BerlinAls die Tür zu Yvonne Haugs Studio im Kreuzberger Elisenhof aufgeht, kommt als erstes Puppi in die Garderobe gesprungen. Der kleine braune Vierbeiner, halb Chihuahua, halb Windhund, schnüffelt. Dabei ist die Neugier ja aufseiten der Reporterin: Welche Geschichte hat Puppis Besitzerin, die frühere Kunstturnerin Yvonne Haug? Und wie wurde die Frau, die für die Besten-der-Besten-Wahl unter Berlins Champions nominiert ist, Pole-Sport-Weltmeisterin der über 40- und 50-Jährigen?

Haug hat sich schon gedehnt und warm gemacht. Im Trainingsraum mit den Wandspiegeln ragen sechs Pole-Dance-Stangen zwischen Parkett und Decke auf; Raumhöhe 3,70 Meter. „Ich hab gedacht, ich zeig erst mal, was Pole Sport eigentlich ist“, sagt sie zur Begrüßung. „Die Wettkämpfe funktionieren ja nach einem knallharten Regelwerk, ähnlich wie im Kunstturnen.“ Haug weiß, woran die meisten zuerst denken, wenn sie solche Stangen aus Chrom oder Metall sehen: ans Erotik-Milieu, Männer, die Geldscheine unter knappe Frauenwäsche stecken. Klischees.

Pole Sport mit 42 Jahren entdeckt

In dem Studio von Yvonne Haug gibt es niemanden, der Geldscheine irgendwohin steckt. Die 53-Jährige hat ihren Mann dabei, Frank Hermes, der jetzt ihre Trainingsjacke entgegennimmt. Puppi hat sich auf ein Sitzkissen gekuschelt. Haug trägt ein Sportbustier und Hotpants in Lila. Sie schwingt sich auf die Stange, klettert an ihr hinauf, beginnt, ihren durchtrainierten Körper um sie zu winden, zu drehen, mit immenser Körperspannung Figuren aufzubauen, sie zu halten.

Russian Split heißt eine Figur, bei der Haug die Erdanziehungs- mit Muskelkraft überlistet: während eine Fußsohle sowie die Hände an der Stange Halt finden, spreizt sie das andere Bein wie im umgekehrten Spagat auf einer Linie nach hinten, Kopf und Zopf hängen frei nach unten. Die Anstrengung lächelt sie weg. „Seit 2014 gibt es auch den Haug-Twist, den hat Yvonne erfunden, als sie Vizeweltmeisterin wurde“, sagt Hermes. Dann zeigt seine Frau in der Combo, so heißt eine Tanzserie, den Yogini – eine Figur, bei der sie bäuchlings in der Luft mit beiden Händen jeweils ihre Füße greift. Kontakt zur Stange hält sie nur mit rechter Achsel und Hüfte.

Yvonne Haug hat den Pole Sport erst im Alter von 42 Jahren entdeckt. Durch einen Fernsehbericht, den sie daheim in Steglitz sah. Sie nahm Unterricht, baute sich eine Stange in ihre Wohnung, übte allein nach Videos. Seither wurde sie sechsmal Weltmeisterin und einmal WM-Zweite in ihrer Altersklasse. Ja, sagt Yvonne Haug, diese zweite Karriere ist ihre selbstbestimmte Antwort auf ihre fremdbestimmte erste Karriere als Kunstturnerin, die 1984 ziemlich abrupt und hässlich kurz vor den Olympischen Spielen endete.

Damals war Haug 17, sie gehörte zur bekannten Amselriege des OSC Berlin, war stolz auf ihren Teamanzug und ihre Amsel-Tasche, die sie immer mit dem Emblem nach außen trug, damit es alle sehen konnten. Sie liebte die kleinen Wettkämpfe, das Schauturnen im Hilton-Hotel, die Ausgelassenheit. Turnen ohne Druck. „Das war schlagartig vorbei, als das in den Leistungsbereich ging.“ Haug sammelte damals zehn deutsche Meistertitel, trat mit knapp 15 als jüngste deutsche Turnerin bei der WM in Moskau an, schaffte es ins 36er-Finale. Zwei Jahre später war sie bei der WM in Budapest als 19. der Einzelwertung die beste Turnerin aus Westeuropa. „Wir sind doch am Ostblock gar nicht vorbeigekommen. Die Mädchen waren wie Maschinen“, sagt Haug. Sie hatte großen Anteil daran, dass sich die bundesdeutsche Riege für Olympia 1984 qualifizierte. 1982 und 1983 wurde Haug Berlins Sportlerin des Jahres.

Über das Unwohlsein hinweggeturnt

Die Musik läuft weiter in dem Kreuzberger Studio, das Haug und ihr Mann im Februar 2019 eröffnet haben. Nach ihrer Stangen-Kür hat sich Haug einen Trainingsanzug und kuschelige Stiefel übergezogen, weil durchs Fenster ein kalter Luftzug weht. Die Beine im Schneidersitz, den Rücken aufrecht, sitzt Haug jetzt auf einem Kissen. Haltung anzunehmen hat sie als Kind gelernt.

Sie hat damals auch gelernt, über das Unwohlsein hinwegzuturnen. Hat sie davon gehört, was die beiden Turnerinnen Pauline und Helene Schäfer Anfang der Woche in den sozialen Medien öffentlich machten? Was sie in Chemnitz erlebten? „In der Frauenturnhalle erfuhren wir eine taktische Erziehung, die darauf ausgelegt war, Athleten zu entmündigen und zu unterdrücken. Erniedrigung, Kontrollverhalten, Manipulation, Psychoterror und Bodyshaming, all das stand auf der Tagesordnung. Übergriffe wurden als normal empfunden, da man es nicht anders kannte und für den Erfolg bereit war Opfer zu bringen“, schreiben die 23 Jahre alte Stufenbarren-Weltmeisterin von 2017 und ihre jüngere Schwester.

Yvonne Haug trifft diese Beschreibung mit der Wucht der eigenen Erinnerung. Sie sagt, sie habe sich die ganze Zeit eingeredet, dass der Umgang mit den Athletinnen fast 40 Jahre später besser geworden sei. Dass die Mädchen heute gesünder aussehen. Und jetzt? Die gleichen Mechanismen, die gleichen Worte wie damals: „Du bist zu fett. Du bist ein Aushängeschild von Deutschland. So fett können wir dich nicht zum Wettkampf schicken. Du beschämst uns alle.“ Yvonne Haug hat damals solche Dinge über sich gehört, über ihre Teamkameradinnen. „Das Problem ist doch, dass alle gerade durch die Pubertät gehen. Du bist extrem empfänglich für das, was Erwachsene sagen, du hast natürlich krasse Antennen. Ich habe mir so was sehr zu Herzen genommen.“

Bei den Lehrgängen in Frankfurt am Main setzten die Bundestrainer die Mädchen damals in Folien gewickelt zum Abnehmen in die Sauna. „Da saßen die älteren Mädchen am Tisch und haben nichts gegessen. Ich dachte immer: Warum essen die nichts?“, erzählt Haug. „Wenn wir mal losgelassen wurden in die Stadt, sind wir bei McDonald’s eingefallen. Oder wir haben ganz viel Süßigkeiten gekauft und sie dann im Wald vergraben, weil an der Tür Taschenkontrolle war.“ Sie fand es schlimm in Frankfurt, sie hatte Angst vor den Bundestrainern. Sie wurde angeschrien. „Sie haben mich fertiggemacht.“ Es war anders als in Berlin, wo ihr Heimtrainer Jupp Hinz auf sie einging, „weil ich ja auch ein Sensibelchen war“.

In Frankfurt zu bleiben war keine Option

Hinz’ Frau Ursula war Kunstturnwartin beim Deutschen Turnerbund. Als Hinz darauf bestand, Haug und auch seine zweitbeste Turnerin Brigitta Lehmann nach Berlin zurückzuholen, wandte sich die Funktionärin gegen den eigenen Mann. Die Ehe zerbrach. Haug beendete kurz vor Olympia ihre Turnkarriere, weil sie daheim in Berlin keinen Trainer und keine Choreographin mehr hatte. In Frankfurt zu bleiben war für sie keine Option. Die vollen Tage waren plötzlich leer.

Sie brauchte Zeit, um sich zu orientieren, sich zu finden. Sie holte das Abitur nach, studierte BWL, arbeitete im Büro. 25 Jahre später begann sie mit Pole Sport. „Ich bin so froh“, sagt sie und schaut zu den Stangen im Raum. „Das hier hat mich ein Stück mit dem Turnen versöhnt. Es kam ja immer wieder hoch. Ich war so sauer. Innerlich hatte ich damit nicht richtig abgeschlossen. Das Turnen, das Greifen, diese Haptik, am Gerät zu arbeiten – ich habe es vermisst.“

Sie konnte die Grundlagen von damals für einen neuen Sport nutzen, sich endlich auch über Titel Anerkennung holen. Von 2012 bis 2014 verpflichtete sie der Friedrichstadtpalast als Soloartistin an der Stange. Sie trat für den Berliner Turnerbund auf, versöhnte sich. Ihr Mann unterstützte sie, wurde Mitgründer der Organisation des deutschen Pole Sports. Zusammen erlebten sie, wie sich der Sport aus der Schmuddelecke bewegte. Wie ein Regelbuch mit Bewertungen für Pflichtfiguren, Übergänge der Vier-Minuten-Kür an zwei Stangen sowie Kleidervorschriften entstanden. „Mittlerweile steht der Sport unter Beobachtung, damit er olympisch werden kann“, sagt Hermes.

Auch in Berlin ist die Pole-Sport-Community gewachsen. Während es 2012 nur zwei, drei Studios in der Stadt gab, sind es mittlerweile 19. In Haugs Studio kommen Frauen aus dem Ballett, aus der Rhythmischen Sportgymnastik, „die sind krass beweglich hier mit ihren Flexi-Teilen, Mädels, die aus dem Fitnessbereich kommen, haben Kraft wie ein Ochse und können die Lifts machen. Es gibt aber auch Frauen, die gar nichts vorher gemacht haben.“

Puppi hüpft von ihrem Kissen. Yvonne Haug streichelt den Hund. Sie hat den Sport wieder in ihr Leben gelassen, er ist ein Teil davon. Aber er bestimmt nicht mehr über sie. „Ich sage, wie weit ich gehe, was ich mache. Und dass ich einen Partner habe, der mich so unterstützt, ist sensationell“, sagt Yvonne Haug. Sie strahlt Frank Hermes an.