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UnionBerlin

Fanhymne: Was macht Nina Hagens „Eisern Union“ zum Ohrwurm?

Nina Hagen singt die Fanhymne im Stadion.

"Immer wieder Eisern Union": Nina Hagen singt die Fanhymne im Stadion.

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Imago

„Eisern Union“ von Nina Hagen gehört zu den populärsten Fanhymnen im deutschen Fußball. Wohl auch deshalb, weil das Lied eine unschlagbare Harmoniefolge hat: Johann Pachelbels Kanon in D-Dur – den größten Ohrwurm aller Zeiten. Und Nina Hagen war nicht die Erste, die das Lied als Vorlage nutzte.

Das Schema

Dies ist die Notation von Johann Pachelbels Kanon in D-Dur.    Wie stets in der Barockmusik bildet der Basso continuo das harmonische Gerüst. Darüber spielen drei Violinen die auch als „Pachelbel-Schema“  bezeichnete,  zweitaktige Akkordfolge D-A-h-fis-G-D-G-A. Die Umstände der Komposition sind unklar. Es wird vermutet, dass Johann Pachelbel das Stück für die Hochzeit von Johann Christoph Bach schrieb, den ältesten Bruder von Johann Sebastian Bach, am 23. Oktober 1694. Der Kanon in D-Dur wird bis heute bei Trauungen in Standesamt und Kirche gespielt.

Der Komponist

Johann Pachelbel wurde 1653 in Nürnberg geboren. Das Musizieren brachte er sich weithin selbst bei, da zum Studium das Geld fehlte. 1677 wurde er herzoglicher Hoforganist in Eisenach, ein Jahr später Organist an der Predigerkirche in Erfurt. Hier gab er Johann Christoph Bach Orgelunterricht. Hier starb aber auch seine Frau und der gemeinsame Sohn 1683 an der Pest. Nach Stationen in Stuttgart und Gotha kehrte er  1695 als Organist von St. Sebald zurück nach Nürnberg, wo er  im Jahr 1706 starb.

Die Eiserne

Nina Hagen hält einen Fanschal hoch.

Nina Hagen ist Union-Fan.

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dpa

„Wir aus dem Osten geh’n immer nach vorn“, so heißt es in der 1998  vorgestellten, von Nina Hagen gesungenen  Vereinshymne von „Eisern Union“. Das mag auf die Fußballer zutreffen. Was das Lied angeht, ging man eher zurück – und bediente sich  nach dem Motto „Alles nur geklaut“ im Gestern: Ob bei der russischen Hymne, die im Osten natürlich als Ohrwurm eingeführt war, oder bei „Go West“, das seinerzeit bereits in die Fankurven gefunden hatte, soll jeder für sich entscheiden. Immerhin wurde die Melodie einst in Ostdeutschland geschaffen: von
Johann Pachelbel, 300 Jahre zuvor.

Der Held der Arbeit

Als eigentlicher Wiederentdecker des Pachelbel-Kanons darf   der Russe Alexander Alexandrow (1883–1946) gefeiert werden, Leiter des Chors der Roten Armee: 1943  bastelte er aus der Harmoniefolge des barocken Kirchenmusikers die Staatshymne der Sowjetunion.  Als Dank gab’s Stalinpreis, Leninorden und eine Briefmarke.

Die DDR-Bee-Gees

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Auch die Puhdys interpretierten Pachelbel neu.

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imago/Frank Sorge

„Es sollte klingen, wie …, es durfte aber nicht, weil …, es sollte aber doch, damit …“, erzählt der Komponist Peter Gotthardt  über die Musik zur „Legende von Paul und Paula“ von 1973. Als Titelsong wollte er eigentlich „Spicks and Specks“ – aber eine britische Beatband in einem DDR-Film? Ausgeschlossen! Also fischte er den Song aus dem Westradio, schrieb das Arrangement ab, veränderte die Melodie geringfügig, und ließ das Ergebnis von den Puhdys singen: „Wenn ein Mensch lebt.“ Im Film spielte übrigens Eva-Maria Hagen mit, die Mutter von Nina. Die Familie sollte Blumen und Kränze ans Grab von Johann Pachelbel schicken.

Die Pop-Provokateure

Das Cover der Pet Shop Boys Single "Go West".

Das Cover der Pet Shop Boys Single "Go West".

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PetShopBoys.co.uk

Als B-Seite einer Single der Village People bemerkte kaum einer die Subversion. Erst Chris Lowe von den Pet Shop Boys, der „Go West“1992  neu bearbeitete, fiel auf, dass dieses unverholene  Hosianna auf die Gay-Liberation-Bewegung „fast identisch mit der russischen Nationalhymne war“.  Wie geschaffen also für die beiden  Pop-Provokateure aus England, die mit der Nummer die Hitparaden der Welt  unterwanderten, auch und vor allem in Russland. Der Schwulenhasser Josef Stalin, aber auch der fromme Franke Pachelbel hätten sich im Grab umgedreht.

Die Barock-Brüder

Liam und Noel Gallagher von Oasis.

Liam und Noel Gallagher von Oasis.

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picture-alliance / dpa

Als Oasis 1994 ihre Single „Whatever“ veröffentlichten, mutmaßte
 das Fachblatt NME „Dopingverdacht“. Unerlaubtes Hilfsmittel: die Harmoniefolge von David Bowies „All The Young Dudes“. Dabei hatte Bowie die Nummer selber geklaut – bei Johann Pachelbel. Mehr noch: Schon für seinen Hit „Changes“ hatte sich der Meister am Kanon in D-Dur bedient. Die von Oasis befürchtete Plagiatsklage kam also nie – worüber die Brüder Gallagher so glücklich waren, dass auch sie  ein zweites Mal auf den  Barock-Gassenhauer zurückgriffen  und ihren größten Hit landeten: Auch „Don’t Look Back in Anger“ ist ein echter Pachelbel.