München - Chris Cole hat das Blut an seinem linken Oberarm sicherlich bemerkt. Halb weggewischt ist es, denn die Wunde gleich unter seinem Tattoo ist nicht groß genug, um die Mühe wert zu sein. Er ist Street-League-Skateboarder und hat am Sonntag den Wettkampf bei den X-Games in seiner Disziplin gewonnen. Ganz unaufgeregt hat er das getan, mit dem 360 Kickflip 50-50 Grind – einem Sprung, bei dem das Board eine komplette Drehung um die eigene Achse macht und mit allen vier Rollen wieder auf der Rail landet – hat er am Ende alle besiegt.

Er hat ihn sich erarbeitet wie alle anderen sich auch ihre Übungen erarbeiten. Schmerz gehört dazu, er sortiert aus. „Es geht darum, wie sehr man etwas erreichen will und wie viel Schmerzen man dafür in Kauf nimmt“, sagt der 31-Jährige. Bisher muss das größtenteils ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen funktionieren in der Disziplin Street League. „Aber man hat gemerkt, dass Geld drin ist im Skateboarden, in den großen Wettkampf-Veranstaltungen“, sagt Cole. „Also wird man jetzt die Sicherheit schon weiterentwickeln.“

Am Osteingang des Münchner Olympiaparks üben währenddessen Kinder mit ihren Skateboards. Ein bisschen Anlauf, ein Sprung drei Treppenstufen hinunter, ein paar Menschen klatschen. Wer nach dem Sprung auf dem Brett bleibt, bekommt von einer der Spalier stehenden Hostessen sofort ein Basecap auf den Kopf gedrückt mit dem Taurinbrause-Logo darauf. Wer fällt oder stolpert – der bekommt ebenfalls eins.

Der Show fehlt das Leben

Wie all das zusammenhängt, davon will Tobi Kupfer erzählen. Er will aber erst ein Räucherstäbchen zum Glühen bringen, als müsste er noch ein paar Geister vertreiben. Vielleicht geht es aber auch um den Geruch im Auto, es ist ein kleines Unterwegsleben darin: Klamotten, Decken, Wasserflaschen, Krümel. Tobi Kupfer ist mit seiner ganzen Familie zu den X-Games gekommen. „Wir sind hier, um ein Gegengewicht darzustellen zu all dem“, sagt er.

Tobias Kupfer, 37, gehörte unter dem Künstlernamen „Albertross“ selbst einmal zu all dem, auch zu der Actionsport-Veranstaltung, die der US-Sportsender ESPN im Jahr 1995 erfunden hat. Heute ist er ein scharfer X-Games-Kritiker – auch, weil er inzwischen Familie hat. Auch, weil er eine Leukämieerkrankung durchgestanden hat. „Es ist ja nicht verkehrt, dass große Firmen auf das Image aufspringen wollen. Skateboarden vermittelt ja noch das Gefühl von Jugendlichkeit, von Kreativität“, sagt er. „Ich habe mich ja auch einmal darin befunden und das war okay. Aber man muss sich irgendwann fragen: Was kommt danach?“

Er hat vier Tage lang die 60 000 Besucher vorbeiströmen sehen. Seine Finger sind blau und schwarz von den Filzstiften, mit denen er Autogramme schreibt am Stand des Vereins Skateboarding München. Einige waren es, die Kinder erkennen ihn, noch. Auf einem Parcours neben seinem Stand gibt der Verein Skateworkshops. „Wenn die Kids sehen, was für Tricks wir machen, wollen sie wissen, was du zu erzählen hast.“ Dann erzählt Kupfer davon, dass Skaten nicht geldabhängig ist, nicht sponsorenabhängig, nicht anhängig von Weltmeisterschaften. Dass es um Bewegung geht, Kreativität, um Freude an der Ästhetik.

Nicht weit entfernt findet das Finale im Mountain Bike Slopestyle statt, waghalsige Radsprünge von der Spitze des Olympiabergs. Der Sieger bekommt 20 000 Dollar. „Ich habe das ja genau so gemacht“, sagt Kupfer. „Habe zu meiner Familie gesagt: Wir sehen uns Montag. Bin nach Dallas geflogen, hab’ 10 000 Euro gewonnen, bin wieder nach Hause geflogen und habe mein Bauernhaus renoviert. Man versucht so viel Kohle zu scheffeln, wie es geht.“ Damit man sich ein Leben aufbauen kann, mit Frau und Kindern. „So machen das alle – die haben ja auch alle ein Leben.“

Das sei es auch, was der Veranstaltung fehle, kritisiert Kupfer. Leben. „Es fehlt der urbane Charakter, die Aspekte, die auch dazugehören, nicht nur die Show.“ Leute aus der Gegend, die live Skateboard-Grafiken machen, Graffiti, Beatbox, Breakdance, sagt er. Auf dem Olympiagelände gibt es ein „Culture Village“, ein paar Container, einige Europaletten-Rampen dazwischen, Sprühfarbengeruch in der Luft. Hier werden Menschen tätowiert und Boards aufgemotzt. Wie ein Streichelzoo im Legoland steht es da. „Du kannst doch nicht einfach in ein Land kommen“, sagt Kupfer beinahe stimmlos, „und deine Glocke, dein Raumschiff X-Games auspacken und über alles Alte drüberstülpen.“

Es ist in der Tat ein Raumschiff gelandet im Olympiapark, mindestens eins: die riesige Rampe, die „Mega Ramp“, kaum anders betrachtbar als ehrfürchtig aufschauend. Die 26 Meter hohe Konstruktion steht monströs im Olympiasee, die Fahrer stürzen sich eine 53 Grad steile Wand hinunter, dann über eine Lücke von knapp 40 Metern. Wer sie bezwingt, hat bereits eine Menge gewonnen – Bildmomente, Aaahs und Ooohs, die Kameras sind stets dabei. Wer stürzt, entschuldigt sich später für die Schwäche, gern über Twitter an alle Welt, wie der Amerikaner James Foster, der am Freitag mit seinem BMX in die Rampe fuhr und auf Kopf und Schulter landete.

Was all die Stürze, die Sprünge, das Inkaufnehmen mit ihm, seinem Körper, in zehn, zwanzig Jahren macht, darüber denke er nicht nach, sagt Chris Cole. „Später in meinem Leben habe ich lieber Schmerzen, als etwas zu bereuen.“ Er macht eine kurze Pause, wartet, bis ein Kollege in Hörweite ist. „Mit Schmerzen kann man umgehen, mit Bedauern nicht“, sagt er dann. „Das ist mal was Wahres!“, lautet die Antwort.