhomme gesagt.

Um die 20 Prozent der Zuschauer kommen im Durchschnitt aus dem Ausland. „An manchen Anstiegen sind es sogar 50 Prozent“, sagt Patron Prudhomme. Wer will kontrollieren, ob sie aus einem Risikogebiet kommen, in den Pyrenäen etwa aus Katalonien, dem Baskenland, aus Andalusien? Wer will abschätzen, was sie in sich tragen? Und wer will garantieren, dass sie den gesunden Menschenverstand walten lassen und Masken tragen?

Bilder früherer Auflagen bauen sich vor dem geistigen Auge auf, Bilder, die in Zeiten von Corona bedrohlich wirken: Menschen, die nur einen schmalen Korridor lassen, die jubeln, schreien. Die das Fahrerfeld empfangen, so wie sie zwei Stunden zuvor die Caravane publicitaire begrüßt haben. Jenen Lindwurm aus Fahrzeugen, auf denen sich die Sponsoren präsentieren. Mit kleinen Geschenken erhaschen sie die Freundschaft der Umstehenden.

Die Werbekarawane geht diesmal um 40 Prozent verkleinert auf die Reise. Sie ist nur noch anderthalb Kilometer lang. Doch sie bleibt, was sie immer war: der Anfang des Sturms.