WM-Kolumne "Balla-Laika": Geisterstädte mit Zombiecharakter

Es gibt Ecken in Russland, an denen man meilenweit keine Menschen trifft. Ich habe diese Ecken noch nicht besucht, aber ich habe davon gelesen. In einem Russland-Reiseführer, den ich zur Vorbereitung auf die WM geschenkt bekommen habe, steht eine erstaunliche Statistik.

Sie besagt, dass im asiatischen Teil des Landes nur rund 15 Prozent der Russen leben würden, obwohl dieser von der Fläche 77 Prozent des russischen Territoriums ausmacht. Daraus ergeben sich extreme Unterschiede bei der Bevölkerungsdichte. Im Großraum Moskau zum Beispiel leben nach Angaben meines Reiseführers bis zu 362 Menschen auf einem Quadratkilometer, während in einigen Teilen im Osten des Landes angeblich weniger als ein Mensch pro Quadratkilometer anzutreffen ist.

Es gibt aber auch im europäischen Russland Gegenden, in denen man so gut wie keinem Menschen begegnet. Zumindest während der WM. Die Turnier-Organisatoren haben um die Stadien, in denen das Weltturnier ausgetragen wird, riesige Sicherheitszonen errichtet. Mit Steinblöcken, Absperrgittern und quer gestellten Feuerwehrwagen werden an Spieltagen die Zufahrtsstraßen zu den Stadien versperrt. Kein Auto und keine Straßenbahn wird in den geschützten Bereich gelassen. So entstehen mitten in hoch zivilisierten Millionen-Metropolen Geisterstädte.

Gefühl wie ein Staatschef

Besonders gut lässt sich das erleben, wenn man sehr pünktlich zum Spiel kommt. Bei meiner ersten Partie bei dieser WM zwischen Uruguay und Ägypten in Jekaterinburg machte ich mich schon morgens auf den Weg zum Stadion, weil ich die Zeit bis zum Anpfiff mit Arbeit im Medienzentrum nutzen wollte. Die Luft war klar und kühl, und auf den Straßen rund um die Arena, in denen der Verkehr sonst vermutlich eher steht statt fließt, waren keine Fahrzeuge und kaum Menschen zu sehen. Eine unheimliche Stille hatte sich über die Gegend gelegt.

Vor dem Spiel zwischen Australien und Frankreich in Kasan habe ich die gleiche Erfahrung gemacht. Ich hatte die breite Straße zum Stadion fast komplett für mich. Trotzdem wurde ich natürlich von den pflichtbewussten WM-Volunteers in ihren roten Jacken und mit ihren roten Rücksäcken gebeten, den Bürgersteig zu benutzen. Wahrscheinlich aus Prinzip.

Es ist irgendwie faszinierend, in dieser doch sehr hektischen Welt mitten am Tag in Straßenzügen unterwegs zu sein, aus denen das Leben gewichen ist. So muss es sich also anfühlen, Staatschef zu sein. Wer etwas zu sagen hat auf der politischen Weltbühne, ist es ja gewohnt, sich in abgeriegelten Bezirken aufzuhalten, abgeschirmt vom Rest der Welt. Aber es ist auch unheimlich. Denn Geisterstädte, wie man sie während der WM um die Stadien erlebt, kennt man sonst nur aus Filmen. Diese Filme handeln in der Regel von Atomkatastrophen, Zombie-Plagen oder vom Weltuntergang.