BerlinEs war eine Szene mit Nachgang. Als der bosnische Nationalspieler Ivan Karacic im Spiel gegen die deutsche Handball-Nationalmannschaft vergangenen Donnerstag nach rechts abknickte, vor Schmerzen schreiend auf dem Boden lag und anschließend vom Feld geführt werden musste, stieg die sportliche Herausforderung für seine Mannschaft immens. Nicht nur, dass der Spielmacher und Kopf der Mannschaft fehlen würde, das durch Corona-Infektionen gebeutelte Team hatte zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur noch elf der ursprünglich 35 Spieler im Kader zur Verfügung. 

Dennoch wurde eine Verlegung seitens der Europäischen Handball Föderation abgelehnt. Die Deutschen konnten das Spiel schließlich mit einer mittelmäßigen Leistung 25:21 gewinnen und die ersten zwei Punkte in der Qualifikation für die Europameisterschaft 2022 einsammeln. Nachdem nun aber zwei deutsche Spieler positiv auf das Virus getestet wurden, stellt sich die Frage, ob es das wert war.

Michalczik nimmt DHB in Schutz

Mit Johannes Bitter und Marian Michalczik sind genau jene Spieler betroffen, die sich um den verletzten Karacic kümmerten – und dieser wurde nach der Partie positiv getestet, sodass sich die gesamte bosnische Mannschaft in Quarantäne begeben musste und das anstehende Spiel gegen Österreich abgesagt wurde. Die deutsche Mannschaft hingegen trat drei Tage später gegen Estland an, konnte bei den vielfachen Untersuchungen bis zu diesem Zeitpunkt keine Corona-Fälle nachweisen. Den Stuttgarter Torhüter Bitter erreichte die Hiobsbotschaft erst am Montag. Für den Weltmeister von 2007 sei es allerdings unerklärbar, wie es zu der Ansteckung gekommen sei. Noch während der Reise hatte er bekundet: „Natürlich fragen wir uns, ob die Spiele gerade sinnvoll sind, und das diskutieren wir auch kontrovers. Doch es ist unser Eindruck, dass vom Verband aus alles Menschenmögliche getan wird, um uns zu schützen.“ Ähnlich waren die Aussagen vom Berliner Mittelmann Michalczik, der am Dienstagabend sein positives Ergebnis erhielt, aber wie Bitter bisher symptomfrei blieb: „Seitens des DHB ist hier absolute Professionalität gegeben. Wir treffen alle Vorsichtsmaßnahmen und haben regelmäßige Testungen, sodass wir da auf der sicheren Seite sind.“ Das war anscheinend nicht genug.

Schon im Vorfeld der Reise hatten sich Funktionäre und Spieler kritisch zu den Länderspielen geäußert und moniert, dass diese in der aktuellen Situation auszusetzen seien und sowohl die Gesundheit der Akteure als auch den Liga-Spielplan unnötigen Gefahren preisgäben. Dies habe sich aus Sicht von HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann nun bestätigt. „Ich habe keinen Zweifel daran, dass der DHB alles für den Schutz der Spieler getan hat. Aber eine hundertprozentige Sicherheit kann dir niemand geben", sagte der 55-Jährige weiter. „Wir müssen jetzt unsere Lehren daraus ziehen und bei den nächsten Länderspielen das Risiko möglichst noch geringer halten.“ Ein Aussetzen der internationalen Partien wird anscheinend vorerst weiter ausgeschlossen.

Hingegen kam es zur Absage mehrerer Bundesliga-Begegnungen, zu denen das für Donnerstag angesetzte Spiel der Füchse in Kiel zählt. Der Rekordmeister hatte eine Verlegung beantragt, welcher der DHB stattgab – auch weil das Team aus dem Norden mit Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek ebenfalls zwei Nationalspieler abgestellt hatte. Das Heimspiel der Berliner am Sonntag gegen die SG Flensburg-Handewitt in der Max-Schmeling-Halle (13.30 Uhr) soll nach aktuellem Stand jedoch stattfinden.

Fest steht indes, dass die Füchse dann auf Marian Michalczik verzichten müssten und darüber hinaus um Nationalspieler Paul Drux bangen, der sich ebenfalls in Isolation begeben musste. Außerdem wird der ohnehin schon überladene Terminkalender zusätzlich aufgestockt und es ist davon auszugehen, dass weitere Verschiebungen folgen werden – Länderspiele hin oder her. Denn wie die aktuellen Ergebnisse zeigen, birgt die enge Taktung gepaart mit der mehrere Tage umfassenden Inkubationszeit des Virus ein Risiko, das trotz der zahlreichen Tests nicht zu einhundert Prozent minimiert werden kann.