Das erste Kribbeln überkam mich schon Anfang April. Es waren nur wenige Sekunden, die mir in den Kopf riefen, dass da etwas auf uns zu kommt. Ein Ereignis, das Dämme zum Brechen und Endorphine zum Tanzen bringen kann. Ein Sommermärchen, im besten Fall. In diesen Sekunden – mein Blick hatte gerade die Cocktail-Pieker mit Deutschlandfähnchen im Supermarktregal gestreift – dämmerte mir: Es geht los. Bald.

Ich mag diese Vorfreude auf die WM. Die Gedanken an den Freudentaumel auf der Fanmeile, das Nicht-Hingucken-Können beim Elfmeterschießen. Ich mag die Wildfremden, die sich in den Armen liegen, und die schwarz-rot-goldenen Fahnen, die in der ganzen Stadt aus den Fenstern hängen. Ich mag auch die komplett in Landesfarben gekleideten Fan-Trauben, die man am Spieltag ihrer Mannschaft feiernd in Mitte trifft. Das ist für mich echtes WM-Fieber.

Ich selbst hänge übrigens neben einer Deutschlandfahne auch eine Italienflagge aus dem Fenster, wenn die Squadra Azzurra spielt. Aber das nur nebenbei. Fanartikel gehören zur WM, weil sie dem Fest eine Farbe geben, eine Identität. Es sind doch auch die Schals, Fahnen und Trikots, die den Kurven in den Bundesliga-Stadien ihren Charakter verleihen. Wie würde es dort aussehen, wenn jeder in Jeans und Wollpulli käme?

Jetzt, unmittelbar vorm Eröffnungsspiel der WM in Brasilien, ist das Kribbeln allgegenwärtig. Die Stadt färbt sich langsam ein, in jedem Supermarkt findet sich mittlerweile eine WM-Ecke. Es könnte alles so schön sein. Wären da nicht die Nörgler.

Ich bekomme sie regelmäßig zu hören, die Argumente gegen die Fan-Beflaggung. Da wäre der Klassiker: „Wie nervig, überall, wo man hinguckt, nur WM“ - das kann ich sogar noch nachvollziehen seitens eines Nicht-Fußballfans. Dann die Konsumkeule: „Es geht doch allen bei der WM nur um Profit.“ Das ist von bemerkenswerter Naivität.

Unterstellt es doch, dass Fußball und Kommerz bis zum heutigen Tag strikt getrennte Wege gingen. Zu guter Letzt der systemverachtende Ansatz: „Nationalstaaten finde ich generell doof und unterstütze deswegen ihre Symbolik nicht.“ Aha. Soso. Danke für das Gespräch.

Grölende Verkleidete auf der Fanmeile? Ich bin dabei!

Keine Frage, die Kommerzialisierung von Sport muss Grenzen haben. Rund um eine WM darf natürlich Sozialkritik geübt werden. Aber ich denke dabei an fehlenden Arbeitsschutz auf Stadionbaustellen, an horrende Ticketpreise und an die Verteuerung des Lebens im Gastgeberland, bei der viele Bewohner nicht mithalten können. Ich denke nicht an den Schminkstift, den man in einem deutschen Supermarkt kaufen kann.

Und so habe ich mir einen Schminkstift gekauft. Genauer gesagt zwei, einen in Schwarz-Rot-Gold und einen in Grün-Weiß-Rot. Dazu zwei Trikots und eine farblich neutrale, universell einsetzbare Rassel. Und ich werde damit mitfiebern, wenn meine Teams spielen.

Egal ob zu Hause, auf einem winzigen Fernseher vor dem Späti oder auf der Fanmeile - zwischen grölenden Heranwachsenden, Ganzkörperverkleideten, angereisten Vorstädtern, Alten, Jungen, Akademikern, Fans, Mitgeschleppten, schwitzenden Männern und Sekt-bedüdelten Frauen. Zwischen Menschen, die nicht sonderlich viel verbindet außer, dass sie sich unbeschreiblich freuen, wenn ihre Mannschaft ein Tor schießt. Genau das ist die WM für mich. Und wehe, einer nörgelt.

Dieser Text ist die Antwort auf die Kolumne einer Autorin, die schon jetzt keine Fan-Artikel mehr sehen kann.