Zensur ist doch super, wenn Deutschland so gegen Spanien gewinnt 

Die Fifa-Sittenwächter entscheiden, welche WM-Realitätshäppchen aus Katar wir sehen. Die ARD sollte sich am besten an Nordkorea orientieren. Unsere WM-Kolumne.

Was wir auf dem Platz sehen oder bessere nicht sehen sollen bestimmt die FIFA.
Was wir auf dem Platz sehen oder bessere nicht sehen sollen bestimmt die FIFA.IMAGO / Sven Simon

Irgendwo, in einem katarisch-kölschen Nervenfolterkeller womöglich, sitzen die Fifa-Sittenwächter, die das Weltbild dieser Weltmeisterschaft machen, also die geschnittenen Realitätshäppchen, die wir Daheimgebliebenen sehen sollen. Dabei geht es nicht um sportliche Banalitäten wie Elfmeter oder Abseits, sondern um ideologische Regelverstöße während und neben der Spiele: illegale Liebesbindenschwüre, politisch motivierte Nationalhymnenverweigerungen, Maulkörbe oder Kniefälle, allgemeine Verstöße gegen die katarische Geschlechtsverkehrsordnung oder andere Verbrechen gegen die wüste Männlichkeit. Die Katarer, das darf man bei aller Kritik nicht vergessen, sind eine marginalisierte Minderheit in eigenen Land, und die Fifa ist ihre Schutzmacht.

Diese vor allem im doppelmoralinsauren Westeuropa als Zensur geächtete Praxis hat eine gewisse Tradition. Bei der WM 2014 etwa half die Fifa dem Gastgeberland Brasilien, den 13-jährigen Fabio zu canceln, einen von drei Jugendlichen, die bei der Eröffnungsfeier drei Friedenstauben in den Himmel steigen ließen. Als Fabio den Stadionzuschauern dann auch noch ein Transparent mit seiner schwarz auf rot gepinselten Botschaft „Demarcaçao“ (Abgrenzung) zeigte, sahen die Fernsehzuschauer keinen einzigen der zehn Buchstaben.

Der Protest des indigenen Volkes der Guarini gegen einen staatlich angeordneten Landraub und strukturellen Rassismus in Brasilien blieb damit unsichtbar. Genauso wie der flitzige Auftritt eines Polen, der das Gruppenspiel Deutschland gegen Ghana für sich nutzen wollte. Auf den Rücken hatte er seine Telefonnummer und Mailadresse gekritzelt, um Spenden für den Rückflug sammeln zu können. Ein derart plump auf Geld fixierter Egoismus stört wohl das ums Gegenteil bemühte Fußballbild.

Vier Jahre später in Moskau sorgten drei als Polizisten verkleidete Mitglieder der Protest-Kunst-Punkband Pussy Riot für Aufsehen. Doch vom Platzsturm, der anschließenden Verfolgungsjagd und Festnahme während des Finalspiels bekam die Fernsehwelt kaum etwas mit. Die Fifa hielt ihre schützende Hand natürlich auch über Wladimir Putin.

Ein Spiel dauert keine 90 Minuten

Spätestens seit „Nippelgate“ 2004, als in der Halbzeitshow des Super Bowl plötzlich die nackte Brust von Janet Jackson zu sehen war, setzen die Bildmacher weltweit auf eine Verzögerungstaktik. In den USA sind es fünf Sekunden, in denen Liveaufnahmen auf Nacktheit geprüft und notfalls gegen Unbedenkliches getauscht werden können.

Gleich eine halbe Minute lassen sich die islamischen Moralhüter im Iran Zeit. Bei der Gruppenauslosung zur WM 2018 missfiel ihnen das Kleid der russischen Moderatorin, die Livesendung wurde unterbrochen und mit einem eigens davor geführten Interview gefüllt. Und gleich um einen ganzen Tag verzögerte das nordkoreanische Staatsfernsehen das 2018 übertragene Achtelfinale zwischen Argentinien und Frankreich. Warum? Unklar. Das Regine blendet grundsätzlich keine Spielzeit ein und schneidet auch mal ganze Szenen raus.

Daran sollte sich die ARD ein Beispiel nehmen, wenn sie am Sonntag das deutsche Schicksalsspiel überträgt. Zensur aus Selbstschutz, sozusagen. Denn wer will schon wieder sieben spanische Tore sehen.