Katar hin oder her: Dem wahren Fußballfan ist die Nationalelf schnuppe

Alle haben sich in den vergangenen Wochen am Austragungsort abgearbeitet. Doch die Abneigung der Sportfans gegen das Turnier liegt tiefer. Unsere WM-Kolumne.

Sieht nicht gerade nach einem rauschenden Fußballfest aus: die Zuschauerränge beim Eröffnungsspiel der WM.
Sieht nicht gerade nach einem rauschenden Fußballfest aus: die Zuschauerränge beim Eröffnungsspiel der WM.imago

Das war ja wieder mal klar. Das erste Spiel der Fußballweltmeisterschaft war noch nicht vorbei, da habe ich schon den Boykott gebrochen. Es war aber ein Versehen, ehrlich! Ich bin derzeit ein paar Tage in Prag und nach dem Einchecken im Hotel habe ich gewohnheitsmäßig den Fernseher im Zimmer angemacht, damit ich eine Geräuschkulisse zum Arbeiten habe.

Ich hätte natürlich auch eine tschechische Sitcom sehen können. Aber die Szene mit dem Hochzeitspaar auf der Polizeistation, die gerade gezeigt wurde, habe ich nicht verstanden und weitergezappt. Im einzigen deutschen Sender, den ich auf Anhieb fand, lief das Spiel Katar gegen Ecuador. Kein Highlight der Fußballgeschichte und dann auch noch von Béla Réthy kommentiert – aber ich bin hängen geblieben.

Ich hatte vorher nämlich irgendwo aufgeschnappt, dass Katar das Spiel angeblich gekauft hat. Den ecuadorianischen Spielern seien Millionen geboten worden, wenn sie 0:1 verlieren. Als ich – versehentlich, wie gesagt! – dazuschaltete, stand es schon 2:0 für Ecuador. Ich wollte aber trotzdem aufpassen, ob noch was Schlimmes passiert, und blieb bis zum Schluss dabei.

Zu Hause wäre mir das nicht passiert. Ich lebe nämlich mit drei Fußballfans zusammen, von denen mindestens zwei diese wichtigste Nebensache der Welt sehr ernst nehmen. Und daher bleibt bei uns in den nächsten vier Wochen der Fernseher aus, wenn in Katar gekickt wird. Das ist nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Meine Söhne sind leidenschaftliche Anhänger von Hertha BSC, Dauerkarten in der Ostkurve inklusive. Jetzt kein Mitleid bitte. Das Ganze hat auch etwas Gutes: Ich habe festgestellt, dass es für Jugendliche nicht schlecht ist, Hertha-Fans zu sein – so lernt die Generation Schneeflocke Frustrationstoleranz.

Vor allem aber habe ich beobachtet, dass die Jugend von heute sich kaum noch für die Fußball-Nationalmannschaft interessiert. Bei der vergangenen WM haben meine Söhne die Spiele vor allem für ihre neu entdeckte Wettleidenschaft genutzt, die danach Gott sei Dank schnell wieder abebbte. Dass die WM jetzt in Katar stattfindet, ist für beide nur der letzte Beweis, dass die Fifa eine total verkommene Organisation ist. Gewusst haben sie das schon vorher – ich höre seit Jahren kein gutes Wort über Gianni Infantino.

Über Manuel Neuer aber auch nicht. Der wollte als Mannschaftkapitän ja eigentlich diese alberne „One Love“-Binde tragen, die ein bisschen nach Regenbogenfahne aussieht, aber eben nur ein bisschen. Neuer hat dieses Pseudo-Engagement kürzlich sehr leidenschaftslos in einem Fernsehinterview erklärt. Meine beiden Hertha-Fans haben nur hämisch gelacht. Das kann auch daran liegen, dass Neuer im wirklichen Leben bei Bayern München spielt.