Cristiano Ronaldo: Vom United-Ersatzspieler zum portugiesischen WM-Helden?

CR7 steigt in die Weltmeisterschaft 2022 in Katar ein: Cristiano Ronaldo spielt mit Portugal zum Auftakt am Donnerstag (17 Uhr) gegen Ghana.

Coach Fernando Santos (l.) und Kapitän Cristiano Ronaldo haben mit Portugal viel vor.
Coach Fernando Santos (l.) und Kapitän Cristiano Ronaldo haben mit Portugal viel vor.PATRICIA DE MELO MOREIRA

Der öffentlich ausgetragene Rosenkrieg zwischen Cristiano Ronaldo und Manchester United ist nach der einvernehmlichen Trennung wohl endgültig in den Hintergrund getreten. Schließlich startet der fünfmalige Weltfußballer mit Portugal gegen Ghana ins Turnier und genießt bei den Iberern ein ganz anderes Standing als zuletzt bei den Red Devils.

Nationaltrainer Fernando Santos, seit Ende September 2014 im Amt, vertraut dem Angreifer weiterhin. CR7 geht als Kapitän in die Weltmeisterschaft 2022 in Katar und wird gegen die „Black Stars“ in der Startaufstellung erwartet.

Möglicherweise ist es einer seiner letzten Auftritte auf der großen Fußballbühne und vor der Weltöffentlichkeit. Zwar betont der bekanntlich sehr ehrgeizige Mittelstürmer immer wieder, dass er noch einige Jahre weiterspielen will, doch er ist mittlerweile 37 Jahre alt und war bei Manchester United nur noch Ersatzmann. 

In dieser Saison kommt er auf lediglich drei Tore und zwei Vorlagen in 16 Einsätzen und erklärte vor wenigen Tagen in einem aufsehenerregenden Interview, dass er sich von seinem Verein verraten fühle. Eine weitere Zusammenarbeit ergab für beide Seiten keinen Sinn mehr und so entschieden sich United und der Stürmer, getrennte Wege zu gehen.

Cristiano Ronaldo kann sich in Katar auf der ganz großen Fußballbühne präsentieren.
Cristiano Ronaldo kann sich in Katar auf der ganz großen Fußballbühne präsentieren.PATRICIA DE MELO MOREIRA

Cristiano Ronaldo spielt bei der WM in Katar um seine fußballerische Zukunft

Deshalb spielt der 191-malige Nationalangreifer auch um seine Zukunft, da Spitzenvereine momentan kein Interesse an seiner Verpflichtung haben. Ronaldo teilt sich seine Kräfte stärker ein und arbeitet in der Defensive nur situativ mit, weshalb sein Team als Ausgleich lauffreudige Akteure braucht, die für CR7 mitarbeiten.

Dass das beispielsweise in der Premier League auf allerhöchstem Niveau nur bedingt funktioniert, leuchtet ein. Deshalb war Ronaldo auch schon unter dem deutschen Coach Ralf Rangnick, Vorgänger des aktuellen Manchester-Trainers Erik ten Hag, nicht mehr völlig unumstritten.

In der laufenden Saison musste er sich erstmals mit der Jokerrolle begnügen. Das tat er nur bedingt, schließlich ist sein Selbstverständnis nach Jahrzehnten auf absolutem Top-Level ein anderes. Das könnte für Santos und Portugal nun ein entscheidender Vorteil sein: Ronaldo dürfte hochmotiviert in die WM gehen und seinen Kritikern zeigen wollen, was er kann.

So geht er mit den Iberern zwar nicht als Favorit ins Rennen, zum erweiterten Kandidatenkreis zählt sein Team aber auf jeden Fall. Im Tor wird vermutlich Diogo Costa (FC Porto) den Vorzug vor der langjährigen Nummer eins Rui Patricio (AS Rom) und Jose Sa (Wolverhampton Wanderers) erhalten, was alles über seine Klasse aussagt.

Diogo Costa (FC Porto) wird bei der WM wohl die portugiesische Nummer eins sein.
Diogo Costa (FC Porto) wird bei der WM wohl die portugiesische Nummer eins sein.IMAGO/UWE KRAFT

Portugal verfügt auch in der Breite über eine hohe Kader-Qualität

Die Innenverteidigung dürften Ruben Dias (Manchester City) und Routinier Pepe (Porto) bilden. Rechts defensiv spricht viel für Diogo Dalot (United), während Santos links mit Raphael Guerreiro (Borussia Dortmund), Joao Cancelo (City) und Nuno Mendes (FC Paris Saint-Germain) die Qual der Wahl hat.

Das gilt auch für das Mittelfeldzentrum, wo Danilo Pereira, Vitinha (beide PSG), Bernardo Silva (City), Ruben Neves, Matheus Nunes (beide Wolverhampton), Joao Palhinha (FC Fulham), William Carvalho (Real Betis Sevilla), Otavio (Porto) und Bruno Fernandes (United) auflaufen können.

Neben CR7 hat Santos mit Rafael Leao (AC Mailand), Joao Felix (Atletico Madrid), Andre Silva (RB Leipzig), Joao Mario, Goncalo Ramos (beide Benfica Lissabon) und Ricardo Horta (SC Braga) viele starke Offensivspieler an Bord. Ronaldo soll ein weiteres Mal als ihr Anführer vorangehen und in seinem zehnten großen Turnier die entscheidenden Tore erzielen.

Sofern er im Strafraum entsprechend in Szene gesetzt wird, kann er seine Dribbelkünste, Technik, Schussgewalt, Routine, Spielintelligenz, Kopfballstärke und seinen Instinkt einbringen. Doch auch von ihm abgesehen ist die individuelle Klasse Portugals hoch.

Cristiano Ronaldo und Bruno Fernandes kennen sich aus dem Verein und können gut zusammenspielen.
Cristiano Ronaldo und Bruno Fernandes kennen sich aus dem Verein und können gut zusammenspielen.Laurent Gillieron/KEYSTONE/dpa

Die wichtigste Frage ist deshalb, inwieweit die vielen Einzelkönner als echte Einheit agieren werden, die füreinander kämpft, miteinander leidet und auch schwere Phasen gemeinsam meistert. Wie viel dann möglich ist, wurde 2016 deutlich, als die Iberer den Europameistertitel gewannen. Doch bei der WM 2018 und bei der EM 2020 war für CR7 und Portugal jeweils im Achtelfinale Schluss.

Auch deshalb wird Ronaldo noch mal alles aus sich herausholen wollen und dürfte nach dem bitteren Fehlstart von Lionel Messi, der mit Argentinien zum Auftakt mit 1:2 gegen Saudi-Arabien verlor, zusätzlich gewarnt sein. Denn auch die jungen und dynamischen Ghanaer, die vom früheren Bundesliga-Profi Otto Addo gecoacht werden, darf man keinesfalls unterschätzen.