Stegersbach - Auf dieses spezielle Präsent hätte er gerne verzichtet. 30 Minuten lang schuftete Eduard Löwen, 22, auf dem Trainingsplatz, während viele Kollegen schon längst die regenerativen Vorzüge der Eistonne genossen. Zusammen mit Athletik-Trainer Henrik Kuchno lief Herthas neuer Mittelfeldmann auf dem Rasen des SV Stegersbach im Trainingslager in Österreich von Grundlinie zu Grundlinie. „Das war ein verspätetes Hochzeitsgeschenk“, erklärt Trainer Ante Covic die Extraschicht mit einem Augenzwinkern. 

Dass ein Fußballprofi während der Saisonvorbereitung für drei Tage freigestellt ist, um zu heiraten, ist, nun ja, ungewöhnlich. „Das war schon über ein halbes Jahr im Voraus geplant. Und ich wusste ja nicht, bei welchem Klub ich spiele“, begründet Löwen die Schwierigkeiten bei der Terminfindung. Er habe noch probiert, die kirchliche Trauung vorzuziehen und sei dankbar für das Verständnis des Trainers. Das Kuchno-Stück nach seiner Rückkehr kommentierte er bei seiner ersten offiziellen Gesprächsrunde mit den anwesenden Journalisten im Restaurant des Mannschafthotels dennoch süffisant. „Ich hatte eigentlich genügend Geschenke bekommen.“

Bibeltreuer Christ

Löwen spricht mit ruhiger Stimme, wirkt bodenständig und reflektiert – und ist selbstbewusst. Klar müsse er sich noch an das intensivere Training als beim 1. FC Nürnberg gewöhnen, klar seien die Qualität und die Konkurrenzsituation hoch, aber „ich kann es nicht ertragen, auf der Bank zu sitzen. Ich will hier unbedingt Stammspieler werden.“

Das erhofft sich auch Covic vom 1,88 Meter großen und 90 Kilogramm schweren Neuzugang, den Manager Michael Preetz für sieben Millionen Euro vom Erstliga-Absteiger nach Berlin lotste. „Seine große Stärke ist, dass er auch als gedeckter Spieler Bälle fordert“, erklärt Covic. Löwen sei ein absoluter Allrounder, der „im mittleren Sektor nahezu auf jeder Position spielen kann“. Seine körperliche Robustheit zeigte Löwen bereits bei seinem 45-minütigen-Debüt beim 2:1-Testsieg gegen Fenerbahce Istanbul. „Man hat gesehen, was für ein Koffer er ist. Es haben sich in einer Situation zwei Leute drangehangen, die hat er abgeschüttelt“, lobt Covic.

Verdauter Frust

Der Trainer sei der Grund gewesen, warum er nach nur 22 Bundesligaspielen mit drei Toren und drei Vorlagen den Sprung in die Hauptstadt wagte, sagt Löwen. „Er hat sich sehr mit meiner Person auseinandergesetzt und mir das Gefühl gegeben, das passt.“ Natürlich habe er sich auch bei der Vorbereitung auf die U21-Europameisterschaft bei den Hertha-Spielern erkundigt. Besonders Maximilian Mittelstädt habe er mit Fragen gelöchert. „Der muss sich gefühlt haben, wie bei ,Wer wird Millionär‘“, sagt Löwen und lacht.

Den Frust, unter Nachwuchsbundestrainer Stefan Kuntz bei der U21-EM nicht zum Einsatz gekommen zu sein und vorher abgestiegen zu sein, hat Löwen verdaut. Dabei geholfen habe ihm auch sein Glaube. „Ich bin ein bibeltreuer Christ, glaube an Jesus und richte mein Leben danach aus.“ Seine Überzeugung führt zu einem Fast-Alleinstellungsmerkmal unter Fußballprofis: „Ich habe mich schon früh gegen Tattoos entschieden, das wäre auch nicht vereinbar.“

Diskriminierung ertragen

Stattdessen hat Löwen gelernt, sich durchzubeißen. Als jüngstes von drei Kindern musste er als Russland-Deutscher in Rheinland-Pfalz immer wieder Diskriminierungen ertragen. Sein Ventil war der Sport. Bevor er als 13-Jähriger in das Internat des 1. FC Kaiserslautern zog, spielte er lange Handball. „Ich wurde auch dort in die Auswahlmannschaften berufen. Aber Fußball hat mir immer mehr Spaß gemacht.“ Seine kräftige Statur habe er auch seinem Vater zu verdanken, der als ehemaliger russischer Soldat seinen Sohn früh drillte. „Liegestützen, Klimmzüge und Sit-ups“, zählt Löwen auf.

Sorgen, dass Löwen mit einem Kater von seiner Hochzeit zurückkommen würde, musste sich Covic nicht machen. Herthas Neuer verzichtet fast immer auf Alkohol, trank sogar bei der Aufstiegsfeier des Clubs vor einem Jahr nur alkoholfreies Bier. Löwen will die „Kontrolle“ bewahren. Im Leben. Und auf dem Rasen.