Wollen nicht klein beigeben: Anton Braun (vorne) und René Schmela auf dem Kleinen Wannsee. 
Foto: Berliner Zeitung/Christian Schulz

BerlinEin Paar sehr große Turnschuhe und ein Paar riesige Badelatschen warten auf dem Steg am Kleinen Wannsee darauf, dass ihre Besitzer anlegen. Nebenan lässt sich ein Reiher nieder, während die Wellen ans Ufer schmatzen. Anton Braun und René Schmela gleiten im Riemen-Zweier heran. Es sieht elegant aus, leicht, wie sie ihre Blätter synchron ins Wasser tauchen. Braun steuerbord, Schmela backbord.

Nach einer Trainingseinheit auf dem Wasser schlüpfen die Ruderer aus ihren am Stemmbrett fixierten Sportschuhen und richten ihre Zweimeterkörper auf, die in engen Einteilern stecken. „Hallo.“ „Guten Morgen.“ Braun gähnt. Schmela dehnt seinen Rücken und er hat Hunger. „Lass uns erst mal was hinterhauen“, meint er, bevor er seine Riesenlatschen anzieht.

So also sehen Rebellen aus, vom Deutschen Ruderverband (DRV) Aussortierte, die nicht klein beigeben wollen. Anton Braun, 30, und René Schmela, 22, gehören zu Deutschlands besten Riemen-Ruderern. Sie gehörten auch zum Team Deutschland-Achter im Leistungszentrum Dortmund. Dort wurden beide rausgeworfen, Schmela Anfang 2019, Braun Mitte 2019. „Keine Perspektive“, lautete die Einschätzung. „Zu alt, nicht mehr gut genug“, wurde Braun gesagt. Er war in London und Rio bei Olympia gestartet, hatte WM- und EM-Medaillen im Achter gewonnen.

Und jetzt? Rudert Braun mit Schmela im Zweier gegen das System. Die beiden Berliner wollen es auf ihrem Weg zu Olympia in Tokio schaffen. „Eigentlich gibt es ja nur zwei Alternativen: aufhören oder nach Dortmund kommen. Das haben wir am eigenen Leib gespürt“, sagt Braun. „In dem Moment, wo wir gesagt haben, wir machen unser eigenes Ding, waren wir der Feind. Der Feind von Dortmund und der Feind des Verbandes.“

DRV-Sportdirektor Mario Woldt sagt, die beiden seien aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in Dortmund: „René war der Druck zu viel, der dort innerhalb der Mannschaft herrscht. Er konnte sich nicht immer jeden Tag motivieren. Das war nicht so mannschaftsdienlich. Anton fühlt sich wohler, wenn er in kleiner Gruppe trainiert. Im Rudern braucht es verlässliche Partner, die mit der nötigen Motivation rangehen. Die war nicht immer gegeben, aus welchen Gründen auch immer.“

Am Kleinen Wannsee heben die beiden Berliner ihr Boot aus dem Wasser. Zwei Freitreppen führen hinauf zum ehrwürdigen Quartier des Berliner Ruder-Clubs (BRC). Die Villa ähnelt mit ihrem Turm einer Trutzburg. Hier wohnen Braun und Schmela jetzt im zweiten Stock zusammen mit 17 anderen BRC-Athleten und -Betreuern: jeder ein Zimmer, Gemeinschaftsküche, Toiletten und Dusche am Flur.

Auf der Terrasse mit Blick Richtung Großer Wannsee erzählen sie von einem System der Zentralisierung, das der Deutsche Olympische Sportbund mit seiner Leistungssportreform vorgegeben hat, das aber nicht ihres ist. 2018 wurden die besten Riemen-Ruderer am Stützpunkt in Dortmund zusammengezogen. Dort trainieren alle ein Programm, um es in den Deutschland-Achter zu schaffen. Der Achter steht im Mittelpunkt, hat einen Sponsor, die größten Medaillenchancen.

„Es gibt 14 olympische Bootsklassen, aber in der Sportschau läuft nur der Achter“, erläutert BRC-Trainer Adrian Bretting. Er hat Braun und Schmela gerade vom Motorboot aus gecoacht. Wer es nicht in den Achter schafft, kommt in den Vierer oder ins Kleinboot, den Zweier, wo die Konkurrenz am größten ist, da viele Länder über zwei, nicht aber über acht Topruderer verfügen.

Braun schloss sich dem Ruderleistungszentrum Dortmund 2012 an. Er kam bei den Spielen in London nicht in den Achter. 2016 gewann er die Zweier-Ausscheidung mit seinem Partner. In Rio kam er wieder nicht in den Achter. „Es wurden mir sieben Leute vorgezogen, die aber hinter mir waren“, sagt Braun. Er startete im Vierer, rebellierte. „Ich bin immer wieder ausgerissen aus diesem Dortmunder System. Dann wieder eingeschert. Dann wieder ausgerissen.“

„Es ist nicht objektiv, wer in welches Boot kommt“

Er mochte die Gruppendynamik nicht, die Freundschaften unter den Athleten ausschloss. Er fand Dortmund hässlich. Er war kein Liebling der Bundestrainer. „Ich habe einen eigenen Kopf. Ich lasse mir nicht vorschreiben, was ich in meiner Freizeit zu tun habe. Wenn ich abends mal länger unterwegs bin und ich komme morgens zum Training und sehe müde aus, wird das direkt im Büchlein markiert“, sagt Braun. „Mein Problem in Dortmund war, dass es keinen Tag X gibt, wo die Leistung abgerechnet wird. Es ist nicht objektiv, wer in welches Boot kommt. Es gibt keine klaren Kriterien. Aber ich finde, im Leistungssport zählt die Leistung. Und nichts anderes.“

Zudem störte es Braun, dass seine Entwicklung stagnierte. Der Ruderergometer liefert zuverlässige Statistiken über die 2000 Meter. Anderen älteren Athleten ging es offenbar ähnlich. „Die Trainer haben darauf nicht reagiert. Es wurde exakt so weitertrainiert wie vor acht Jahren. Ich habe mich gefragt: Warum machst du das alles noch?“, sagt Braun.

René Schmela war nur ein halbes Jahr in Dortmund. Als Junior hatte er im Zweier und Vierer ohne Steuermann WM-Gold gewonnen. Rudern machte ihm Spaß. „In Dortmund war das eben das genaue Gegenteil, mehr ein Beruf.“ Fließbandarbeit. Aber Konformität war nie Schmelas Ding. Manchmal kam er zu spät zum Training. In der Silvesternacht blieb er länger weg, als es den Bundestrainern gefiel. Dann war er raus. Er schrieb das Rudern ab, packte sein Surfbrett, fuhr mit Freunden Richtung Marokko zum Strand.

Als nachts um zwei sein Handy klingelte, war er kurz vor Spanien. Braun rief ihn aus der Griessmuehle an, einem Club in Neukölln. Er fragte, ob Schmela mit ihm Olympia angehen wolle, im Zweier, ansonsten würde er die Karriere beenden. Schmela wollte: „Man will das maximale Potenzial herausholen. Erfolge hoffentlich auch. Dortmund in die Schranken zu weisen, ist eine Riesenmotivation.“

„Wir sind für die Zentralisierung natürlich eine Gefahr“

Die beiden Rebellen, die auch aus der Sportförderkompanie flogen, entschieden, bei Robert Sens in Mainz zu trainieren. Ihr Verein finanzierte sie. „Das erste Dreivierteljahr hat alles der BRC gestemmt. Alle Trainingslager. Unsere Wohnkosten. Wir haben monatlich Geld von einer vereinsnahen Stiftung bekommen, damit wir uns was zu essen kaufen konnten“, erzählt Schmela. „Wir wollen unsere Sportler nicht hängen lassen“, sagt der leitende BRC-Vereinstrainer Bretting. „Anton ist aus unserer Jugend, René ist mit 18 zu uns gewechselt. Die brennen für ihren Sport. Der sollte nicht aufgrund einer Nationaltrainer-Meinung beendet sein.“

Kurz vor dem Corona-Lockdown fanden Anfang März in Oberschleißheim drei Ausscheidungsrennen für den Zweier ohne Steuermann statt. Der Bundestrainer hatte sich beim BRC gemeldet: Braun/Schmela dürften mitfahren, aber gegen die Dortmunder Boote wohl keine Chance haben. Doch die Berliner gewannen das erste Rennen gegen Merget/Brummel, das Boot, das beim Zweier-Test des Team Deutschland-Achter auf Platz drei gelandet war, aber nicht in den Achter oder Vierer kam.

Braun und Schmela verloren das zweite Rennen. Tags darauf gewannen sie das dritte. Sie hatten sich durchgesetzt. Pure Genugtuung, auch wenn danach die Olympia-Qualifikationsregatta wegen Corona ausfiel. „Seitdem wir gewonnen haben, kam nichts aus Dortmund. Ich hätte eine Entschuldigung erwartet“, sagt Braun. „Aber wir sind für die Zentralisierung natürlich eine Gefahr. Das System, man muss in Dortmund trainieren, um schnell zu sein, stellen wir in Widerspruch.“

Braun und Schmela kamen zu Beginn des Corona-Lockdowns nach Berlin zurück. „Die Jungs haben hier in einer Vierergruppe trainiert. Zwei Boote, ein Trainer“, sagt Bretting. „In Dortmund sind drei Trainer für über 20 Sportler da. Freigeister, die man ein bisschen individueller anpacken muss, gehen da verloren.“

Braun und Schmela hoffen, dass im Oktober die EM in Polen stattfindet. Mit ihnen. Zu den Testrennen der deutschen Boote vor zwei Wochen in Ratzeburg lud der Verband sie nicht ein. Sie möchten in die Sportförderkompanie zurück, den Ersatzkader-Status verlassen, um finanziell abgesichert zu sein, mehr Sporthilfe zu erhalten. „Man kann schon sagen, dass die beiden stiefmütterlich behandelt werden“, sagt Bretting. Sportdirektor Woldt sagt, der DRV habe nur eine begrenze Zahl an Sportförderstellen, Braun/Schmela hätten aber die Möglichkeit, Reservistenstatus zu bekommen. Die Kaderzugehörigkeit werde nur zum 1. Januar geändert.

Und wenn Braun/Schmela eine EM-Medaille gewinnen? „Wie wollen wir das bewerten?“, fragt Woldt zurück. „Wir können nicht sagen, das ist ein wirklich toller Zweier.“ Warum kann das der DRV nicht sagen? „Die EM ist nicht der Zielwettkampf dieses Jahr. Es ist die Frage, wer nimmt teil? Aufgrund von Corona gibt es unterschiedliche Vorbereitungen. Die Briten etwa können gar nicht im Großboot trainieren“, antwortet Woldt, um anzufügen, dass sich Braun und Schmela weiter durchsetzen müssten, bei der Nachqualifikation im nächsten Frühjahr.

René Schmela hat vor lauter Reden am Kleinen Wannsee nichts essen können – und noch immer Hunger. Es ist nicht weit vom holzverkleideten Treppenhaus bis zur Gemeinschaftsküche. Am Nachmittag steht das nächste Training an. Vermutlich beginnt es auf der Wohnetage der Rebellen-Trutzburg wieder damit, dass Anton Braun vom Gang aus „René“ ruft. „Dann klopft es immer so richtig hart an meine Tür. Ich stehe auf, schon direkt auf 180. Und dann geht’s los.“ Treppe runter, Boot ins Wasser. Die Riesenlatschen bleiben am Steg.