Fans des neu gegründeten Inter Miami FC verabschieden ihre Spieler vor der Abreise nach Orlando.
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Berlin/OrlandoDie Major League Soccer (MLS) war gerade vorsichtig dabei, ein wenig Optimismus zu verbreiten, als die Bombe platzte. „Ich würde nirgendwo lieber sein als bei meinen Teamkameraden in Orlando“, erklärte der mexikanische Flügelstürmer Carlos Vela in einer Pressemitteilung, „aber im Interesse der Gesundheit meiner Familie werde ich zu Hause bei meiner schwangeren Frau bleiben.“

Wenn die nordamerikanische Fußball-Liga in der Nacht zu Donnerstag als erste große US-Sport-Liga in den aufgrund der Corona-Pandemie ausgesetzten Spielbetrieb zurückkehrt, wird der 31 Jahre alte Nationalspieler, der in der Vorsaison als wertvollster Spieler der Liga und Torschützenkönig ausgezeichnet wurde, also nicht dabei sein. Und sein Team, der Los Angeles FC, der seit seiner Gründung 2014 besonders eifrig versucht, den Fußballsport in den Staaten populärer zu machen, verliert seinen größten Star.

Ein Schock auch für die Liga-Offiziellen, die mit dem „Corona-Comeback-Turnier“ (siehe Infokasten) im Disney World Resort in Orlando eigentlich so etwas wie Normalität und Hoffnung verbreiten wollten. Doch diese Hoffnung, das mussten auch sie sich im Stillen eingestehen, war schon vor Velas Bekanntgabe begraben worden.

Corona-Comeback-Turnier

Das Turnier der MLS in Orlando ist zwar eine Wiederaufnahme des grundsätzlichen Spielbetriebs, nicht jedoch der im Frühjahr begonnenen Saison 2020/21.

In Orlando spielen die Mannschaften zwischen dem 8. Juli und dem 11. August zunächst in einer Gruppenphase, später im K.o.-System gegeneinander und küren einen Champion. Der darf an der nächsten nordamerikanischen Champions League teilnehmen.

Zudem zählen die Punkte aus der Gruppenphase des Turniers auch für die Liga, die im Herbst wiederaufgenommen werden soll. So hat der Wettbewerb keinesfalls nur einen ideellen Wert.

Wenige Tage zuvor wurden bei flächendeckenden Corona-Tests zehn Spieler des FC Dallas akut Covid-19-positiv getestet, die komplette Mannschaft zunächst in Quarantäne geschickt und am Tag von Velas Bekanntgabe schließlich ganz vom Turnier ausgeschlossen. Drei weitere positive Fälle bestätigte Liga-Chef Don Garber öffentlich, nannte aber weder betroffene Spieler- noch Teamnamen. Kurz darauf begaben sich aber auch Teile der Mannschaft des neu gegründeten Nashville SC in vorläufige Quarantäne. Fünf Infektionen wurden bestätigt, drei weitere wollte man nachprüfen lassen. Möglich, dass sich auch Nashville, nur Stunden vor dem angesetzten Spiel gegen Chicago Fire, noch aus dem Turnier zurückzieht.

Garber musste schließlich einlenken. „Wenn es in den nächsten Tagen und Wochen irgendeinen Zeitpunkt gibt, an dem die Gesundheit unserer Spieler und Verantwortlichen auf dem Spiel steht, werde ich das Turnier sofort beenden“, bekräftigte er. Im Raum blieb die Frage, ob dieser Zeitpunkt nicht längst erreicht ist. Wie das Online-Portal The Athletic nach einer Umfrage berichtete, würden sich die von ihnen befragten Spieler in Orlando zwar „grundsätzlich sicher“ fühlen, sich gleichsam jedoch zunehmend fragen, ob das Turnier das zu tragende Risiko wirklich wert ist.

Florida, zum Zeitpunkt der Turnier-Planung noch ein relativ sicherer Bundesstaat, verzeichnet mittlerweile mit rund 10.000 Neuinfektionen pro Tag mitunter die höchsten Corona-Zahlen in den USA. Während die Krankenhäuser in der Umgebung heillos überlastet sind, versuchen die Sportler in der sogenannten „bubble“, der Blase, jeglichen Kontakt zur Außenwelt zu vermeiden, um weitere Infektionen zu verhindern. Ein Ausbruch innerhalb der Blase, der von Experten in Anbetracht der jüngsten Corona-Fälle bei Dallas und Nashville befürchtet wird, wäre fatal.

Hier offenbarte sich zuletzt auch die andere Seite dieser ungewöhnlichen Veranstaltung. Das Corona-Comeback-Turnier der MLS gilt zusätzlich als Testballon für die ganz großen US-Sportligen, die pausierende Basketball-Liga (NBA), die ebenfalls unterbrochene Eishockey-Liga (NHL), die verschobene Baseball-Liga (MLB), sowie der Amerikaner liebstes Kind, die American-Football-Liga (NFL). War die Unterbrechung von NBA und NHL zu Beginn der Pandemie einfach ärgerlich, wurde die Krise erst richtig greifbar, als die MLB ihre Saison auf unbestimmte Zeit verschob. Müsste die NFL auch noch ihren Saisonstart am 10. September absagen, käme das einem Super-GAU gleich.

Den großen Vier kommt es daher ganz gelegen, dass sich zunächst die „kleine“ MLS an einer Rückkehr in den Spielbetrieb versucht. So wird die NBA ein ähnliches Re-Start-Prinzip – „bubble“ und Spiele in Turnierform – ab dem 30. Juli ebenfalls in Orlando praktizieren, sofern die Kicker ihr Turnier weitgehend gesund über die Runden bringen. Die MLB startet eine Woche zuvor, jedoch nicht in Florida, sondern in den Stadien der Teams, die NHL verhandelt noch über mögliche zentrale Spielorte. Und die NFL wartet ab und hofft, dass im September womöglich sogar schon wieder Zuschauer bei den Spielen zugegen sein dürfen.

Der MLS bringt der Status als Vorreiter jedoch herzlich wenig. Mit den zahlreichen Infektionen und der Absage ihres Superstars kann die Liga eigentlich nur noch verlieren. Gibt es weitere Corona-Fälle, kommt es zum Abbruch; bleiben Spieler und Funktionäre weitgehend gesund, herrscht bestenfalls Erleichterung. Der Sport rückt, wie so häufig in diesem Jahr, in den Hintergrund.