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Finals in Berlin: Christoph Harting hat den Dreh derzeit nicht raus

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Wirft im Berliner Olympiastadion: Christoph Harting

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imago images / Bildbyran

Das Gewitter hatte schon eine Weile am dusteren Himmel in Hohenschönhausen gedroht. Beim Gespräch im Trainerzimmer pustete der Tischventilator die träge Luft in einer Dauerschleife vor sich her. Dann das Donnergrollen, als Christoph Harting seinen fünften, sechsten Diskus aus dem Werferhaus des Sportforums katapultiert. Und: Starkregen. Das Wasser flutet den ausgelaugten Rasen. Christoph Harting muss da jetzt hinaus, in diese graubraune Waschanlage, um die Diskusscheiben, die alle weit rechts aus dem Schutzkäfig geflogen sind, wieder einzusammeln.

Patschnass kommt er wieder, tritt die Turnschuhsohlen auf einem Handtuch trocken, frottiert den Diskus vorsichtig wie ein Kind im Bademantel. Der Olympiasieger von 2016 in Rio de Janeiro positioniert sich im Wurfkreis. Start mit dem linken Fuß von der Mitte. Er will diesen Knick vermeiden. Diesen Winkel, den die meisten Diskuswerfer im Bewegungsablauf haben.
Er soll ein bisschen mehr wie Alekna werfen, der litauische Olympiasieger von 2000 und 2004.

Größtmögliche Beschleunigung

Oder wie sein Trainer Torsten Lönnfors, der früher selber Diskuswerfer war. „Was ich möchte ist: den größtmöglichen Beschleunigungsweg raus. Ich möchte, dass wir eine gradlinige Beschleunigung vom Abdruck links bis zum Stemmbein bekommen. So kommen wir gradlinig durch den Ring und haben damit den meisten Weg, den wir machen können“, sagt Lönnfors. „Wenn es Christoph endlich mal wieder hinkriegen würde, aus dieser Position, aus der wir werfen, den technischen Ablauf so hinzubekommen, wie wir uns das vorstellen – wie in Rio zum Beispiel – dann hat er auch keine Probleme mit dem Pfosten und einen Vorteil gegenüber allen anderen, die mit diesem Knick werfen.“ 68,37 Meter warf er in Brasilien, seine Bestleistung.

Zuletzt hat Christoph Harting, 29, den Ablauf nicht oft hingekriegt, wie er und Lönnfors sich das vorgestellt haben. Voriges Jahr touchierte er bei der EM in Berlin dreimal das Wurfnetz: Aus im Wettbewerb. Für die WM im Jahr zuvor hatte er sich nicht qualifiziert. Und in diesem Jahr landeten seine Würfe häufig am Pfosten oder im Netz. Die Norm (65 m) für die WM in Doha schaffte er aber Mitte Juni in Turku, Finnland: 66,01 m. Europameister Daniel Stahl aus Schweden warf Ende Juni 71,86 m in seiner Heimat, der Jamaikaner Fedrick Dacres kam auf 70,78 m in Rabat. Die Konkurrenz ist wach. Und weiter. „Wo steht denn der Dacres im Ring?“, fragt Lönnfors. „Der hat bei Christoph geluschert. Der steht mittlerweile genauso. Dass diese Ausgangsposition nicht erfolgversprechend ist, stimmt nicht. Man muss sie halt nur sauber zu Ende machen.“

Das Fenster klirrt

Außerhalb des Wurfhauses prasselt der Regen. Christoph Harting beginnt seine Beschleunigungsphase im Ring. Der Diskus verlässt seine Hand, fliegt los … irgendwo klirrt irgendwas. Wo? Was? Dann scheppert das Glas der zerfetzten Scheibe zu Boden. Der Diskus steckt im Fensterrahmen des Wurfhauses fest. „Kinder“, ruft Trainer Lönnfors, „da werft ihr sonst nie hin.“

Harting hat den Ablauf wieder nicht hingekriegt. Allein bis zum Abheben des rechten Fußes hat er die Möglichkeit, 32 technische Fehler zu machen. Stimmt zu Beginn etwas nicht, ist alles falsch. Bis zu 100 Fehler sind in Zehntel-, in Hundertstelsekunden möglich. „Wenn schon mit Pauken und Trompeten, dann auch mit Scherben“, sagt der Zerstörer. Um den Diskus wiederzukriegen, bräuchte er jetzt eine Leiter. Um die Scherben aufzukehren, einen Besen. Um den Ablauf hinzukriegen, Geduld und einen gesunden Rücken. Der tut ihm weh. Bei jedem Wurf. Empfindliche Reaktionen am Wirbelkörper. Die Rotation sorgt immer wieder für Entzündungen.

Probleme mit dem Rücken

Nach 2016 begannen die Probleme. Die Technik ging flöten. Im November 2017 wurde Hartings Rücken erst richtig behandelt. „Wir konnten technisch besser arbeiten. Aber wir haben noch nicht den Zustand wie vorher. Nicht den von 2016 und lange nicht den, wo wir eigentlich hinwollen“, sagt Lönnfors. „Es gibt keinen Wurf, bei dem ich keine Schmerzen habe“, erläutert Christoph Harting.

Und wie groß sind Ihre Schmerzen auf einer Skala von eins bis zehn?
„Bei zwölf.“ (lacht)

Warum lassen Sie das Diskuswerfen dann nicht sein?
„Ich bin unbelehrbar. Ich negiere jede Form von Belehrung und Ratschlägen. Mich treibt der Idealismus. Und zwar suche ich das Ideal, das Maximale aus dem Körper herauszuholen. Wo ist die Grenze? Außerdem gibt es im Nachwuchsbereich keine Leistungsträger, die nachkommen, die drängeln und sagen: ,Ich will den da wegschieben.‘“

Und wenn Sie im Rollstuhl landen?
„Dann kann ich als Negativbeispiel dienen und sagen: Kinder, lasst die Finger davon. Das ist vielleicht zynisch und überspitzt dargestellt. Aber das ist, worüber man als Kind oder Elternteil nicht aufgeklärt wird. In keinster Art und Weise: Jeder, der wirklich versucht, in die oberen fünf Prozent der Weltspitze zu kommen, wird körperliche Probleme haben. Weil er den Körper ausbelasten muss, um konkurrenzfähig zu bleiben. Das Paradebeispiel hierfür ist die Leichtathletik. Schauen Sie doch, wie viele der aktuellen Athleten regelmäßig verletzt sind. Oder um die Liste kürzer zu halten, wie viele nicht verletzt sind.“

Eine Pause würde nicht weiterhelfen?
„Nein, die Abnutzung ist weiter fortgeschritten als es eine Regeneration leisten kann.“

An diesem Sonnabend wirft der Olympiasieger bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im Olympiastadion. Aber dieser Wettkampf, der prominenteste im Rahmen der zehn nationalen Titelkämpfe in Berlin, ist ihm nicht so wichtig. Wichtig ist ihm Olympia 2020 in Tokio. Nach den Regularien des Weltverbandes hat er die Qualifikationsnorm für die Spiele mit seinen 66,01 Metern in diesem Juni bereits erfüllt. Laut den Regularien des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) kann er sich erst kommendes Jahr für Olympia qualifizieren. „Deutsche Meisterschaften sind immer der große letzte Nominierungswettkampf, wo der DLV sagt, ihr müsst hinfahren. Es ist die letzte Erpressungsmöglichkeit der deutschen Leichtathletik“, sagt Harting.

Also ist ihm das Ergebnis an diesem Sonnabend, an dem er wieder versucht, den Ablauf hinzukriegen, völlig unwichtig? Harting wiegt den Kopf hin und her. Es gibt da die eine Seite und die andere. Zwei Ansichten in einer Person: „Seit gefühlt 35 Jahren trägt kein anderer als ein Harting den Titel im Diskuswerfen“, sagt er. „Soll den jetzt ein Wierig oder ein Wrobel kriegen? Da sagt der Stolz: Ach, nein. Auf der anderen Seite sage ich mir: Ach, nehmt ihn euch doch, wenn es euch so wichtig ist. Es gibt wenig Unbedeutenderes als einen Deutschen Meistertitel.“