Thomas Bach, der neue Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gab sich am Montag ganz präsidial. Man werde die Bewerberstädte für die Olympischen Winterspiele 2022 wie geplant am 14. November bekannt geben, ließ er einen Sprecher verlauten. „Bis dahin wird es genau wie zu Entscheidungen anderer Städte keinen Kommentar geben.“

Deutlicher kann man die Ernüchterung über das vorzeitige Scheitern der Münchener Olympia-Bewerbung kaum dokumentieren. Auf den ersten Deutschen im Amt des IOC-Präsidenten kommen gewaltige Probleme zu.

Mutiert zum Megaevent mit Sport

Die in vier Volksentscheiden ermittelte Ablehnung der Bürger der betroffenen Ausrichterstädte München und Garmisch-Partenkirchen sowie der Landkreise Traunstein und Berchtesgadener Land markieren einen gravierenden Akzeptanzverlust der olympischen Idee. Zumindest in der Form, in die sie das IOC zuletzt unter maximalem Kontrollzwang und größtmöglichen Verwertungsinteressen zu einem Megaevent mit sportlichen Darbietungen gezwungen hat.

Die Entscheidung von München ist nicht der Verzicht irgendeines Bewerbers. Vielmehr ist sie das gewaltige Misstrauensvotum einer ganzen Region, die ihr bürgerliches Selbstbewusstsein und ihr bescheidenes Maß an Weltgeltung in den letzten 40 Jahren zu nicht geringen Teilen aus den Olympischen Sommerspielen von 1972 bezogen hat.

Weit über Deutschland hinaus galt München als Symbol einer gelungenen Synthese von sportlichem Wettbewerb, demokratischer Offenheit und modernen Präsentationsformen. Das vorübergehende Wehen des olympischen Geistes, von dem München wie kaum eine andere Stadt auch wirtschaftlich und kulturell profitiert hat, war nicht zuletzt davon getragen, dass die Spiele von 1972 von der Bevölkerung auch angenommen wurden.

Die geschwungene Leichtigkeit, die das vom Architekten Günther Behnisch entworfene Stadiondach verkörperte, hatte sich auch auf die Menschen in der Fußgängerzone übertragen. Damit scheint nun Schluss zu sein. Wenn die großen Weltsportverbände ein Gespür für die gesellschaftliche Dimension der Veranstaltung haben, die sie als perfekt designte Weltmarken vertreiben, dann sollte ihnen nicht entgangen sein, dass am Sonntag in Bayern der Pakt mit der Aufgeschlossenheit der beteiligten Bürger, ohne den Olympische Spiele nicht zu haben sind, aufgekündigt wurde.

Es waren keine erregten Wutbürger, die aus einem übersteigertem Heimatgefühl heraus Nein zu olympischen Abfahrtsläufen in Garmisch und der Biathlon-Staffel in Ruhpolding gesagt haben. Vermutlich leben gerade in Bayern mehr begeisterte und aktive Wintersportler als an den meisten anderen möglichen Austragungsorten. Ihr demonstrativer Verzicht folgt vielmehr einer nüchternen Kosten-Nutzen-Rechnung, in der sich die Ahnung durchgesetzt hat, dass die Ausführenden der engen Vorgaben des IOC-Regimes am Ende die Verlierer sein könnten.

Das Zauberwort von der ökologischen Nachhaltigkeit steht zwar ganz oben auf der Agenda vieler IOC-Verlautbarungen. Doch die Liste jener Städte und Kommunen, die wirtschaftlich, ökologisch und sozial schwer an den Folgen ihres olympischen Abenteuers zu tragen haben, ist in der Vergangenheit immer länger geworden.

Wer am Sonntag mit Nein gestimmt hat, dürfte eine ziemlich genaue Vorstellung davon gehabt haben, was auf ihn zukommt, wenn die Karawane des Wintersports vor seiner Haustür haltmacht.
Man kann Thomas Bachs trockene Äußerung zum Münchener Bürgerentscheid als gebotene Zurückhaltung in einem laufenden Bewerbungsverfahren und das Bemühen um Neutralität verstehen. Im bisherigen Selbstverständnis des IOC hat man sich wenig um die mentale Verfasstheit der Bewerber geschert, sondern ist dorthin gezogen, wo große Aufopferungsbereitschaft und gute Geschäfte winken.

Ein Lob auf Regime

Das hat dem IOC den Ruf eingebracht, ein lockeres Verhältnis zu Korruption und wenig Berührungsängste zu Diktatoren und deren Regimen zu haben. Ernsthaft gestört hat man sich in der Weltregierung des Sports an dem schlechten Image bislang nicht. Ganz ungeniert haben einige Funktionäre durchblicken lassen, dass autoritär geführte Länder bei der Durchsetzung von Großereignissen auch gewisse Vorzüge bieten.

Wenn der ehemalige Olympiafechter Thomas Bach seine Wahl zum IOC-Präsidenten nicht nur als Vollendung seiner sportpolitischen Karriere, sondern als Beginn einer neuen Mission betrachtet, dann wird er sich daran messen lassen müssen, ob es ihm gelingt, dem modernen olympischen Sport wieder zu demokratischer Legitimation zu verhelfen.

Die Existenz künftiger Olympischer Spiele wird von ihrer Relevanz für die jeweiligen Bedürfnisse der Menschen an den Austragungsorten abhängen. Als Superpaket der Globalisierung, das denjenigen zugestellt wird, die am meisten bieten, wird olympischer Sport keine Zukunft haben. Das ist die Botschaft von Traunstein und anderswo. Nun braucht es einen, der sie für die Ohren der IOC-Oberen übersetzt.