Berlin - Meinungsfreiheit in China? Nicht vorgesehen. Meinungsverbot im Land der Winterspiele 2022 ist aber auch nichts, was das IOC gehindert hätte, die Spiele zum zweiten Mal innerhalb von 14 Jahren nach Peking zu vergeben. Dorthin, wo nur die Lesart der Parteiführung gilt.

Für alle mündigen Athleten, die in Erwägung gezogen haben, sich bei Olympia frei über ihre Erlebnisse, ihre Wettkämpfe, ihr Umfeld zu äußern, hat Peking gerade noch mal deutlich gemacht, dass Kritik „am olympischen Geist, besonders gegen chinesische Gesetze und Regularien“ zu Strafen führen. Sogar der Verein Athleten Deutschland hat den Olympiateilnehmern von Meinungsäußerungen abgeraten.

Sicherheitsangestellter konfisziert bedruckte T-Shirts

China, okay. Aber wie kann es sein, dass ein demokratisches Land wie Australien einen ähnlichen Weg einschlägt? Ist Chinakritik dort auch verboten? Sind Hinweise auf Menschenrechte unmöglich? Wie kommt es, dass auf den Tennistribünen des Melbourne Park das Recht auf Meinungsäußerung fällt? Ein Video zeigt jedenfalls, wie ein Sicherheitsangestellter des Turnierveranstalters Zuschauer der Australian Open daran hindert, T-Shirts zu tragen, auf denen steht: „Wo ist Peng Shuai?“

Wie ein Sprecher des Verbands Tennis Australia umgehend mitteilte, seien laut der Eintrittsregeln bei diesem Turnier Kleidungsstücke, Banner oder Schilder mit werbendem oder politischem Inhalt untersagt.

Navratilova nennt Umgang mit Peng-Protesten erbärmlich

Dabei könnte sich Tennis Australia doch durchaus ebenfalls fragen, wo Peng Shuai ist, die regelmäßig in Melbourne mitspielte. Oder wie es der chinesischen Tennisspielerin wirklich geht, die Chinas früherem Vize-Regierungschef Zhang Gaoli sexuellen Missbrauch vorwarf und seither nur sporadisch in der Öffentlichkeit aufgetaucht ist. Weltweit gibt es große Zweifel an ihrem Wohlergehen. Der Frauen-Tennisverband WTA hat aus Sorge um die Weltranglistenspielerin seine Turniere in China ausgesetzt. 

Die tschechische Tennis-Ikone Martina Navratilova nannte den Umgang der Australier mit den Peng-Protesten erbärmlich. Aktivisten kündigten an, 1000 T-Shirts auf den Tribünen der Australian Open zu verteilen, bedruckt mit der Frage: Wo ist Peng Shuai? Was für ein großartiges Zeichen wäre es da, wenn die Tennisveranstalter in Melbourne, statt Sicherheitsleute zu schicken, genau diese Frage auf die Werbeflächen am Spielfeldrand pinselten, die aktuell für Luxusuhren-Hersteller oder Flugveranstalter reserviert sind – und ach ja, für einen weiteren Großsponsor: den chinesischen Spirituosen-Hersteller Luzhou Laojiao.