Neuer Inhalt
tbn2-Leiste Online Fussball WM 18-1_940px

WM in Russland: Fußball, du Arschloch!

Neuer Inhalt

Zweiarmiger Bandit 2014: Thomas Müller schnappt sich den Weltmeisterpokal im Maracana.

Foto:

8bit Football

An einem Sonntagmorgen vor sieben Jahren verlor ich ein unwichtiges Laufduell. Einfach zu langsam. Nach einem letzten Verzweiflungsschritt kam ich ins Straucheln, fiel zu Boden, schrie auf. Wenige Minuten später war der Rettungswagen da. Mit Blaulicht ins Krankenhaus. Die unter Vollnarkose eingerenkte Schulter reagiert noch heute empfindlich, wenn ich auf der linken Seite schlafe.

In Behandlung war ich zuvor auch wegen einer doppelt gebrochenen Nase. Wegen einer Gehirnerschütterung. Ein Stück Schneidezahn wurde mir mal ausgeschlagen. Da konnte ich wenigstens weiterspielen. Für immer bleiben werden all die Kampfspuren an Knien und Oberschenkeln, wo sich vernarbte Narben über die Haut spannen. Versprengt wie Tintenkleckse.

Ich muss keinen von diesen Psychotests machen, um zu wissen, was sie über meine Persönlichkeit als Fußballer verraten würden. Mehr Treter als Techniker. Mehr Einsatz als Erfolg. Ein Rechtsverteidiger, der rannte und flankte, sprang und köpfte, Bälle ins Aus grätschte und manchmal ins eigene Tor. Ich komme auf zwanzig Fünftligaminuten.

Ein paar Hundert Mark Siegprämien. Der Rest spielte sich auf gehobenem Kreisklassenniveau ab. Also dort, wo die Hartplätze gefroren sind im Winter und die Kunstrasen im Sommer so stumpf, dass die Halme ins Fleisch schneiden. Erst Blut. Dann Eiter. Am nächsten Spieltag war der Schorf wieder runter. Also noch ein Zinkpflaster drüber. Dazu all die Prellungen, Stauchungen, Zerrungen, Faserrisse. Die Röntgenbilder sind mein eigener Starschnitt.

Fußball erhöht wohl die Leidensfähigkeit. Denn Fußball bedeutet Schmerz. Ich habe ihn freiwillig ausgehalten. Wie Millionen andere auch.

In diesem Sommer habe ich mich zum ersten Mal für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Fünf Wochen werde ich in Russland sein und am Ende im Finale sitzen. Es ist der Höhepunkt meiner Sportreporterkarriere. Mehr kann ich nicht erreichen. Trotzdem fühle ich mich irgendwie auch als Verlierer.

Weil die Vorfreude einen aufdringlichen Begleiter hat: den Verdacht, als Fußballkonsument ausgenutzt, als Fußballfan betrogen, als Fußballbeobachter instrumentalisiert zu werden. Und ja, verdammt noch mal, das tut mehr weh als eine dröhnende Torwartfaust im Gesicht oder ein stechender Schraubstollentritt in die Leisten.

Es ist ein Schmerz, der im Kopf anfängt, manchmal migräneartig anschwillt, wenn ich zu oft daran denke, wie Fußball sich zu einem gentrifizierten Hochglanzprodukt entwickelt hat, das in werbeweichgespülten Fernsehhäppchen serviert wird. In meinem Herz verglüht die Romantik, wenn ich sehe, dass kommerzielle Interessen mit dem Versprechen auf sportliche Chancengleichheit brechen und die Bundesliga zu einem Wettbewerb um den zweiten Platz verkommt.

Erst die Bayern, dann lange nichts. Und in meinem Bauch köchelt die Wut, weil Fußball von undemokratischen Funktionären beherrscht wird, von Verbänden, die sich in Namen der Gemeinnützigkeit bereichern und kaum Steuern zahlen wollen. Aber staatliche Subventionen erwarten sie schon, wenn ein Stadion gebaut werden soll.

Wir müssen gierig sein, gieriger werden, Gier ist gut, sagen Fußballer immer wieder, sagen Trainer, Manager und Klubpräsidenten. Als wären sie die neuen Gordon Gekkos und der Fußball eine Ware, die an der Wall Street gehandelt wird. Undenkbar ist das nicht. Die europäischen Topklubs haben ihre Umsätze versiebenfacht in den vergangenen zwanzig Jahren. Fußball ist das Staffelfinale des Neoliberalismus.

Das alles sind Gründe, die schleichend, aber doch zur Trennung führen können. Zum Ende einer wunderbaren Freundschaft. Wahrscheinlich sogar Liebe. Tausenden Fans geht es genauso wie mir. Und es werden immer mehr Fußballkulturpessimisten an der Basis, die ihre emotionale Verbindung zur Spitze kappen.

Ein Kollege vom Tagesspiegel, der kein Fußballreporter mehr sein wollte, schrieb: „Fußball, ich kann nicht mehr! Du hast keine Geheimnisse mehr, bist ausgeleuchtet, auserzählt, überverkauft: taktisch, statistisch, medial.“

Der Fußballblog Volk ohne Raumdeckung endet mit den Worten: „Wenn der Profifußball sich demnächst einmal durch seine Regelungswut und den Wunsch nach Planbarkeit von Gewinn und Gewinnen in die vollendete Langeweile verabschiedet haben wird, sehen wir uns auf dem Bolzplatz wieder, wo Kampfesmut, Geniestreiche und Teamgeist unser Herz ebenso erwärmen werden wie zutiefst menschliche Unzulänglichkeit.“

Ein Fußballfreund sagte neulich: „Ich hoffe nur noch auf den großen Knall.“

Fußball, du Aschloch

Fußball ist ein Arschloch geworden.

Grundsätzlich kann das ja jedem mal passieren. Aber Fußball ist zu vielen zu wichtig, ist too big to fail, um sich damit abzufinden und so zu tun, als wäre nichts gewesen. Die ganzen Affären. All die Skandale. Vor allem bei der Fifa, der Fédération Internationale de Football Association, die ihre eigenen Vorstellungen von Ethik geschaffen hat und selbst darüber entscheidet, wo wann warum und für wen diese gelten sollen.

Die Fifa kennt keine Gewaltenteilung. Sie ist eine Diktatur des Geldes. Und sie protzt damit. Wenn die Mitglieder des Exekutivkomitees zusammenkommen, erhalten sie siebenhundert Euro Tagegeld, ohne den Flug (natürlich erste Klasse) und das Hotel (natürlich fünf Sterne) bezahlen zu müssen.

Alle vier Jahre sucht sich der Weltverband eine neue Exklave und zieht eine WM-Bannmeile um Stadien und Fanfeste, die „kontrolliertes Gelände“ heißen. Partner und Sponsoren der Fifa haben hier eine Monopolstellung. Die Zuschauer geben bei den Einlasskontrollen ihre Rechte und Freiheiten ab. Politische Botschaften auf den Tribünen sind nicht erlaubt. Von den Ausrichterländern, von souveränen Staaten, verlangt die Fifa zusätzliche Garantien, etwa die Aussetzung des geltenden Arbeitsrechts. Es dürften dann schlechtere Löhne gezahlt werden, es herrschen andere Bestimmungen bei Überstunden und Urlaubsanspruch.

Affären und Skandale

Die Fifa hat ihren Hauptsitz in Zürich. Von außen ist der Bau ein schmuckloses Statement, der knapp fußballfeldgroße Waschbetonquader hat nur zwei Stockwerke. Doch wie bei einem Eisberg ist die tatsächliche Größe, die wahre Bedrohung, nicht zu erkennen. Auch nicht der Reichtum unter Tage: amerikanisches Nussholz, brasilianische Schiefersteine, Wände aus gehämmertem Aluminium, Lapislazuliböden – eine fensterlose Unterwelt.

Oben der Planet Fifa, auf dem jede Stimme zählt. Der südpazifische Inselstaat Vanuatu mit seinen siebentausend Fußballern hat genauso viel zu sagen wie der DFB mit seinen sieben Millionen Mitgliedern. Was wechselnde Allianzen ermöglicht und bei WM-Vergaben Stimmkäufe begünstigt. Auch vor dem deutschen Sommermärchen, dessen Moral inzwischen als so verdorben gilt wie ein Schimmeljoghurt in der hintersten Kühlschrankecke.

Nun also Russland, wo Wladimir Putin gerade sein großes Jahrzehnt der gekauften Sportevents beendet und diese, seine WM politisch für sich nutzen wird. Wie andere vor ihm auch. Mal mehr, mal weniger offensichtlich. Mussolini 1934, die Militärjunta 1978. In Argentinien wollte keiner etwas gesehen haben. Immerhin setzten die Platzwarte ein Zeichen des Protests. Den ahnungslosen Machthabern erzählten sie, dass die Torpfosten über der Grasnarbe schwarz sein müssen. So entstand ein Trauerflor für die Entführten, Gefolterten, Ermordeten.

Der frühere Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke sagte einmal: „Die Zusammenarbeit mit einer demokratisch gewählten Regierung kann die Organisation von WM-Turnieren komplizieren.“ In vier Jahren geht es in die Wüste, nach Katar.

Die Moral der Fifa

Die Fifa hat im vergangenen Sommer neue Leitprinzipien zu Menschenrechtsfragen veröffentlicht. In den Verbandsstatuten heißt es, dass die WM-Baustellen besser überwacht werden sollen. Der Internationale Gewerkschaftsbund warnt trotzdem davor, dass weitere, dass noch Tausende Arbeitsmigranten bis 2022 sterben könnten, sollten sich die unmenschlichen Bedingungen beim Stadionbau nicht ändern. Fifa-Präsident Gianni Infantino sieht darin keinen Widerspruch. Vorgänger Sepp Blatter hatte vergleichbare Sehstörungen.

Fußballfunktionäre scheinen unantastbar zu sein. In den wichtigsten Ämtern genießen sie quasi Diplomatenstatus und juristische Immunität. Sie dürfen ihre Gastgeschenke zollfrei mit nach Hause nehmen. Natürlich prüft kein Kartellamt ihre Expansionspläne. Ab 2026 wird die WM auf 48 Teilnehmer aufgestockt. Das war Infantinos Wahlversprechen, so holte er sich die Mehrheit. Verständlich, warum das FBI nach einem Antikorruptionsgesetz gegen die Fifa ermittelt, das aus den USA der Siebzigerjahre stammt. Es dient der Mafiabekämpfung.

Die meisten Angeklagten aus der Fußballfamilie schweigen zu den Vorwürfen der Geldwäsche oder bandenmäßigen Verschwörung. Sie haben ihre eigene Omertà. Wenn Politiker, Richter, Journalisten oder eine aktive Fanszene sich gegen die Auswüchse im Fußball oder die Interessen seiner Akteure stellen, gelten sie als Störenfriede.

Das Recht auf Einmischung wird ihnen unter Verweis auf die Autonomie des Sports abgesprochen. Don Sepp sagte einmal: „Wenn wir Probleme haben in der Familie, dann lösen wir die Probleme in der Familie und gehen nicht zu einer fremden Familie.“ Das ist eine beliebte Strategie, um die politischen und privatwirtschaftlichen Verflechtungen des Fußballs nicht transparent machen zu müssen.

Man würde ja zum Beispiel gern wissen, welche Rolle Franz Beckenbauer bei der WM-Vergabe an Deutschland spielte. Doch der Kaiser gibt keine Auskunft. Er fühlt sich nicht zu Rechenschaft verpflichtet.

Die Ermittlungen gegen Beckenbauer seien eine „Riesenschweinerei“, sagt Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern, typischer Vertreter einer patriarchalischen Fußballfamilie. Die eigene Verurteilung wegen Steuerhinterziehung kommentierte er so: „Ein Freispruch wäre völlig normal gewesen.“

Liegt es an mir?

Ich dachte immer, Fußball tue mehr Gutes als Böses. Mehr für mich und die anderen als für sich selbst.

Vielleicht liegt es an mir, an falschen Erwartungen. Und vielleicht ist mein grummelndes Unbehagen nur konstruiert, mein innerer Widerstand gegen den modernen Fußball eine Modererscheinung – und die Folge einer tiefen Kränkung. Weil ich älter werde, mich aber weigere, Fußball mit Erwachsenenaugen zu betrachten.

Ich will lieber über die Dribblings des neuen Stürmers staunen und mich nicht fragen, ob der Berater eine Ausstiegsklausel vereinbart hat. Dazu eine Millionenprovision, die offshore auf den Britischen Jungferninseln landet. Und womöglich noch irgendeine absurde Bonuszahlung für Tore mit links nach Ecken von rechts oder umgekehrt.

Der Schriftsteller Javier Marías bezeichnet das Fußballfanleben als „wöchentliche Rückgewinnung unserer Kindheit“.

Ich kann mich noch an das Wohnzimmergebolze mit meinem Vater erinnern, an das erste Vereinstraining in der E-Jugend von Rot-Weiß Speyer, an das erste Bundesligaspiel im Frankfurter Waldstadion, mein erstes Tor. Es ist mir peinlich und diskreditiert mich als moralische Instanz, weil der Torwart verletzt am Boden lag, ich aber – „Schieß! Schieß doch!“ – einfach schoss.

Ich sehe mich vor dem Fernseher sitzen, Mexiko, WM 1986, bei uns noch schwarzweiß, und dann macht sich Maradona auf den Weg zu seinem Jahrhunderttor im Viertelfinale gegen England. Außerdem habe ich mit der Zeit eine Legende gestrickt, wie ich zum SV Werder Bremen fand. Wie dieser Verein meine emotionalen Großwetterlagen zu bestimmen begann. Kurzversion: Wir lebten in einem weißen Haus mit grünen Balkonen.

Auf meiner Fußballlandkarte liegen sehr malerische Auswärtsspielorte: Haßloch und Harthausen, Blaubach-Diedelkopf und später Französisch Buchholz. In mein Gedächtnis eingebrannt ist die beste Halbzeitansage von Ali, meinem Trainer beim Kreuzberger Kiezklub Hansa 07: „Spielt endlich so Fußball, wie ihr Bier trinken könnt.“ Es klappte. Wir gewannen noch gegen den FC Karame. Stiegen auf. Und fuhren im Autocorso zum Moritzplatz, weil wir es lustig fanden, eine Kreisligameisterschaft im Kreisverkehr zu feiern. Fußball hat immer die besten Geschichten über Männerfreundschaften geschrieben. Und dann ist da noch meine einzige Rote Karte nach einem absichtlichen Handspiel an der Mittellinie, gegen die nur ich protestierte.

Anruf beim Fußballgott - der geht nicht ran

Fußballer sind oft nicht in der Lage, die Situation neutral zu betrachten. Bei Fußballfans, selbst bei manchen Reportern, ist es nicht anders. Sie alle tragen je nach Vorliebe kolorierte Vereinsbrillen, in die so dicke Gläser eingefasst sein können, dass die Wahrnehmung bis zur Unkenntlichkeit verschwimmt. Über die Urdebatte – Schönheit vs. Effektivität des Spiels – muss dennoch in Kneipenabendlänge gestritten werden. Auch über Abseits und neuerdings die lange Leitung eines Videoassistenten. Schwieriger wird es bei Fragen der Gerechtigkeit, die mit Schnaps und einem Anruf beim Fußballgott enden. Als Telefonjoker ist er allerdings keine Hilfe. Er geht niemals ran. Er lässt uns lieber allein mit seiner Schöpfung.

Für viele ist Fußball eine Ersatzreligion. Ein romantisch verklärter bis ideologisch aufgeladener Raum. Eine besondere Haltung zum Leben, die es zu beschützen gilt. Wir gegen die anderen. Wahre Fans gegen Eventfans. Traditionsvereine gegen Retortenklubs. Werte gegen Geld. Die Kritik am kommerzialisierten Fußball stiftet Identität, ist unverzichtbar für das Selbstverständnis aktiver Fanszenen. Sportlich oder politisch können sie verfeindet sein. Hinter Stadionbotschaften wie „Gegen den modernen Fußball!“ oder „Fick dich DFB!“ stehen sie vereint. Und über allem thront die Frage: Wem gehört eigentlich der Fußball?

Uns, sagen die sogenannten Ultras. Die selbst ernannten Bewahrer der Tradition, die sich in ihrer Existenz bedroht fühlen. Von Vereinen und Verbänden, die exzessive Kontrollen betreiben, die Videoüberwachung ausweiten, auf Kollektivstrafen setzen. Weil sie erkannt haben, dass die Bilder einer wütenden Kurve sich nicht so gut verkaufen lassen. Es gibt keinen offenen Dialog, keine Einbindung der Fans in Entscheidungsprozesse. Ja, Ultras neigen zu aggressiven Auftritten. Aber nein, Gewalt im Fußballstadion ist nur ein Randphänomen. Statistisch gesehen sind es weniger als einhundert gewaltsuchende Fans pro Bundesligaklub. Und Pyrotechnik? Ist in Werbefilmen erlaubt. Auf den Rängen verboten.

Die da unten, die da oben

Bei der Mitgliederversammlung von Hertha BSC vor ein paar Wochen trat ein Mitglied der Ultragruppierung Hauptstadtmafia ans Mikrofon. Tagesordnungspunkt: Aussprache. Die berechtigte Frage: „Warum sind Sie nicht hier oben?“ Der angesprochene Werner Gegenbauer saß nicht auf dem Podium. In der Messehalle entstand der Eindruck, der Klubpräsident habe keine Lust, sich der Auseinandersetzung zu stellen. Daher: „Haben Sie Angst vor mündigen Fans?“ Erst dann unterbrach Gegenbauer seinen Small Talk am Rande und kehrte an seinen Platz zurück.

Schwer zu sagen, wann die Entfremdung zwischen denen da oben und denen da unten begann. Wo die Anfänge des Ausverkaufs liegen.

Vielleicht bei der WM 1970, als das Viertelfinale zwischen Deutschland und England um zwölf Uhr mittags angepfiffen wurde. Unter den tausend Sonnen Mexikos. Extra für den europäischen Fernsehmarkt. Oder erst fünf Jahre später? Da wurde der Sohn eines Waffenschiebers und Günstling des brasilianischen Militärs zum Fifa-Präsidenten gewählt. Das Antrittsversprechen von João Havelange lautete: „Ich bin gekommen, um ein Produkt namens Fußball zu verkaufen.“ Mitte der Siebziger betrug das weltweite Sportsponsoring fünf Millionen Dollar. Heute sind es zig Milliarden. Fußball ist ein Investment mit zuverlässigen Wachstumsraten. Fußballer werden wie Zirkustiere gehalten. Es gibt immer mehr Mannschaften ohne Eigenschaften.

Wenn Fußball nur noch ein Produkt ist, dann, immerhin, ist es das beste, das es jemals gab. Deshalb kaufen wir es. Deshalb schalten wir ein, vier WM-Wochen lang, und machen die Quoten. Wir sind indirekt die Geldgeber des Fußballs. Dafür verlangen wir den Glanz. Es würde ja niemand auf die Idee kommen, in einem Restaurant das Steak von vorgestern zu bestellen und dazu ein extra schales Bier aus den Sechzigern.

Die negativen Folgen der Kommerzialisierung mögen offensichtlich sein. Aber sie werden erdrückt von der Masse der Fußballbilder und ihrer medialen Zweitverwertung. Die Liste der meistgesehen Sendungen der deutschen Fernsehgeschichte wird von zehn Fußballspielen angeführt. Der Verlag „Die Werkstatt“ wirbt zurzeit mit etwa zweihundert Fußballbüchern: von „Dem Fußball sein Zuhause – Pöhlen, Pils und Pokale entlang der B1“ über „Wer erfand den Übersteiger? ... und andere lebenswichtige Fußballfragen“ bis „Ohne Fußball wär'n wir gar nicht hier – Geschichten von Fans in der Midlife Crisis“. Das sollte ich bald lesen.

Der Versuch, die eigene Kindheit zurückzugewinnen, ist sinnlos. Warum sollte es Fußballfans anders gehen. Es bleiben die Erinnerung – und die Narben.

Alles zur Fußball-WM in Russland lesen Sie auf unseren Sonderseiten.