Motivieren sich gegenseitig: Die Biesdorfer Brüder Malte (l.) und Ole Braunschweig.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

BerlinOle Braunschweig ist gerade aus dem Becken gestiegen; Trainingsende  im Sportforum Hohenschönhausen, Wassertropfen glitzern auf seinen Schultern. Er zeigt auf den Kraftraum im ersten Stock. „Mein Bruder Malte ist noch oben an den Geräten“, sagt er, um sich noch schnell ein Handyvideo mit Grimassen seines Teamkollegen Ramon Klenz anzuschauen, das Trainer Lasse Frank  ihm geschickt hat – ein Motivationsvideo mit Erheiterungscharakter vor Beginn der deutschen Kurzbahn-Meisterschaften, die noch bis Sonntag in Berlin stattfinden. An der Schwimmhallenwand hängt eine japanische Nationalflagge, „Tokyo“ steht darauf, „Japan“, und in dem roten Punkt „2020“. 

Auch die Fahne dient der Motivation. Wobei für Ole Braunschweig, der am heutigen Freitag 22 Jahre alt wird, und für Malte, 19, klar ist, was sie wollen: In Tokio zusammen auftauchen, Ole bei Olympia, Malte bei den Paralympics. „Die Quali zu zweit, das wäre der absolute Traum, das Ultimative für uns“, sagt Ole Braunschweig. Er schaut seinen Bruder an, der inzwischen unten in die Halle neben ihm sitzt. „Ich wünsche es Malte von Herzen. Und für unsere Eltern wäre es mit das Schönste.“ Sie haben viel Zeit und Geld in den Sport ihrer Kinder investiert. Malte nickt. Er ist mit einer Dysmelie im rechten Arm zur Welt gekommen, seine Oberarmmuskulatur ist nur zum Teil vorhanden, sein kleiner Finger fehlt.  

Ole Braunschweig: Der Trainer nennt ihn Hulk

Seit 2010 startet Malte Braunschweig für das Berliner Schwimmteam. 2018 war er in Dublin EM-Sechster über 100 Meter Freistil und -Siebter über 100 Meter Schmetterling. Zuletzt hat er bei der Para-WM im September in London vier deutsche Rekorde in der Startklasse S9 aufgestellt. Dieser Sommer hat den Glauben der Brüder aus Berlin-Biesdorf befeuert, ihr Ziel in Japan erreichen zu können.

Denn Ole Braunschweig ist im August als Kerl mit der grünen Badekappe aufgefallen. Er war bei den deutschen Meisterschaften in allen Zusammenschnitten der Sportnachrichten zu sehen: Wie er nach dem Blick auf die Anzeigetafel die Oberarmmuskeln anspannt, den Mund weit aufreißt, das Wasser aufpeitscht. Hulk, hat ihn Trainer Lasse Frank danach genannt. Der Muskelmann in Grün gewann über 100 und 50 Meter Rücken. Er brach als einziger die Dominanz der gerade von der WM zurückgekehrten Schwimmer, bezwang Christian Diener vom Potsdamer SV, den EM-Zweiten von 2014 und Olympiasiebten von 2016.

„Nah dran, die Lichter auszuschießen“

Die Emotionalität dieser Momente war für jeden zu spüren. „Es war für ihn ein Fingerzeig, Mensch, hier bin ich“, sagt sein Trainer. „Klar, Diener kam vom Saisonhöhepunkt zurück. Aber es war wichtig für Oles Entwicklung zu sehen: Der ist schlagbar.“ Als er im Vorstartzelt saß, habe er gedacht: „Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen“, erzählt Ole Braunschweig. Er findet: „Das beste am Schwimmen ist der Wettkampf.“ Und da geht es um den Olympiaplatz in der Lagenstaffel. Seine 100-Meter-Rücken-Bestzeit vom August, die 54,79 Sekunden, sind eine Sekunde über der Olympianorm. Das ist kein Pappenstiel, aber Ole Braunschweig ist ein Kämpfer. Einer, der sich im Training verausgabt und „oft nah dran ist, die Lichter auszuschießen“, wie es Lasse Frank formuliert.  Mit seinem Kraftstil, hohem Aufwand im Wasser also, hat es Ole Braunschweig schon weiter geschafft, als viele dachten. „Eine Sekunde ist machbar, wenn ich sehe, was ich noch alles bei Unterwasserphasen, Start und Wenden herausholen kann. Das hat mir ein Test beim IAT gezeigt.“

Es gehört zu den Absurditäten des Sportfördersystems, dass ein Athlet, der in den vergangenen Jahren deutschlandweit Zweiter, Dritter, Vierter war, erst jetzt, seit 1. November, im Kadersystem des Schwimmverbandes Platz fand. Erst jetzt wurde sein Stil am Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) untersucht, erst jetzt bekommt er Sporthilfe, erst jetzt kann er bei der Studienplatzsuche für Lehramt in Sport und Biologie die Kategorie „Leistungssportler“ ankreuzen.

Ole Braunschweig: Vorbild für den jüngeren Bruder

Malte ist schon länger Kaderschwimmer. Er trainiert bei Phillip Semechin und hat im Mai 2020 zusätzlich das Abitur am Schul- und Leistungssportzentrum (SLZB) vor sich, peilt da einen Schnitt von 1,3 oder 1,4 an, denn „das Abi ist etwas, das man fürs Leben braucht“. Wie Ole fing er beim BSV Medizin Marzahn zu schwimmen an. Eigentlich wollte er Fußballer werden, aber die Eltern meinten, Schwimmen sei besser für seinen Arm.

„Ich glaube nicht, dass ich stehen würde, wo ich bin, wenn Ole nicht schwimmen würde“, sagt Malte. „Wir unterhalten uns viel. Der andere versteht, was man fühlt, bei welcher Serie man fast gestorben wäre.“ Ole sagt, er versuche, für Malte ein gutes Vorbild zu sein. Als er 2017 eine Qualifikation verhaute, habe aber sein jüngerer Bruder ihm zugeredet, ihn neu motiviert. „Ich glaube, dass es für Ole oft schwierig war, weil bei mir der Erfolg früher kam“, sagt Malte. Schon 2012 gewann er  deutschen Kurzbahn-Meisterschaften neun Goldmedaillen.

Start auf allen Rückenstrecken

Die Brüder gehen fürsorglich miteinander um, liebevoll. Beide kochen gern. Malte hat am SLZB ein Kochprojekt gestartet, Ole hätte sich Koch als Beruf vorstellen können. An Weihnachten haben sie sich einen Kochwettbewerb mit den Eltern geliefert. „Sie die Gans, wir die Ente“, sagt Ole. „Nee, wie die Gans, sie die Ente“, meint Malte.  

An diesem Wochenende hat er zehn Starts bei den Para-Kurzbahn-Meisterschaften in Remscheid vor sich. Ole sagt, er wolle auf der Kurzbahn sehen, wie er sich bei den Unterwasserphasen und Wenden entwickelt habe und sich für die Kurzbahn-EM qualifizieren. Er startet auf allen Rückenstrecken: am Freitag über 200 m, am Sonnabend über 100 m und am Sonntag über 50 m. Die Meisterschaften sind für beide ein Schritt in eine spannende Olympia- und Paralympics-Saison.