Im G-Mex-Center zu Manchester, wo am Donnerstag die 44. Tischtennis-Weltmeisterschaften beginnen, können sie frühestens im Achtelfinale der Mannschafts-Konkurrenzen aufeinandertreffen: Pernilla Pettersson (25) aus Schweden und Irina Palina (27) aus Rußland. Dieses Duell hätte durchaus seine Brisanz, spielen doch beide ab August in einem Team, beim Erstliga-Aufsteiger Berliner TSC. Die blonde Schwedin führte die Damen aus dem Prenzlauer Berg im Osten der Stadt als Nummer eins in Liga eins. Sie muß diese Position aber in wenigen Wochen an die abwehrstarke Russin abgeben, die sich zuletzt bei Statisztika Budapest ihr Auskommen sicherte.Für Pernilla Pettersson, Nummer 30 der aktuellen Europarangliste, ist der Ausflug ins deutsche Tischtennis bisher äußerst erfolgreich verlaufen. Mit der Berlinerin Janine Dietrich (24) bildet sie das erfolgreichste Doppel der zweiten Bundesliga Nord (18 Siege/1 Niederlage) und mit einem Spielverhältnis von 38:3 weist sie die zweitbeste Einzel-Bilanz nach der Chinesin Ding Yaping aus Coesfeld auf. Da stört es die Olympiateilnehmerin von Atlanta, wo ihr mit Doppel-Partnerin Asa Svensson nur ein Ball am Einzug ins Viertelfinale fehlte, nicht, daß sie vor Monaten nur als Ersatzlösung galt.Eigentlich war beim Berliner TSC, der sich in der Tradition der einstigen BSG Außenhandel (Europacupsieger 1968 und 1969) sieht, alles für den Auftritt der Europameisterin Jie Schöpp vorbereitet. Ein Pool von Sponsoren wurde auf Initiative von Verein und Berliner Tischtennis-Verband (BTTV) gebildet, um die gebürtige Chinesin finanzieren zu können. Doch Jie Schöpp sagte kurzerhand ab, ging "wegen besserer Trainingsbedingungen" zum SV Winterwerb. Der Pool platzte und Rainer Lotsch, Tischtennis-Chef des TSC, mußte nach einer neuen Nummer eins für sein Team suchen. Es war der ehemalige Weltmeister Jörgen Persson (einst Super Donic Berlin), der den Kontakt zur viermaligen schwedischen Meisterin Pettersson herstellte. Lotsch stieg kurzerhand in den Zug nach Stockholm und hatte sich mit der Spielerin seiner Wahl am Hauptbahnhof verabredet. Erkennungszeichen: Ein Tischtennisschläger, was sonst! "Ich hielt einen ganz alten Schläger zaghaft in die Höhe", erinnert sich Rainer Lotsch, "Pernilla ein modernes Exemplar." Später, in der Bahnhofskneipe, schrieb jeder seinen Forderungskatalog auf einen kleinen Zettel. "Wir tauschten die Zettel aus, hakten Punkt für Punkt ab und wurden uns schnell handelseinig", so Lotsch.Der Germanistik-Studentin, die zuvor bei Sparvägen Stockholm den Ton am grünen Tisch angab, war klar, daß sie beim Ostberliner Zweitliga-Verein keine Reichtümer einspielen konnte. Sie bekommt ihre Reisespesen erstattet und ihre Ausrüstung. Im "Econtel" in Charlottenburg besitzt die Einfliegerin bei Punktspielen kostenfrei ein Zimmer. "Und dazu gibt es ein kleines Salär", sagt Rainer Lotsch, "nicht viel mehr als ein Taschengeld." Das finanziert das Unternehmen Haus Technische Handelsgesellschaften (HTH). "Mein Wechsel nach Berlin hatte ausschließlich sportliche Gründe", sagt Pernilla, "ich will die permanente Herausforderung in einem aufstrebenden Team." Ulf Bengtsson, der schwedische Nationaltrainer, sah die Ortsveränderung gern: "Pernilla mußte Verantwortung übernehmen, als Nummer eins in einer Mannschaft, die nach oben will."Der Effekt der Aufstiegs-Saison wurde für die Schwedin sehr deutlich: International war sie noch nie so erfolgreich. "Die familiäre Atmosphäre in der Mannschaft und im Umfeld waren angenehme Erfahrungen für mich", lobt die Schwedin. In Deutschland suchte und fand sie die Gelegenheit, gegen die vielen spielstarken Chinesinnen den asiatischen Stil zu studieren und ihm wirkungsvoll zu begegnen.Für Bundesliga eins, die Mitte August beginnt, hat beide Parteien sich schon einmal per Handschlag geeinigt. Lotsch kalkuliert mit einen Etat von rund 120 000 bis 130 000 Mark und ist permanent auf der Suche nach Geldgebern. "Klinkenputzen bin ich gewohnt", sagt er salopp. Über zwei Jahrzehnte, von 1966 bis 1989, gehörte Tischtennis in der DDR zu den nicht förderungswürdigen Sportarten. Man galt nicht als "medaillenintensiv" und konnte sich ab 1970 kaum noch international messen. "Das ist Gott sei dank lange vorbei", sagt Lotsch, der über viele Jahre zäh den Traum von der Erstklassigkeit verfolgte und nun mit einer kleinen Europaauswahl ganz oben mitmischen will.Die Ur-Berlinerin Janine Dietrich, die künftige Nummer vier, wird in der neuen Saison zu den wenigen deutschen Spielerinnen in der ersten Bundesliga gehören. Die meisten Positionen nehmen Ausländerinnen ein. Lotsch hofft auf erkleckliche Mittel vom TSC-Förderkreis, um finanziell gerüstet ins Abenteuer erste Liga gehen zu können. Zumindest sportlich scheint er gewappnet zu sein. Mit der Russin Irina Palina (Platz 9 in der aktuellen Europa-Rangliste, Platz 30 in der Welt) hat er überraschend eine neue Nummer eins verpflichtet, die über ein Berliner Unternehmen finanziert wird. Das bringt eine neue sportliche Situation für die Schwedin Pettersson. Beide werden sich bei der WM in Manchester beäugen und Kontakt aufnehmen. Der harte Konkurrenzkampf hat bereits begonnen - auch im Tischtennis-Osten. +++

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