Rom - Als wäre die Szenerie nicht schon skurril genug, setzte Mijat Gacinovic dem Ganzen noch einen drauf. Der 23-jährige Serbe in Diensten von Eintracht Frankfurt hatte seine Farben mit einem Traumtreffer in der 66. Minute zum 1:1-Ausgleich bei Lazio Rom verholfen und damit den sechsten Sieg in der Europa-League-Gruppenphase eingeläutet. Der kleine Spielmacher rannte wie von der Tarantel gestochen los in Richtung Curva Sud. Dort, wo die treuen Gästefans standen, wollte er seinen Treffer ausgelassen bejubeln.

Gacinovic lief also über die rote, vom römischen Regen durchtränkte Tartanbahn, vorbei an den Werbebanden. Und auch vorbei an den schwer bewaffneten Polizisten, die eine Kette vor dem Frankfurt-Block bildeten. Der Mittelfeldspieler mogelte sich durch, schob sogar einen Polizisten bei Seite, um überhaupt erst an die Fans zu gelangen.

Ähnlich erging es fünf Minuten später dann auch Sébastian Haller, der den 2:1-Siegtreffer nach Gacinovic-Pass erzielte und damit das historische Weiterkommen der Frankfurter Eintracht festmachte. Denn: noch nie hat eine deutsche Mannschaft die Vorrunde mit sechs Siegen aus sechs Spielen beendet.

Hitlergrüße der Lazio-Fans bringen Frankfurter in Rage

„Das freut uns und ist ein großartiger Moment“, sagte Matchwinner Gavinovic hinterher. Der Nationalspieler befand aber auch, dass es schon etwas komisch gewesen sei, neben so vielen Sicherheitskräften gefeiert zu haben.

Eintracht Frankfurts Vereinsführung reagierte mit Unverständnis und Bitterkeit auf die Provokationen und das Zünden von Pyrotechnik in den vorangegangenen 90 Minuten durch die eigenen Anhänger. „Wir haben kein gutes Bild abgegeben", sagte Vorstand Axel Hellmann angefressen. Eine kleine Gruppe habe das Spiel missbraucht, um ihre private Auseinandersetzung mit Lazio Rom zu führen, betonte er. Und weiter: „Diese kleine Gruppe nimmt alle anderen Fans, die hier eine lange Reise aufnehmen und friedlich feiern wollen, in Sippenhaft, was die Wahrnehmung und Stimmung betrifft. Das schadet Eintracht Frankfurt. Das betrübt mich sehr, das macht mich traurig."

Während des gesamten Spiels zündete ein Teil der 9000 Fans (davon übrigens 400 als Problemfans eingestuft) Pyrotechnik. Das, sagte Marco Russ, sei zwar auch nicht schön, aber noch tolerierbar. Dass dann aber auch noch zwei Dutzend massiver Böller während der Partie in den Innenraum geworfen wurden, schockierte auch den erfahrenen Verteidiger. „Das war natürlich unüberhörbar. Auch wir Spieler haben uns erschreckt, sind zusammengezuckt“, sagte Russ.

15.000 Hessen waren nach Rom gereist

Die Situation drohte während der zweiten Halbzeit der Partie gar ganz zu eskalieren, als rund 40 Lazio Tifosi den Weg in Richtung Eintracht Block suchten und, so hieß es aus Frankfurter Fankreisen, immer wieder mit Hitler-Grüßen zu provozieren versuchten. Ein Mann im Frankfurt-Block warf daraufhin eine Leuchtrakete in Richtung der Römer. Zwei Anhänger, die den Innenraum stürmten, wurden von der Polizei festgenommen und noch während des Spiels angeführt. Einer der beiden soll ein Anhänger des italienischen Klubs Atalanta Bergamo sein, mit denen Frankfurter eine Fanfreundschaft pflegen.

Die Reaktion der anderen, friedlichen Eintracht-Fans war dagegen beeindruckend. „Und ihr wollt Eintracht Frankfurt sein?!“, sangen sie. „Die Reaktion war toll und großartig. Das muss hervorgehoben werden“, sagte auch Präsident Peter Fischer, der nach Schlusspfiff sogar über das Stadionmikrofon zu den eigenen Fans sprach und sie darum bat, friedlich zu feiern.

Bereits vor dem Anpfiff im Rom war es zu Zusammenstößen der deutschen Fans mit der Polizei gekommen. Fünf Eintracht-Anhänger wurden vor dem Spiel festgenommen, sagte ein Polizeisprecher in Rom. Nach Angaben der römischen Polizei wurden „um die 15 Personen“ festgenommen. Die Beamten beschlagnahmten zudem Feuerwerkskörper und Rauschgift. Zwei Frankfurter Anhänger wurden von Lazio-Hooligans attackiert und verletzt.

Roms Bürgermeisterin nennt Frankfurt-Fans „Bestien“

Rund 15000 Frankfurt Fans waren in die italienische Metropole gereist. Tausende Frankfurter versammelten sich vier Stunden vor dem Anpfiff am Piazza del Popolo. Bürgermeisterin Virginia Raggi kritisierte das scharf, sprach gar von Vandalismus: „In Rom empfangen wir gern Fans, aber keine Hooligans. Bestien dieser Art sollen zu Hause bleiben.“

Auch die teils rechtsextremen Lazio Fans fielen unangenehm auf. Rund 20 vermummte Hooligans griffen laut italienischen Medien einen Eintracht-Fan im römischen Viertel Trastevere mit Knüppeln an. Eingreifende Polizisten wurden mit Flaschen beworfen. Dabei wurde ein Beamter leicht verletzt. Ein weiterer Deutscher wurde mit Verletzungen infolge eines Angriffes ins Krankenhaus eingeliefert. Bis in die späte Nacht hinein sah man vereinzelt Lazio-Banden mit Schlagstöcken bewaffnet durch das Bahnhofsviertel und das Szeneviertel Travestere laufen.

Sportlich dagegen war die Reise in die ewige Stadt für Frankfurt ein voller Erfolg, der sicher ewig haften bleiben wird. Das 2:1 war der sechste Erfolg im sechsten Spiel - deutscher Rekord. Sportdirektor Bruno Hübner: „Wir haben Historisches geleistet. Hochachtung vor dieser Mannschaft. Wir brauchten einen österreichischen Trainer, um deutsche Geschichte zu schreiben“, ergänzte Hübner grinsend.