Der dreijährige Hengst Keytothehill ist mit Heinz Wewering der große Derby-Favorit.
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Berlin„Viel Glück.“ Als dem niederländischen Trabertrainer Arnold Mollema diese wohlwollende Formel vor den Qualifikationsläufen zum 125. Deutschen Traberderby für seinen großen Favoriten Keytothehill zugerufen wurde, antwortete dieser lakonisch: „Es würde schon ausreichen, wenn wir kein Pech haben.“

Klar, das ist eine in Pferdekreisen beliebte Floskel, die das größtmögliche Vertrauen gegenüber dem eigenen Pferd zum Ausdruck bringen sollte. Keytothehill sei neugierig, wolle alles sehen, aber für eine lange und erfolgreiche Rennkarriere verfüge der dreijährige Hengst auch über das nötige Phlegma. Was das ist, stellte er vor zwei Wochen im Derby-Vorlauf unter Beweis, den er in der Kilometerdurchschnittszeit von 1:12,5 Minuten gewann, eine der schnellsten Zeiten, die jemals in diesem Rennen erzielt wurden. Das hohe Tempo ist allerdings auch ein Indiz dafür, dass der Sieg Keytothehill nicht in den Schoß gefallen war. Mehrfach hatte der Dreijährige die beharrlichen Angriffe seiner Gegner abzuwehren. Am Ende aber gewann er derart überzeugend, dass die Pferdewetter für die Vorhersage des Siegers Keytothehill am kommenden Sonntag keine allzu große Gewinnerwartung beanspruchen dürfen.

Der erste Erfolg als Fahrer auf der Derby-Bahn in Mariendorf liegt für Arnold Mollema rund 40 Jahre zurück. Der damals kaum 30 Jahre alte Trainer spannte seine Pferde dort immer dann an, wenn die Rennpreise so verlockend waren, dass sich die lange Anreise auch lohnt. Dieses Prinzip hat der im holländischen Wolvega beheimatete Mollema, der das Deutsche Traber-Derby mit Unforgettable (2005) und Expo Express (2014) bereits zweimal gewann, in seiner sportlichen und geschäftlichen Laufbahn beibehalten. Der stets freundlich-zugängliche Arnold Mollema startet seine Pferde, deren Züchter er oft ebenfalls ist, auf allen großen Bahnen in Frankreich, lässt dabei aber Berlin nicht links liegen. Im Derby winken dem Sieger diesmal mehr als 100.000 Euro.

Mollema selbst sieht man indes nur noch selten ins Rennsulky steigen. Als Catch-Driver für Keytothehill war ursprünglich der deutsche Spitzenfahrer Roland Hülskath vorgesehen. Da dieser vor wenigen Wochen jedoch einen Herzinfarkt in einem Rennen erlitt und trotz guter gesundheitlicher Fortschritte noch nicht wieder wettkampftauglich ist, bat Mollema seinen langjährigen Kollegen und Rivalen Heinz Wewering um Amtshilfe. Der Altmeister, der im Januar 70 Jahre alt geworden ist, zögerte keine Sekunde.

Heinz Wewerings großes Plus

Das Jubiläumsrennen zur 125. Austragung des Höhepunkts der Trabrennsportgemeinde steht diesmal also ganz im Zeichen der Generation Ü70. Hein Wewering hat das Derby achtmal gewonnen, zuletzt ging er 2010 mit dem in finnischen Farben laufenden Unikum auf die Siegerparade. Ein neuerlicher Triumph wäre für ihn, der mit fast 17.000 Lebenssiegen den internationalen Rennsport über Jahrzehnte beherrscht hat, zweifellos eine Genugtuung.

In der RBB-Sendung „Talk aus Berlin“ war der Moderator und frühere Kolumnist der Berliner Zeitung, Jörg Thadeusz, in der vergangenen Woche sichtlich bemüht, Wewering das Geheimnis seines langen Erfolges zu entlocken. Der antwortete ausführlich und unprätentiös, aber man musste schon genau hinhören, um herauszufinden, dass das große Plus des Mannes, der mehr als 50.000 Rennen bestritten hat, vor allem in dessen westfälischer Zurückhaltung und Zuverlässigkeit besteht. Das ist es wohl auch, was Arnold Mollema bei der Suche nach einem neuen Piloten für Keytothehill die Wahl sehr leicht gemacht hat.

Aber es gibt Gegner für die „oldies but goodies“. An erster Stelle ist Wild West Diamant (Robin Bakker) zu nennen, der seinen Vorlauf vor zwei Wochen nicht minder überzeugend als Keytothehill gewann. Gespannt darf man ferner sein, ob der Hengst Cunningham (Robbin Bot), der Überraschungssieger aus den vier Vorläufen, seine Leistung noch einmal wiederholen kann. Cunningham ist neben Straight Flush und Venture Capital einer von drei Finalteilnehmern, die sich im Besitz des Berliner Rennbahnchefs und Züchters Ulrich Mommert befinden, dessen größte Herausforderung diesmal aber wohl darin besteht, die Organisation des Derbys unter Pandemiebedingungen über die Bühne zu bringen.

Bis zu 5000 Besucher dürfen an den drei Renntagen vom 18. bis zum 20. September die Bahn unter strengen Registrierungsregeln betreten, am Sonnabend findet unmittelbar nach dem Stuten-Derby (um 90.000 Euro) bereits zum 30. Mal die Derby-Jährlingsauktion statt, die 1991 von dem Sportzeitschriftenverleger Norbert Häsen ins Leben gerufen und später von dem Traberzüchter Kornelius Heitmann fortgeführt wurde. Doch auch im Pferdehandel kündigen sich Veränderungen an. Nach dem Rückzug Heitmanns zu Beginn des Jahres kommen zwar wieder rund 80 Jährlinge vor der Endellschen Tribüne in Mariendorf in den Ring, erstmals aber könnte ein Großteil der Pferde nicht durch Handheben und Hammerschlag, sondern per Mausklick via Internet und Livestream verkauft werden.

Bahn unter Denkmalschutz

Zum 125. Deutsche Traber-Derby verspürt man die Tradition in beinahe jeder Pore der unter Denkmal stehenden, von dem Jugendstilarchitekten August Endell entworfenen Bahn. Rennstallbesitzer Ulrich Mommert, der den Fortbestand des Berliner Rennsports in den letzten Jahren im Alleingang gesichert hat, ist noch einmal gut zehn Jahre älter als das Favoritenpaar Wewering und Mollema. Zum Derby erinnert man sich gern an die zurückliegenden großen Zeiten – und hofft auf eine Zukunft, die für den Randsport Trabrennen ungewisser denn je ist.

Die Finalrennen der Derby-Woche beginnen am Freitag, 18. 9. um 17 Uhr. Die Rennen am 19. 9. (Stuten-Derby) und 20.9. (Derby) beginnen jeweils um 12.30 Uhr.