Bunte Hunde - was soll das eigentlich?

Großflächige Tätowierungen scheinen heutzutage zum Anforderungsprofil des modernen Fußballprofis zu gehören. Was hat das mit Style zu tun?

Zumindest optisch von internationalem Format: David Raum
Zumindest optisch von internationalem Format: David Raumdpa

Viele Fußballer haben jetzt diesen schnittigen Iro, der sich wie ein Fuchsfell über den geschorenen Schädel zieht. Auch David Raum trägt seine Haare so – überhaupt zeigt der deutsche Linksverteidiger internationales Format: Vom Tätowierverhalten her hält er sogar mit den argentinischen Spielern mit, bei denen Ganzkörpertattoos zum Anforderungsprofil zu gehören scheinen, seitdem Lionel Messis Imageberater offenbar eine latente Farblosigkeit diagnostiziert und der Star die Konsequenzen gezogen hat.

Im deutschen Aufgebot ist der bunte Hund Raum ein Solitär. Bundestrainer Flick könnte jederzeit einen Erlass anordnen, der wilde Haare, Ohrringe und Tattoos im „äußeren Erscheinungsbild“ der Kicker ausschließt – und hätte immer noch ein intaktes Team. Ausgerechnet in Argentinien gab es genau das, in den Jahren 1994 bis 1998 unter dem strengen Nationaltrainer Daniel Passarella. Das Verdikt kostete Fernando Redondo, den besten zentralen Mittelfeldspieler der 90er-Jahre, die internationale Karriere. Die Albiceleste kam in der Zeit nie über ein WM-Viertelfinale hinaus.

Es ist ja nicht unverständlich, dass der junge Mensch in der hermetischen, durch und durch uniformierten, quasi paramilitärischen Welt des Profifußballs kleine Fluchten wagt, ein bisschen der Norm zu trotzen versucht. In den 2000er-Jahren legte sich Mehmet Scholl eine ähnliche Frisur zu, wie sie David Raum jetzt trägt, und ließ sich zudem ein Buddha-Tattoo am Oberarm stechen. Als er Jens Jeremies fragte, was er davon halte, meinte der: „Es ist ein Hilfeschrei.“ Scholl widersprach nicht.

Stylemäßig war er natürlich bereits damals zu spät – so richtig cool waren Tätowierungen, wenn man ehrlich ist, mal kurz zu Zeiten von Beavis & Butt-Head. (Genauso wie sich der Vokuhila ja auch erst 20 Jahre, nachdem ihn David Bowie für seine Ziggy-Stardust-Inkarnation erfunden hatte, im Fußball breitmachte.)

Aber um Style geht es bei alldem nur am Rande. Mario Götze gab vor einiger Zeit einem Style-Magazin ein bemerkenswertes Interview. Da wurde er gefragt, warum sich so viele seiner Kameraden die Haut verhunzen ließen, er selbst dies aber wiederum nicht tue. Götze antwortete, er könne es verstehen, habe selbst aber andere Möglichkeiten, seine Individualität zu demonstrieren. Oh ja! Jeder volltätowierte Argentinier weiß, wovon er redet.