Nächste Woche reist Uwe Trömer in die Schweiz. Er hat eine Einladung bekommen, um dort Doping-Prävention zu betreiben. Die DDR hat ihn zum Fachmann gemacht: Sie ließ ihm vor 30 Jahren reichlich Anabolika verpassen, damit Trömer als Bahnradfahrer der SED-Diktatur Medaillen beschert.

Der schlanke Mann wirkt gesund. Er trägt Jeans und Turnschuhe, der kahlgeschorene Kopf hat ein wenig Farbe von der Sonne bekommen. Allein: Seit er vor sechs Jahren als Spätfolge des Staatsdopings einen Schlaganfall erlitt, kann Trömer als anerkanntes Opfer keiner geregelten Arbeit nachgehen.

Nun arbeitet er im Vorstand der Doping-Opfer-Hilfe (DOH) ehrenamtlich an der Seite der früheren Sprinterin Ines Geipel. Der 1999 gegründete Verein betreut dopinggeschädigte Athleten, er leistet Präventionsarbeit und betreibt Lobbyarbeit für eine Opfer-Rente für zwangsgedopte Athleten mit Schwerstschäden. Wohl am 16. Mai soll dazu eine Gesetzesinitiative von den Grünen im Bundestag beraten werden, die in solchen Fällen monatliche Zahlungen von 200 Euro vorsieht.

Während in der Schweiz und auch in Österreich Trömers Erfahrungen in Gastreferaten gern gehört werden, bleibt seine Expertise in Deutschland ungenutzt: Wenn es darum geht, an deutschen Eliteschulen des Sports mit Vorträgen vorbeugend bei Jugendlichen auf die Gefahren des Dopings hinzuweisen, werden Fachleute des DDR-Sports wie Trömer, Geipel oder auch Andreas Krieger, vor einer auf die Spätfolgen des Dopings zurückzuführende Geschlechtsumwandlung Kugelstoßerin in der DDR, ignoriert.

Als zuständiger Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) schiebt Michael Vesper dafür die Schuld der für ihre Wirkungslosigkeit ohnehin berüchtigten Nationalen Antidoping-Agentur (Nada) in die Schuhe: Die, schrieb Vesper, der Doping-Opfer-Hilfe, zeige „sich eher zurückhaltend, was die Einbindung der Dopingopfer angeht“. Doch der Versuch des früheren Grünen-Politikers schlägt fehl: Auch sein eigener Dachverband hat bisher inklusive vieler Absichtserklärungen nur viele Erklärungen für die Ergebnislosigkeit produziert.

"Schwerer Schaden für den Sport"

Fachleute vermuten dahinter System, weil viel Doping-Know-how weiter Verwendung gefunden hat, wie etwa der Leichtathletik-Trainer Werner Goldmann, der heute den Diskuswerfer Robert Harting betreuen darf. „Das Festhalten an ehemaligen Doping-Tätern und Stasi-Mitarbeitern rund ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall“, formuliert der die Doping-Opfer-Hilfe in einer gestern verteilten Erklärung, „fügt der deutschen Sportbewegung schweren Schaden zu.“

Auch der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke, der gestern mit der Opfer-Hilfe verkündete, dass sein umfangreiches Doping-Archiv mit Mengen medizinischer und juristischer Originaldokumente von Weinheim nach Berlin umgesiedelt wird und eine Zweigstelle mit allen Kopien in Austin/Texas bekommt, schimpfte auf die DOSB-Führung. Deren Ziel sei nur, „niemals einen strafbaren Akademiker zu haben“. Während der gedopte Sportler alles Risiko getragen habe, würden „intellektuelle Täter geschützt vom System“.

Derzeit führt die Opfer-Hilfe eine Statuserhebung über den gesundheitlichen Zustand der etwa 600 Dopingopfer durch, die sie bis Ende Juni abschließen will. Die etwa 190 Gespräche bisher haben erschreckende Befunde gebracht. Trömer berichtete von einer früheren Skilangläuferin, die in Folge des Dopings unter einer spinalen Muskeldystrophie leidet: „Sie wird im Rollstuhl enden. Sie lebt von einer Sozialrente. Im Jobcenter gibt es null Verständnis.“

Vom „ehemals stärksten Mann der Welt“ erfuhr er, dass der wegen der Zwangschemiekuren heute „Dialysepatient ist und im Rollstuhl sitzt“. Ein früherer Leichtathlet ist „psychisch so schwer erkrankt, dass er alleine nicht lebensfähig ist und von seiner Mutter betreut werden muss“. Die ehemalige Eiskunstläuferin Marie Kanitz, die nun im Verein mitarbeitet, erkrankte Jahre nach Karriereende im Studium so schwer psychisch, dass sie vier Aufenthalte in der Psychiatrie hinter sich hat, heute von Sozialhilfe auf Existenzminimum lebt.

Der Dopingfachmann Franke hatte zu Kongressen Gerd Jacobs eingeladen: Wegen der Gabe der Oralturinabolpillen leidet der frühere Kugelstoßer an einer Herz-Hypertrophie. „Er wird sterben“, sagt Franke.