Duell auf dem Amateurplatz: Der Berliner Fußball steht vor großen Herausforderungen.
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Berlin-SchönebergManchmal dauert es, bis eine Idee verstanden wird. Zum Beispiel damals, als Gerd Thomas auf einem Treffen des Unternehmer-Netzwerks Südkreuz erschien. Thomas ist 1. Vorsitzender des FC Internationale und wurde nun von einem Geschäftsmann gefragt, was er in diesem Kreis eigentlich wolle. „Da habe ich zurückgefragt, wie viele Mitarbeiter er habe, und als er sagte, es seien 22, da habe ich geantwortet: ,Mein Fußballverein hat 1 200 Mitglieder’.“ Inzwischen nimmt Gerd Thomas an Versammlungen der Schöneberger Unternehmer teil.

Zwei Seiten profitieren

Der Klubchef hat diese kleine Geschichte jetzt wieder erzählt, weil sie illustriert, warum sich er und Bernd Fiedler vom SFC Stern 1900 am Montag in einem offenen Brief an die Vereine der Stadt gewandt haben. Am Sonnabend trifft der Berliner Fußball-Verband (BFV) zu einem Arbeits-Verbandstag zusammen. In ihrem Brief kündigen Thomas und Fiedler nun an, dass sie im Namen ihrer „Berliner Fußball-Interessengemeinschaft“ an die 30 Anträge einbringen werden. „Es wird nur verwaltet, zu wenig nach vorne gedacht“, sagt Thomas. Sie aber wollten moderne Antworten auf Fragen der modernen Gesellschaft.

Die Geschäftsleute vom Südkreuz haben irgendwann verstanden, haben erkannt, dass unter den Mitgliedern des FC Internationale jene Fachkräfte sein könnten, die sie suchen. Oder Jugendliche, die sich für eine Lehrstelle eignen, die durch ihren Sport, den Fußball, immerhin schon mal die Bedeutung von Disziplin und Einsatzbereitschaft kennengelernt haben. Der Verein wiederum profitiert von finanziellen Zuwendungen, vielleicht, ganz sicher aber von verständnisvollen Chefs, die wissen, dass ein Übungsleiter aus ihrer Firma zu bestimmten Zeiten beim Training sein muss. „Wir bringen Leute zusammen, die sonst nicht zusammenkämen.“

Gerd Thomas, Klubchef beim FC Internationale in Berlin.
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Was im Kleinen funktioniert, sagt Thomas, sollte auch im Großen gehen. Deshalb die Anträge, wobei die Herausforderungen der modernen, flexibilisierten Arbeitswelt für den Fußball besonders deutlich bei den Übungsleitern sichtbar werden. Ehrenamtliche Trainer zu finden, wird immer schwieriger. Das freiwillige Engagement geht zurück, der Berliner Fußball sieht sich zugleich mit einer wachsenden Nachfrage konfrontiert. Rund 159 000 Mitglieder hatte der BFV im Januar, Tendenz steigend. Viele der 381 Vereine geraten an ihre Kapazitätsgrenze. „Wir fühlen uns vom Verband alleingelassen.“ Sagt Thomas, wie er betont, „im Namen sehr vieler Vereinsvertreter“.

Amateurfußball, auch das betont er, habe eine starke gesellschaftliche Funktion, nicht nur Vereine und Verband dürften sich dafür verantwortlich fühlen. „Wir wollen mit Vertretern aus Wirtschaft und Politik gemeinsam nach Ansätzen suchen.“ Beispiele, wie ein solcher Ansatz aussehen könnte, gibt es. Etwa im Basketball, wo unter der Leitung von Alba Berlin Klubs mit Wohnungsbaugesellschaften kooperieren. Basketball wird so zu einem Teil des Quartiers-Managements.

Auch im Amateurfußball, sagt Thomas, übernehmen Trainer die Funktion von Sozialarbeitern mit, in schwierigen Kiezlagen zumal. Ein fertiges Konzept, wie sie besser unterstützt werden können, hat der Schöneberger nicht. „Es geht erst einmal darum, ins Gespräch zu kommen“, sagt Thomas. Es geht ums Ehrenamt, um Infrastruktur, um Schiedsrichter, um den Umgang mit E-Sport, um Lobbyarbeit gegenüber Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Medien. Und deswegen will die „Berliner Fußball-Interessengemeinschaft“ am Sonnabend über die Entscheidungsträger im Verband reden.

Frauenquote von 30 Prozent

Per Antrag möchte sie die Amtszeit eines BFV-Präsidenten verkürzen, wofür eine Zweidrittelmehrheit nötig ist. „Wir halten es für unerlässlich, dass nach spätestens drei Legislaturperioden von der Spitze des Verbandes neue Impulse gesetzt werden“, heißt es in dem offenen Brief. Präsident Bernd Schultz amtiert seit 2004. „Eine Frauenquote von 30 Prozent und mehr junge Leute im Vorstand“, zählt Thomas weiter auf: „Wir wollen uns zeitgemäß aufstellen.“

Wie viele ihrer Anträge sie durchbringen, vermag er nicht zu schätzen. Einer dürfte es auf jeden Fall schaffen. „Wir sind uns mit der BFV-Spitze einig, dass künftig in vier Regional-Konferenzen mit jeweils drei Berliner Bezirken die Probleme der Fußball-Basis besprochen werden.“ Ein Anfang, immerhin. Wie damals, als Gerd Thomas in einem Unternehmer-Meeting auftauchte.