Curitiba - Es ist nicht lange her, da galt Curitiba als die Ausnahmestadt Brasiliens. Fortschrittlich, modern und innovativ. Mit ihrem Umweltschutz- und Nahverkehrs-programmen war sie zeitweise selbst vielen europäischen Städten weit voraus, was auf die Verdienste des ehemaligen Bürgermeisters und späteren Gouverneurs des Bundesstaates Paraná, Jaime Lerner, Sohn eines deutschen Einwanderers, zurückging. Doch das Flair von einst bröckelt in der City mit seinen rund 1,8 Millionen Einwohnern an allen Ecken und Enden, weil Lerners Nachfolger das Vermächtnis nicht schützen. Immerhin: Es gibt noch deutlich weniger Staus als anderswo in Brasilien.

Genau der richtige Ort für die iranische Fußball-Nationalmannschaft, um endlich einmal halbwegs beschwerdefrei von A nach B zu kommen, wenn wie am gestrigen Sonntag ein Abschlusstraining und am heutigen Montag in der auf den allerletzten Drücker fertiggestellten Arena da Baixada das erste Gruppenspiel gegen Nigeria (21 Uhr MESZ) anstehen. Wenn jemand ein logistisch ungünstiges Los für sein Basiscamp gezogen hat, dann ja wohl der krasse Außenseiter aus der asiatischen Konföderation. Wer bloß aus dem Verband hat sich für das Flughafenhotel in Guarulhos im Bundesstaat São Paulo entschieden, das so weit weg von der zugeteilten Trainingsstätte liegt, dass die Fahrt meist mehr als zwei Stunde dauert?

Trainer Carlos Queiroz, ein Weltenbummler, der schon in den USA, Japan und England, in den Emiraten, Südafrika und Spanien arbeitete, scheute sich nicht, gleich mal wieder verbal auf die heimischen Funktionäre einzuprügeln. Der 61-jährige Portugiese, der als Entdecker von Spielern wie Luís Figo oder Rui Costa gilt, ist ein streitbarer Geselle, der die oft amateurhafte Organisation in seinem Dachverband anprangert – auch auf die Gefahr hin, dass sie ihn bald in hohem Bogen hinauswerfen. Aber Queiroz muss ohnehin die Quadratur des Kreises versuchen: Die Fans überschütten das Team Melli an guten Tagen mit Liebe und Leidenschaft, doch meist wird vergessen, das kaum einer von den Helden aus der Heimat internationales Niveau verkörpert.

Herthas Interesse an dem Flügelflitzer

Eine Ausnahme bildet der in Teheran geborene und in Berlin aufgewachsene Ashkan Dejagah, um dessen Zugehörigkeit zum Nationalteam es einst großen Wirbel gab, weil der für deutsche Nachwuchsteams eingesetzte Deutsch-Iraner immer wieder Einladungen absagte. Mittlerweile darf der 27-Jährige aber Irans Repräsentanten geben, der im Namen des ganzen Landes spricht, wenn der Profi vom unter Felix Magath abgestiegenen FC Fulham verkündet: „Wir treten nicht an und erwarten, dass wir das Turnier gewinnen, aber wir denken, dass wir einige Überraschungen schaffen können.“ Eine diplomatische Antwort für eine Gruppe, in der Argentinien und Bosnien-Herzegowina die weiteren Gegner sind.

Nach dem Abstieg des FC Fulham soll Dejagahs ehemaliger Verein Hertha BSC Interesse an dem Flügelflitzer bekundet haben, der von 2001 bis 2007 das blau-weiße Trikot trug. Mit einer Ablöse von fünf Millionen Euro dürfte der Deutsch-Iraner für die Berliner aber wohl zu teuer sein. Ansonsten hätte Hertha durchaus Chancen, sich gegen andere Interessenten durchzusetzen. Dejagah liebt Berlin, hier leben seine Freunde und seine Familie.

Unklar im Iran-Team soll noch sein, wer im 934 Meter hoch gelegenen Curitiba das Tor hütet: Daniel Davari, 26, der seinen Vertrag beim Bundesliga-Absteiger Eintracht Braunschweig nicht verlängerte, muss sich mit Vorwürfen auseinandersetzen, er sei nicht gut genug. Die Vorbehalte haben auch damit zu tun, dass der in Gießen geborene Sohn eines Iraners und einer Polin immer noch Persisch pauken muss, um sich halbwegs verständlich zu machen. Vor seiner Nominierung war er zuletzt als Zehnjähriger in dem Land gewesen. Dann nahm der Verband über den ehemaligen Bundesligaspieler Vahid Hashemian vor einem Jahr Kontakt auf, und nun ist Davari plötzlich mittendrin statt nur dabei.

Genau wie der in den Niederlanden aufgewachsene Reza Ghoochannejhad. Ihn entdeckte Queiroz beim Zweitligisten Charlton Athletic, und der 27-Jährige sorgte in der Qualifikation überhaupt erst dafür, dass die Iraner sich zum vierten Mal nach 1978, 1998 und 2006 für eine Endrunde qualifizierten. Sollte dem draufgängerischen Mittelstürmer mit dem Zungenbrecher-Namen gegen Nigeria die Fortsetzung seiner famosen Torquote gelingen, könnte der Traum von einem WM-Sieg Wirklichkeit werden. Bislang gab es erst einen: 1998 ausgerechnet gegen den Staatsfeind USA.