Erleichtert, aber noch lange nicht euphorisch: Hertha-Trainer Bruno Labbadia. 
Foto: Matthias Koch

BerlinOb er nach dem geglückten Ligastart besser geschlafen habe als die Tage zuvor, wollte Bruno Labbadia nicht verraten. Keinen Hehl machte Herthas Cheftrainer allerdings daraus, dass der 4:1-Sieg bei Werder Bremen nach dem peinlichen 4:5-Pokal-Aus in Braunschweig in der Vorwoche „extrem gutgetan“ habe. „Machen wir uns nichts vor: Es gibt keinen Ersatz für Siege“, erklärte Labbadia.

Wie groß die Erleichterung tatsächlich war, konnte man im Weserstadion gut erkennen, als Matheus Cunha nach etwas mehr als einer Stunde das vorentscheidende 3:0 erzielte. Labbadia pustete die Backen auf, ballte beide Fäuste und klatschte Manager Michael Preetz so vehement ab, dass man als Beobachter den Eindruck gewann, dass da schon jetzt ordentlich Druck auf dem Kessel der Blau-Weißen war. „Wenn wir den schon so früh spüren würden, dann hätten wir ein Problem“, konterte Labbadia und ergänzte: „Wie gehen wir dann in einer schwierigen Phase damit um?“ Die Frage, die allerdings bleibt, ist: Wo steht Hertha nach dieser Achterbahnfahrt der Gefühle, nach dem behäbigen Auftritt im Pokal und dem flotten Sieg in der Liga?

Dass Herthas neue Millionen-Offensive gleich acht Treffer in zwei Spielen erzielt, war nach drei Vorbereitungsspielen ohne Torerfolg zunächst einmal nicht zu erwarten. Als „zu harmlos“ kritisierte Labbadia seine Profis noch vor zwei Wochen. Und jetzt? „Die Offensive hat das mit der gesamten Mannschaft sehr, sehr gut gemacht“, lobte der Trainer, mahnte aber auch: „Es wäre sehr einfach, wenn man nach zwei Spielen meint, es wäre alles schon gut.“ Andererseits, so Labbadia, sei die Pokal-Niederlage beim Zweitliga-Aufsteiger auch nicht so schlecht gewesen, wie sie teilweise gemacht wurde. Tatsächlich waren vier von fünf Gegentreffern in Niedersachsen aufgrund von individuellen Fehlern zustande gekommen.

Dass Torhüter Alexander Schwolow in Bremen nur einmal, statt fünfmal hinter sich greifen musste, lag vor allem daran, dass Jordan Torunarigha nach seiner Sperre und Abwehrchef Dedryck Boyata nach hartnäckigen Problemen an der Achillessehne ihr Saison-Debüt feierten und Karim Rekik sowie Niklas Stark in der Innenverteidigung ersetzten. Zu euphorisch wollte Labbadia aber auch hier auf keinen Fall werden. „Zu Null wäre noch besser gewesen“, erklärte er und bekräftigte: „Wir haben noch viel Arbeit vor uns. Deswegen gehen wir sehr sachlich damit um.“

Der Hesse weiß, dass weder Braunschweig noch der weiterhin stark verunsichert wirkende Fast-Absteiger aus Bremen echte Maßstäbe sind. Zur ersten genaueren Bestimmung der eigenen Leistungsfähigkeit könnte deswegen das erste Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt am Freitagabend dienen. Die Mainstädter haben sich in den vergangenen Jahren zu einer Art Vorbild für die Herthaner entwickelt. Auch, weil sich das Team von Adi Hütter in der Bundesliga wie international stets als geschlossene Einheit präsentierte. Einen solchen Teamgeist wünscht sich auch Labbadia, der bei Hertha eine neue Achse aus Führungsspielern aufbauen muss. Dass der Hauptstadtklub durch den Einstieg von 374-Millionen-Investor Lars Windhorst die Frankfurter innerhalb von einem Jahr wirtschaftlich überholt und sogar links liegen gelassen hat, sorgt – zumindest im blau-weißen Umfeld – für den bereits erwähnten Druck.

Selbst wenn Labbadia den noch nicht spüren mochte, so gab er zu, dass der Sieg in Bremen die Arbeit für die am Dienstag beginnende, kurze Trainingswoche leichter macht. „Es war wichtig, gut zu starten. Ich freue mich auf Frankfurt. Vor allem mit dem Dreier im Rücken.“ Dabei hofft er auf die Unterstützung möglichst vieler Fans. Die erstmals in Bremen wieder zugelassenen 8400 Personen „haben auch uns ein gutes Gefühl gegeben“.

Ob in Berlin vor 5000 oder 15.000 Zuschauern gespielt wird, entscheidet der Senat wohl am Dienstag in seiner turnusmäßigen Sitzung. Denn: Noch hat die Hauptstadt die in der Vorwoche von allen Ländern beschlossene 20-Prozent-Testphase der Fan-Rückkehr  nicht in ihre Corona-Verordnung aufgenommen.