"Auf keinen Fall würde ich so etwas noch mal machen." Der Kölner Sporthistoriker Manfred Lämmer, der für die Berliner Olympia-Bewerbung Informationen über IOC-Mitglieder sammelte, distanzierte sich gestern im Olympia-Untersuchungsausschuß teilweise von einem Bericht, den er unter dem Decknamen "Astrid" verfaßt hatte.Dieser Bericht spielt im Zusammenhang mit Dossiers über IOC-Mitglieder eine Rolle. Sie sollen im Auftrag der Olympia-Marketing GmbH angelegt worden sein. Versehentlich "outete" Lämmer auch durch einen Versprecher seinen Informanten "Augustinus", der ihm mit Angaben über Olympia-Offizielle behilflich war. Hinter dem Pseudonym, das der Sporthistoriker in der öffentlichen Ausschußsitzung zunächst nicht aufklären wollte, verbirgt sich Prof. Augustin Kirsch. Dieser hatte über viele Jahre in Wissenschaft und Sportverbänden Verantwortung getragen. So war Kirsch, der im Alter von 68 Jahren 1993 starb, unter anderem NOK-Vizepräsident, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und Präsidiumsmitglied des Weltverbandes IAAF, Direktor des Bundesinstituts für Sportwissenschaft und Honorarprofessor an der Sportschule Köln. Zentrale Datenbank In seinem "Astrid"-Bericht bezeichnete Lämmer es als "unbedingt erforderlich, daß im inneren Kreis eines Bewerbungskomitees eine Art zentraler Datenbank existiert, in der die genauen Lebensumstände, politischen Grundauffassungen, sportpolitischen Verankerungen und Abhängigkeiten, persönlichen Neigungen, Werthaltungen, Schwächen etc. bis ins Detail gespeichert und verknüpft sind".Lämmer zitierte Aussagen von Olympia-Funktionären in Athen, nach denen zum Beispiel ein IOC-Mitglied "immer betrunken" oder ein anderes ein "Playboy" sei. Er räumte ein, in seiner "Protokolleifrigkeit vielleicht zu weit gegangen" zu sein.Der Sporthistoriker erklärte gestern im Ausschuß aber auch, sein Bericht habe größtenteils Aussagen enthalten, die für Olympia-Insider Banalitäten gewesen seien. Er habe darauf hingewiesen, daß den Äußerungen der Athener, die mit ihrer Olympia-Bewerbung gescheitert waren, mit äußerster Vorsicht begegnet werden müsse. Dem Geschäftsführer der Marketing GmbH habe er von persönlichen Dossiers über IOC-Mitglieder abgeraten, weil sie "nicht gut und sinnvoll" seien. Alle wichtigen Informationen stünden in Biographien, die beim Internationalen Olympischen Komitee gekauft werden könnten.Die Leiterin der internationalen Abteilung der Berliner Olympia GmbH, Brigitte Schmitz, sagte zuvor aus, sie habe nie ein Dossier gesehen. Viel zu brav Sie habe außerdem über jedes IOC-Mitglied mehr gewußt, als in so einem Papier hätte stehen können. Verstöße gegen IOC-Regeln - zum Beispiel teure Geschenke, Reisen oder Arztrechnungen, rechtfertigte Brigitte Schmitz als normale Gepflogenheiten. Berlin sei im Gegenteil "viel zu brav gewesen", hätten IOC-Mitglieder nach der gescheiterten Berliner Bewerbung erklärt. Zum Thema "Reißwolf"-Affäre sagte sie, es sei nichts vernichtet worden, was sie für wichtig gehalten habe. +++