Ein Dienstagabend im November. Kurz nach 19 Uhr wird es laut auf dem Kunstrasenplatz an der Fischerstraße in Lichtenberg. Es ist empfindlich kühl, das Flutlicht spendet sparsam sein Licht, aber die zwanzig jungen Männer, die sich dort tummeln, scheinen viel Spaß zu haben. Es ist die Mannschaft des Berlin-Ligisten Sparta Lichtenberg, die Trainer Dragan Kostic, 38, um sich versammelt hat. Es geht laut zu, alle feuern sich gegenseitig an bei der Erwärmung und den ersten Übungen mit dem Ball. Die Stimmung ist prächtig.

Der Grund liegt auf der Hand: Sparta führt nach 14 Spieltagen die Berlin-Liga an – mit zwei Zählern Vorsprung vor dem Berliner SC und vier Punkten vor Stern 1900. Mit 46 Treffern gelten die Lichtenberger als Torfabrik der Liga. Gleich vier Spieler von Sparta befinden sich unter den Top Ten der Torschützenliste in Berlins höchster Spielklasse: Sanid Sejdic (zwölf Tore) thront ganz oben, Marvin Kupfer (sieben), Soner Demiyürek und Metin Karasu (je sechs) stehen ihm nicht viel nach. In der Liga wurde zuletzt beim SC Charlottenburg mit 8:0 gewonnen, im Berliner Pokal gab es beim SC Gatow einen 4:2-Erfolg.

Ernsthafter Kandidat für den Oberliga-Aufstieg

Sparta gilt inzwischen als ernsthafter Kandidat für den Aufstieg in die Oberliga. Dabei war Sparta erst 2017/18 nach einem Auf und Ab zwischen Landesliga und Berlin-Liga wieder aufgestiegen und hatte sofort einen starken vierten Rang belegt. „Nein, nein“, sagt Werner Natalis, 73, der Präsident von Sparta, „total überrascht von diesem bisherigen Erfolg sind wir nicht. Die Mannschaft ist zusammengeblieben, hat mit Philipp Malinowski nur einen wichtigen Spieler an Berlin United, dem aufstrebenden Team von Trainer „Icke“ Häßler, verloren und sich kontinuierlich weiterentwickelt.“ Mit dem offensiven Mittelfeldmann Sanid Sejdic, 30, besitzt Sparta „den besten Freistoßspezialisten der Liga“, so Natalis, „der macht 70 Prozent seiner vielen Tore mit Freistößen und Elfmetern.“

Natalis ist seit 38 Jahren bei Sparta und so etwas wie der „Übervater“ des Traditionsvereins. „Mein Wunsch ist es, dass wir uns dauerhaft in der Berlin-Liga etablieren. Wenn noch mehr herauskommt, müssen wir sehen, wie wir damit umgehen.“ Natalis weiß, dass die Anhänger von Sparta – zu den Heimspielen kommen im Schnitt zwischen 90 und 120 Zuschauer – schon über einen möglichen Aufstieg diskutieren.

Beständigkeit die große Stärke

Der Präsident, ein umtriebiger Mann, ist stolz auf seinen Verein, auf die lange Tradition als Arbeiterklub. Sogar ein ehemaliger DDR-Nationalspieler hat einst bei Sparta seine Laufbahn begonnen. Jürgen Nöldner, fünf Mal Meister mit dem ASK Vorwärts Berlin und 30-maliger Nationalspieler, hat als Sechsjähriger bei Sparta gespielt. „Wir wohnten in der Türrschmidtstraße und ich kam in die 7. Schülermannschaft von Sparta“, sagt der einstige Filigran-Techniker Nöldner. Auch an sein erstes Spiel kann sich der inzwischen 77-Jährige genau erinnern: „Wir spielten mit Sparta bei Stern Kaulsdorf und es gab danach kein warmes Wasser beim Duschen!“

Zurück in die Gegenwart, in der Sparta natürlich keinen künftigen Nationalspieler im Team hat. Jan Meißner, der Abteilungsleiter Fußball bei Sparta, sieht in der personellen Kontinuität bei Spielern und im Trainerteam die Hauptursache für den sportlichen Erfolg. „80 Prozent der Mannschaft ist seit vier Jahren zusammen. Viele der Jungs sind spielerisch gereift und unser Trainer geht ins siebte Jahr bei Sparta“, sagt Meißner stolz.

Dabei scheint es auf den ersten Blick nicht so einfach zu sein, eine verschworene Gemeinschaft wie sie Sparta derzeit ist, zu schaffen. Immerhin kommen die Akteure aus zehn verschiedenen Ländern. Neben deutschen Spielern stammen die Kicker aus Polen, Brasilien, der Türkei, Ungarn, Serbien, Bosnien, Kroatien, dem Iran und aus Kamerun. Gesprochen wird Deutsch, nur der Brasilianer mit dem klangvollen Namen Arthur Lourenco de Almeida, ein 24 Jahre alter Abwehrmann, hat noch Sprachprobleme und lernt gerade erst Deutsch auf der Volkshochschule. „Der wurde uns vom ehemaligen Schalker Bundesliga-Profi Lincoln empfohlen“, erzählt Präsident Natalis, „Lincoln stand plötzlich mit zehn Brasilianern bei uns vor der Tür. Aber de Almeida schlug bei uns voll ein.“

Trainer Dragan Kostic, ein in Berlin geborener Serbe, der gern von seinem Landsmann, dem ehemaligen Hertha-Stürmer Marko Pantelic schwärmt, hat die Mannschaft geformt und im Griff. „Der Mann ist Gold wert“, lobt Natalis. Kostic, der wegen der guten Atmosphäre bei Sparta schon einige Angebote anderer Vereine ablehnte, sagt von sich: „Ich bin ein loyaler Mensch, kann mich auf die verschiedenen Spielertypen einstellen und möchte jeden weiterentwickeln. Es spielt bei uns überhaupt keine Rolle, aus welchem Land jemand zu uns kommt.“

Kostic führt mit ruhiger Hand

Sämtliche Akteure gehen einer Arbeit nach, einige studieren. Trainiert wird dreimal in der Woche. Kostic führt die Mannschaft – spielerisch das wohl stärkste Sparta-Team der letzten Jahre – mit ruhiger Hand. „Aber ich kann auch mal laut werden“, verrät Kostic. Er weiß, dass der Aufstieg in die Oberliga nun plötzlich ein Thema ist. Präsident Natalis, der gern aufsteigen würde, sieht aber auch die „vielen Auflagen, die dann auf uns zu kommen, die hohen Kosten für Reisen, für einen Bus, für die Schiedsrichtergebühren, die dreimal so hoch sind wie jetzt.“ Sparta besitzt mit ATB Aufzugstechnik Berlin einen großen Hauptsponsor und 20 bis 40 kleinere Unterstützer.

Jan Meißner würde im Falle des sportlichen Erfolgs („Berliner Meister zu werden wäre toll“) zuerst in die Mannschaft hineinhorchen. „Werden die meisten Spieler die dann neuen Aufgaben in der Oberliga auch wollen? Können sie den Reisestress mit ihrer Arbeit vereinbaren? Solche Fragen müssen beantwortet werden“, sagt Meißner. „Experimente werden wir keine machen!“ Allerdings sagt der Fußballchef auch: „Durch unseren Hauptsponsor wäre auch die Oberliga finanziell abgedeckt!“

Trainer Kostic träumt im Moment noch nicht von der Oberliga. Möglichst jedes Spiel gewinnen, will er aber natürlich auch. Noch bewegt man sich bei Sparta im Moment in einem Zwiespalt, was einen eventuellen Aufstieg betrifft. Meißner gibt sich diplomatisch und sagt: „Wir wollen erst mal Woche für Woche gute Spiele abliefern.“ Am Sonntag kommt erst einmal der SV Empor auf den Platz an der Fischerstraße.