Nach der Heimreise bedankte sich Simon Hedlund noch mal bei Sebastian Polter − man ist ja auf gewisse Weise seelenverwandt: „Für ihn war das eine große Sache, er ist ein Stürmer und Stürmer wollen immer Tore machen. Ich schätze das sehr und bin sehr dankbar dafür.“ Denn Hedlund ist schließlich auch Stürmer, und deshalb war er sehr froh, dass ihm der Kollege den Ball für den Elfmeter überlassen hatte.

„Weil ich so lange nicht getroffen habe und ich brauche ein bisschen Selbstvertrauen.“ Und nun, da dieses Selbstvertrauen von dem 23-jährigen Schweden Besitz ergriffen hat, steigen die ohnehin nicht schlechten Chancen, dass der 1. FC Union tatsächlich um den Aufstieg in die Bundesliga mitspielen kann, noch ein gutes Stück an.

Bevor Hedlund Ende August nach Köpenick wechselte, hatte er eine überzeugendes erstes Halbjahr im Dienste von Elfsborg Boras hinter sich gebracht. Fünf Tore, sieben Vorlagen in 17 Spielen. Den Beweis, dass er in der Zweiten Liga Deutschlands ebenso erfolgreich sein kann wie in der höchsten Spielklasse seiner Heimat, der Allsvenskan, war er bislang schuldig geblieben. Nur Anfang Dezember gegen Braunschweig war er schon mal so spielentscheidend in Erscheinung getreten wie jetzt in Karlsruhe beim 2:1, mit Tor und Vorlage. „Das will ich fortführen“, sagte er, „das kommt hoffentlich mehr und mehr.“

Glücklicherweise schwach

Auf die Selbstlosigkeit von Polter ist er dabei gar nicht so sehr angewiesen, allein die Präsenz des 25-jährigen Kollegen scheint zu reichen, um aus Hedlund einen besseren Angreifer zu machen. Bis zur Rückkehr des Publikumslieblings war der Schwede in Unions Historie der teuerste Einkauf, knapp vor Bobby Wood, der sich dann nach einem Jahr in die Bundesliga verabschiedete. „Ich habe nie über das Geld nachgedacht“, sagte Hedlund zwar, „für mich ist es nur ein Fußballspiel. Ich möchte mich als Spieler und Mensch weiterentwickeln.“

Aber dann fügte er einen Satz an, bei dem Psychologen nickend zustimmen würden: „Vielleicht ist es tief im Innern des Kopfs, ohne dass man drüber nachdenkt.“ Nun ist Polter zurück für etwa die doppelte Summe, die Hedlund gekostet hat, der Druck lässt nach, und der Schwede macht den Angriff von Union noch flexibler. Jetzt sind alle torgefährlich: Steven Skrzybski, Damir Kreilach, Polter sowieso und eben auch der frühere Hallodri, dem erst seine heutige Verlobte den professionellen Weg wies.

Zehn Punkte haben die Berliner nun mit dem Sieg in Karlsruhe in der Rückrunde eingefahren, nur Stuttgart ist 2017 noch erfolgreicher. Zu so einem späten Zeitpunkt der Saison stand man noch nie so weit oben, der momentane Rang drei würde bekanntlich zum Relegations-Playoff berechtigen.

Breite Brust

Zum Glück für den Trainer hat aber die Leistung des 1. FC Union in Karlsruhe zu wünschen übrig gelassen. „Deshalb brauche ich die Mannschaft nicht zu erden“, freute sich Jens Keller nach dem Abpfiff. Schwer hatte sich sein Team gegen den abstiegsgefährdeten Gegner getan, trotz eines erstarkten Hedlunds und einer eigentlich beruhigenden Zwei-Tor-Führung war es bis zum Ende spannend geblieben, eine wichtige Lehre: „Wir sind eine gute Mannschaft, wir sind eine Top-Mannschaft – aber nur wenn wir unsere Leistung bringen und alles reinschmeißen“, sagte Keller.

Vergessen seine Spieler diesen Zusatz bis Mitte Mai nicht, kann der Aufstieg gelingen. Denn neben der Polterschen Entwicklungshilfe für Hedlund hatte diese Partie einen zweiten mutmachenden Aspekt: Eroll Zejnullahu. Der 22-Jährige hatte den gesperrten Felix Kroos überraschend gut vertreten und verwies seinerseits auf einen dritten Hoffnungsquell, die nächsten zwei Begegnungen werden im Stadion An der Alten Försterei ausgetragen, wo Union erst ein Mal verloren hat.

Gegen 1860 München an diesem Freitag und gegen Würzburg am nächsten kann der Druck auf die Konkurrenz erhöht werden. „Wir gehen diese Heimspiele mit einer breiten Brust an. Wir sind auf dem dritten Platz. Wir müssen uns vor niemanden fürchten“, sagte Zejnullahu. „Wir haben krasse Fans hinter uns.“

Und Hedlund hat den größtmöglichen Druck jetzt überstanden. Wer die anerkannten Elfmeterschützen Polter und Skrzybski wegschickt und aller Karlsruher Störversuche zum Trotz verwandelt, den kann so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen.