Lange ist's her: Dariusz Wosz zaubert gegen den AC Mailand.
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BerlinVor ein paar Tagen fand ich bei YouTube ein Video vom Duell der Hertha gegen den AC Mailand aus der Champions-League-Saison 1999/2000. Im drei Minuten langen Mitschnitt sah ich wie die Zaubermaus Dariusz Wosz nach einem fulminanten Sturmlauf mit einem Flachschuss das entscheidende 1:0 erzielte. Ich bekam Glücksgefühle wie einst als Augenzeuge im Olympiastadion. Schon wegen solcher Erlebnisse fand ich das riesige Stadion imposant.

Aber ganz ehrlich: In der heftig diskutierten Stadionfrage war ich lange Zeit hin-und hergerissen. Ich halte es mit den Worten des ehemaligen Hertha-Trainers Jürgen Röber: „Das Olympiastadion ist zweimal großartig – wenn es ganz leer ist oder ganz voll.“ In dieser Arena ging es mir wie vielen Hertha-Anhängern: Ich erlebte spannende, vor allem emotionale Duelle wie 1997 das 2:0 gegen Kaiserslautern oder das 6:1 gegen den HSV 1999 mit drei Toren durch Michael Preetz oder Triumphe gegen den FC Bayern. Natürlich gab es auch viele bittere Niederlagen.

Aber auch ich sehe längst die Notwendigkeit, dass Hertha ein reines Fußballstadion benötigt, um auf Jahre hinaus wettbewerbsfähig zu sein. Das sollte tatsächlich „steil, nah und laut“ sein. Die Zeit rennt und je länger eine endgültige Entscheidung von der Politik, in diesem Fall vom Berliner Senat, hinausgezögert wird, umso schwieriger wird der Plan von Hertha einzuhalten sein, ab 2025 in einer neuen Arena zu spielen.

Argumente für ein neues Stadion

Nun gibt es große Aktivitäten von Hertha-Fans in der völlig unabhängigen „Initiative Blau-Weißes Stadion“. Deren sachliche und bestens begründete Argumente für eine neue Arena auf dem Olympiagelände kann ich absolut nachvollziehen. Initiator Knut Beyer, ein Fan-Urgestein, und seine Mitstreiter sind alle mit dem Olympiastadion groß geworden, finden es „einzigartig und schön“, halten es aber für den Bundesliga-Alltag für ungeeignet. Ihnen fehlt durch die enorme Entfernung zum Spielfeld das „überwältigende Stadionerlebnis“, so Beyer. Außerdem kommen im Schnitt meist nur rund 48.000 Zuschauer in den 74.000-Mann-Kessel.

Der großartige Support der Ostkurve verpufft so im Olympiastadion. In einer steilen Arena ohne Laufbahn, so sagen es Beyer & Co. voraus, werden sich künftige Gegenspieler einen „Vorrat an Ohropax“ zulegen müssen. Die Ideen der Fans, die im Austausch mit Herthas Vereinsführung stehen, aber eigenständig agieren, sind in einem Interview mit dem Portal „Stadionwelt.de“ zu lesen. Im Moment sammeln die Fans emsig Unterschriften für eine Petition, die dem Berliner Senat überreicht werden soll. Beyer sagte mir: „Wir sind bei etwa 8500 Unterschriften von Berlinern, benötigen 11.000. Die wollen wir später in einer riesigen Papierrolle dem Senat präsentieren.“ Ziel ist es, eine breite Öffentlichkeit für ein neues Stadion zu gewinnen. Bei jedem Heimspiel werden Unterschriften gesammelt.

Die Front wächst

Unabhängig davon wächst die Front der Befürworter einer neuen Arena. Berlins Fußball-Präsident Bernd Schultz, den ich für ein Interview traf, sagte mir: „In den nächsten Tagen werden sich auch der Berliner Fußballverband und der Landesportbund Berlin in einer gemeinsamen Erklärung zu Wort melden, in der beide die Pläne von Hertha BSC für ein neues Stadion unterstützen – ohne einen genauen Standort in Berlin zu favorisieren. Beide Verbände erwarten eine seriöse Lösung.“

Auch ich habe die Petition inzwischen mit meiner Unterschrift unterstützt und bin für den Bau einer reinen Fußballarena. Ich möchte noch tolle Spiele in enger Atmosphäre erleben und solche Momente wie den grandiosen Treffer von Dariusz Wosz gegen den großen AC Mailand.