BerlinDer Frauenfußball hatte in der Fußballnation Deutschland von jeher einen schweren Stand. Vor allem männliche Zuschauer sahen in ihm eine Art „Belustigung“. 1955 verbot der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den „Damenfußball“ sogar. Erst vor 50 Jahren, am 31. Oktober 1970, wurde die Sperre aufgehoben.

Trotz der gesetzlich festgelegten Gleichberechtigung von Mann und Frau dominiert nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik weiterhin patriarchalisches Denken, auch im 1949 neu gegründeten DFB. Fußball spielende Frauen gelten als „unweiblich“ und nicht „fraugemäß“. Im Kampf um den Ball verschwinde „die weibliche Anmut, diese Kampfsportart ist der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd. Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Sittlichkeit und Anstand“, heißt es in dem einstimmig gefassten DFB-Beschluss. Am 30. Juli 1955 wird der Frauenfußball verboten.

Die Vereine dürfen keine Damenfußball-Abteilungen gründen, keine Plätze für Spiele und keine Schiedsrichter zur Verfügung stellen. Bei Zuwiderhandlungen können Klubs vom Verband ausgeschlossen werden. Die Altmänner-Riege im DFB-Vorstand meint es ernst, manch Frauenfußballspiel wird mit Polizeigewalt beendet, Spielerinnen angegriffen und verhöhnt.

Doch die Hoffnung des DFB, dem Frauenfußball damit den Garaus gemacht zu haben, erfüllt sich nicht. Die Weisungen des mächtigen Verbandes werden vom 1956 gegründeten Westdeutschen Damenfußballverband einfach ignoriert. Er lädt zum ersten „Länderspiel“, gegen eine holländische Auswahl pilgern 18.000 Zuschauer nach Essen. Bis 1963 kommt es zu insgesamt 70 internationalen Begegnungen.

Zum ersten Länderspiel der deutschen Frauennationalmannschaft ging es 1982 in Koblenz gegen die Schweiz. Am Ende siegte Deutschland klar mit 5:1.
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Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatten Frauen an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität einen Studentinnenverein gegründet und Fußball gespielt. Sich in der Öffentlichkeit in kurzen Hosen zu zeigen galt damals als moralisch verwerflich, ganz besonders für angehende Akademikerinnen. Obwohl der Frauenfußball in Deutschland noch in den 1920er-Jahren verboten wurde, gründete Lotte Specht 1930 den 1. Deutschen Damen-Fußball-Club Frankfurt/Main. Im Nationalsozialismus galt der Frauenfußball als unerwünscht, da er mit der Rolle der Frau als Mutter nicht korrelierte.

In anderen europäischen Ländern war der „Fußballsport der Amazonen“ populärer und älter. England zeigte sich auch hier als Mutterland des Fußballs, schon 1894 ging ein Team namens „British Ladies“ an den Start. Im Ersten Weltkrieg, als der dortige Fußball von zahlreichen Rekrutierungen der Männer dezimiert war, erfuhr der Frauenfußball eine ungekannte Aufmerksamkeit. Jede größere Ortschaft hatte ihr eigenes Frauenteam.

Bis in die 60er-Jahre hielt sich die Anerkennung für den Randsport dennoch in Grenzen. Bekannte TV-Reporter machten sich ebenso lustig wie gestandene Bundesligaprofis. Als Moderator Wim Thoelke im März 1970 im ZDF-„Sportstudio“ die Spielerinnen Doris Reeder, Veronika Kutter, Sonja Spielberger und Marliese Emig von der inoffiziellen deutschen Fußballnationalmannschaft empfing, witzelte er: „Decken, decken – nicht Tisch decken. Richtig, Mann decken, so ist recht. Frei von allen kleinlichen Sorgen um Haushalt, Mann und Kinder, spielt der Libero da hinten.“

Selbst Gerd Müller äußerte sich im rückwärtsgewandten Zeitgeist: „Warum sollen auch Frauen hinter dem Ball herlaufen? Sie gehören doch hinter den Kochtopf.“ In der DDR stand das sportliche Treiben auch nicht höher im Kurs: „Von Frauenfußball halte ich nichts. Er passt höchstens in die gerade abgelaufene Karnevalszeit“, meinte der ehemalige Nationaltorwart Horst Weigang.

Alarmiert durch die Absicht der Fußballerinnen, einen eigenen Dachverband zu gründen, hob der DFB am 31. Oktober 1970 das langjährige Verbot auf seinem Verbandstag in Travemünde schließlich auf. Es gab jedoch Auflagen: So durften Frauenteams wegen ihrer „schwächeren Natur“ nicht während der Wintermonate spielen, Stollenschuhe waren verboten und sie mussten mit kleineren Jugendbällen kicken. Es galt eine verkürzte Spielzeit, „Rempeln“ war verboten.

Die BRD gegen die Tschechoslowakei: Die deutschen Spielerinnen Silvia Neid, Angelika Fehrmann und Sissy Raith (v. li.) bejubeln im Jahr 1988 ihren Sieg.
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Schnell bildeten sich lokale Ligen. Am 8. September 1974 gewann der TuS Wörrstadt mit 4:0 gegen DJK Eintracht Erle und wurde erster offizieller deutscher Frauenfußballmeister. Den Treffer von Bärbel Wohlleben zum 3:0 wählten die Zuschauer der ARD-„Sportschau“ zum Tor des Monats: „Viele haben erst durch mein Tor erkannt, dass selbst Frauen in der Lage sind, einen Ball weiter als fünf Meter zu schießen.“

In der DDR gab es erstmals 1968 mit der BSG Empor Dresden-Mitte ein Frauenfußballteam. Den Frauen gelang es – zumindest auf Dresdner Stadtebene –, ab 1970 eine Liga mit acht Klubs zu etablieren. Auch in Leipzig, Chemnitz, Halle, Neubrandenburg und Rostock gründeten Vereine Frauenfußballabteilungen.

Der Frauenfußball wurde im Osten nicht als Leistungssport gefördert, da er keine olympische Disziplin war. Einen echten Kampf um einen Meistertitel erlaubte der Deutsche Fußball-Verband (DFV) erst im Jahr der Wiedervereinigung. Erster und einziger offizieller DDR-Meister der Frauen wurde die BSG Post Rostock.

Dennoch existierte seit 1989 eine Frauen-Nationalmannschaft der DDR, die ihr einziges Länderspiel am 9. Mai 1990 mit 0:3 gegen die Tschechoslowakei verlor. Im Gegensatz zum Männerfußball konnte sich nach der Wende mit dem 1. FFC Turbine Potsdam eine Spitzenelf der Frauen aus den neuen Bundesländern national durchsetzen und sogar die Champions League gewinnen.

Am 10. November 1982 fand das erste offizielle Länderspiel der bundesdeutschen Frauen-Nationalmannschaft statt. Die Elf gewann 5:1 gegen die Schweiz. 1989 holte die westdeutsche Auswahl nach dem Finalsieg über Norwegen den Europameistertitel. Dieser Erfolg bedeutete den großen Durchbruch für den deutschen Frauenfußball. Mittlerweile haben sie acht Europa- und zwei Weltmeistertitel errungen.

Der Stellenwert des Frauenfußballs hinkt aber immer noch dem der Männer hinterher. Zu den Begegnungen in der 1990 eingeführten Frauen-Bundesliga kamen vor den Corona-Einschränkungen durchschnittlich weniger als 1000 Zuschauer. Topverdienerin der deutschen Nationalelf ist Dzsenifer Marozsán, die Stürmerin erhielt in der vergangenen Saison 360.000 Euro. Darüber kann Cristiano Ronaldo nur müde lächeln.