Berlin - Seine Zeit ist schon einige Sommer vorbei beim 1. FC Union, als ich 1975 mit meinem gerade erworbenen Journalistik-Diplom in Berlin und auch in der Wuhlheide auftauche und dort für eine Saison und ein paar wenige Spiele als Stürmer sogar in der 1. Mannschaft zum Einsatz komme.

Aber präsent ist er noch immer bei den Rot-Weißen, erst recht in der 16. Etage in der Singerstraße 83, einem Punkthochhaus Ecke Andreasstraße, wo der Verein einige wenige Ein-Raum-Wohnungen für seine auswärtigen Spieler hat und wo auch ich für einige Zeit unterschlüpfe. „Ein paar Türen weiter“, flüstert der spätere Kapitän Rolf Weber mir zu, „wohnt Jimmy Hoge.“ Mit seinem bürgerlichen Vornamen Günter spricht ihn niemand an, schon gar nicht bei den Eisernen.

Jimmy, das hatte natürlich auch ich mitbekommen, war ein ganz besonderer Spieler. Einer, der einerseits vor Talent und Können nur so strotzte, der andererseits aber selbst dort aneckte, wo sich andere elegant bewegten und alle Kanten umdribbelten.

Ein Taxi für die Sporttasche

Rolli Weber spricht voller Ehrfurcht von dem eisernen Idol, neben Wolfgang Wruck der damals einzige Nationalspieler des 1. FC Union. Nur: Zu sehen bekomme ich Jimmy Hoge nie. Ich habe eher den Eindruck, dass es wahrscheinlich so ist wie zu seiner aktiven Zeit, wie in seinen sechs Länderspielen und seinen Oberligapartien für den ASK Vorwärts, mit dem er zweimal Meister wird, und eben für die Rot-Weißen aus der Wuhlheide: Er schlägt wohl noch immer Haken und schlüpft, an allen vorbei, durch alle Lücken.

Doch präsent ist er immer, fast wie ein Geist, der jeden Augenblick im Treppenhaus auftauchen könnte. Kaum kommt unter uns Spielern die Rede auf die eisernen Helden, auf die Pokal-Cracks von 1968, immer wird Jimmy als einer der Ersten genannt.

Ein wenig liegt es auch daran, dass ihn eine Aura umweht, die etwas von Dissident hat, zumindest von Aufmüpfigkeit, aber auch von Verfolgung. Darüber, dass er sich einst nach einer Meisterfeier mit dem ASK Vorwärts gleich zwei Taxis bestellt, um nach Hause zu fahren, eines für sich und eines für seine Sporttasche, können die Funktionäre noch herzhaft lachen, auch wenn das einer sozialistischen Sportlerpersönlichkeit nicht gut zu Gesicht steht. Dass er sich später jedoch mit den Mächtigen anlegt, auf subtile Art zwar, aber zumindest nach ihrer Lesart unverzeihlich, lassen sie nicht durchgehen.

Die bundesdeutsche Nationalhymne

Während eines Sommerurlaubs an der Ostsee singt Jimmy, mehr aus Jux denn aus Überzeugung, im Beisein seines damaligen Trainers Werner Schwenzfeier die bundesdeutsche Nationalhymne. Damit und auch weil man ihm vorwirft – mit diesem Argument wischt man alles andere vom Tisch –, Kontakte geknüpft zu haben, um eventuell irgendwo in der Bundesliga anzuheuern, ist es mit seiner Karriere vorbei. Gerade 29, darf er nur noch in den untersten Spielklassen wirbeln, bei IHB Berlin, Motor Friedrichshain und Motor Hennigsdorf.

Als Vorbild gilt Jimmy damit nicht mehr, umso mehr aber als Held, bei vielen sogar als Märtyrer.

Allerdings gehen die Jahre auch an Jimmy, der das Leben ganz gern von der sonnigen Seite nimmt, nicht spurlos vorbei. Doch abgucken kann man sich noch immer was von dem Haudegen, von dem Dribbler, der mit seiner eher schmächtigen Statur so unscheinbar wirkt, aber selbst in Altersmannschaften die gegnerischen Abwehrspieler oft mit verknoteten Kniegelenken und verdrehten Hälsen zurücklässt. Bei Rotation Berlin wirbelt er mit über 40 bei den Alten Herren, und nicht die damaligen Zweitligaspieler, unter denen auch ich war, gelten als Stars, sondern es gibt trotz unseres Torhüters Rainer Ignaczak, auch er ein 1968er Union-Pokalheld, nur den einen: Jimmy.

Idol unserer Jugend

Nur: Selbst damals gelingt es mir nicht, wenigstens einmal in seiner Mannschaft zu stehen. Nicht einmal zur Gaudi. Sonst was hätte jeder von uns dafür gegeben, neben dem Idol unserer Jugend zu stehen, ihm den Ball zuzupassen, ihm die entscheidende Vorlage zu einem Tor zu geben.

Erst auf meine alten Tage erfüllt sich dieser Traum. Jimmy, längst jenseits der 70, lässt sich zu Spielen der Traditionself nie lange bitten. Meist ist er der Erste, der mit Tasche unterm Arm erscheint. Merklich kürzer geworden sind seine Schritte und langsamer, aber er ist da, immer. Natürlich ist es damit vorbei, einen 40- oder 50-Jährigen zu umspielen. Noch immer aber raunen die Kiebitze am Spielfeldrand einander zu: Der da, das ist Jimmy Hoge. Von keinem wollen die Steppkes danach ein Autogramm, von ihm schon.

Allein Jimmys Stimme macht schon lange nicht mehr den frischesten Eindruck. Leise, ganz leise spricht er, die Töne kommen so flüsternd wie einst die, mit denen über ihn gesprochen und von ihm geschwärmt wurde. Am Ende kann er gar nicht mehr reden. Als ihn vorige Woche einige seiner damaligen Mitspieler, unter ihnen Ulrich Prüfke, der Kapitän, auf der Intensivstation besuchen, erkennt er sie schon nicht mehr. Am Montag ist Jimmy Hoge, 30 Tage nach seinem 77. Geburtstag, an Krebs gestorben.