Das Wochenende hat Helmut Digel zu Hause verbracht. Darauf weist er extra hin, denn es gab eine bedeutende Leichtathletik-Veranstaltung, und so etwas lässt er sich selten entgehen. Die erhoffte Ruhe hat er nicht gefunden: Er saß vor dem Fernseher und ärgerte sich, dass so wenig von den Wettkämpfen übertragen wurde. Der streitbare Professor kämpft unverdrossen für die Belange seines Sports. Sein Terminkalender ist voll. Er will schnell anfangen mit dem Interview, schließlich muss er gleich noch an die Humboldt-Universität, einen Vortrag halten.Herr Digel, warum braucht unsere Gesellschaft den Spitzensport?Ich glaube, dass der Sport einen ganz wichtigen Inhalt unserer Kultur darstellt. Er ist nicht nur Teil der Alltagskultur, er ist sehr viel mehr. Was der Sport der Gesellschaft anbietet, sind in gewisser Weise Kunstwerke. Kunstwerke, die natürlich einen anderen Charakter haben als die übliche Kunst, aber die außergewöhnlichen Leistungen, die Athleten erbringen, haben kulturellen Charakter. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass sich gerade Philosophen dieses Aspekts der sportlichen Leistung angenommen haben, nehmen Sie nur Roland Barthes am Beispiel der Tour de France. Fußball in der Literatur ist ein anderes Beispiel. Dasselbe gilt für die Leichtathletik, die ja mit dem Laufen, Springen, Werfen seit der Antike die herausragenden menschlichen Bewegungsmuster kultiviert.Warum muss das in Form von Wettkämpfen geschehen?Bei der Leichtathletik wird eine motorische Fertigkeit bis zur höchsten Vollendung weiterentwickelt. Am Ende steht beispielsweise der Olympiasieg. Damit bin ich in einer globalen Welt einzigartig, ein herausragender Könner in dieser spezifischen Fertigkeit. Und das hat symbolische Bedeutung. Im Zuge der Aufklärung hat man erkannt, dass Leistung das einzig tragfähige Verteilungskriterium ist, nicht Geburt, Erbe, Nepotismus, sondern das, was vom Individuum erarbeitet wird. Leistung per se ist ein schützenswertes Gut, und gerade in der Leichtathletik ist die individuelle Leistung das herausragende Darstellungsmittel.Sehen Sie es also als Aufgabe der Politik, sich um den Sport zu kümmern?Unsere Gesellschaft braucht das Kulturgut Sport, und es muss geschützt werden. Das ist für mich der wichtigste Grund, warum ich als Funktionär in diesem Bereich mitarbeite. Deswegen erwarte ich auch, dass der Staat hilft, wenn dieses Kulturgut beschädigt wird, denn er muss ein Interesse daran haben, dass sich junge Menschen immer wieder bewähren in diesem Bereich. Aber das setzt voraus, dass der Sport erst mal selbst schaut, dass er dieses Kulturgut nicht beschädigen lässt. Und da haben wir im Moment ein Problem.Ein kulturelles oder ein sportliches?Viele Menschen nehmen den Sport heute nicht mehr als Kulturgut, sondern als ungerechtes Kommerzsystem wahr. Die reinen Leistungen werden immer wieder infrage gestellt, ob es nun um Doping geht oder um Materialschlachten, wo eigentlich Ingenieure gegeneinander antreten und nicht Athleten. Wenn ich andererseits die deutsche Olympiamannschaft von Peking betrachte, da sind unter den 500 Athleten 440, die über Jahre hart gearbeitet und trainiert und vielleicht sogar Medaillen gewonnen haben, aber damit keine materiellen Interessen verbinden, einfach zurück an die Uni gehen. Die kommen ganz kurz ins Rampenlicht, sind danach sofort wieder vergessen und müssen ihren Lebensunterhalt in eigener Verantwortung bestreiten. Trotzdem erbringen sie außergewöhnliche Kulturleistungen.Ab diesem Samstag wird auf absehbare Zeit die letzte große Leichtathletik-Veranstaltung im Berliner Olympiastadion stattfinden. Steckt die Leichtathletik in der Krise?Die Frage ist, ob die Leichtathletik in der deutschen Gesellschaft so lebendig bleibt, wie sie es 150 Jahre lang war. Und da sind die Bedingungen derzeit eher ungünstig. Fast alle Stadien, in denen wir Großveranstaltungen hatten, haben wir verloren, sie sind jetzt reine Fußballarenen.Fußball interessiert die Leute eben.Das stimmt. Trotzdem kann man die Forderung an die Politik richten, dass wir ein Nationalstadion der Leichtathletik benötigen. Dann könnte man wenigstens an einem Ort garantieren, Europameisterschaften und Weltmeisterschaften in der wichtigsten olympischen Disziplin ausrichten zu können.Warum hat die Leichtathletik an Attraktivität eingebüßt?Das hängt in erster Linie mit Stars zusammen, mit herausragenden Athleten. Wir haben in den einzelnen Disziplinen mittlerweile ein Leistungsniveau erreicht, bei dem die Wahrscheinlichkeit, dass man die Leistungen noch dramatisch steigern könnte, sehr gering ist. Es ist schon enorm schwer, diese Spitzenleistungen regelmäßig zu erbringen. Dadurch hat sich die Zahl der Verletzungen stark erhöht. Insgesamt werden die Karrieren der Spitzenathleten zwar länger, aber die erfolgreichen Abschnitte der Karrieren dauern nicht mehr so lange. Wegen des Geldes, das es zu verdienen gibt, beenden manche Athleten ihre Laufbahn erst mit 40, aber die Heldenperioden werden kürzer.Heldentum ist nun einmal vergänglich ...Früher gab es Sportler, die bis zu zehn Jahre eine Disziplin dominierten, Lars Riedel war ein solcher Held im Diskuswerfen, Carl Lewis war ein Held in Sprint und Weitsprung. Jetzt hatten wir im Sprint in wenigen Jahren Tim Montgomery, Justin Gatlin, Asafa Powell, dann Tyson Gay, jetzt Usain Bolt, es kann sehr gut sein, dass auch das nur eine kurze Karriere ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass Doping mitläuft, ist leider nicht von der Hand zu weisen. Dadurch ist es nicht mehr ganz einfach, diese Stars als Zugpferde der Leichtathletik gegenüber den Medien, den Zuschauern und der Wirtschaft zu präsentieren.Gilt das nicht für die meisten Sportarten?Die Leichtathletik hat es schwerer als andere Sportarten, weil die Leistungen sehr viel außergewöhnlicher sind. Ich habe früher mal Handball in der Bundesliga gespielt, da konnte man sich, wenn man schlecht war, hinter seiner Mannschaft verstecken. Wenn jemand im Weitsprung acht Meter springt, dann weiß man, jetzt ist er bei der Weltspitze angelangt. Sieben Meter gelten jedoch als drittklassig. Die Leichtathletik ist fast schon selbstschädigend ehrlich.Weil das Rad des "schneller, höher, weiter" überdreht ist?In unserer Gesellschaft ist das Verhältnis zur sportlichen Leistung stark beschädigt. Wenn jemand bei Olympischen Spielen 7,40 Meter springt, dann heißt es: Zweitklassig! Dabei muss sich nur jeder an seinen Schulsport erinnern, wie weit er weg war von dieser Weite, um zu begreifen, was das im Grunde für eine außergewöhnliche Leistung ist.Ist diese Fixierung auf Höchstleistung nicht das Grunddilemma des modernen Spitzensports?Das war vielleicht vor der Vereinigung noch etwas anders. Ich habe damals immer sehr genau das "Deutsche Sportecho" der DDR verfolgt. Da hat man noch die Übungsleiter und andere, die an der Leistung beteiligt waren, sehr genau mit beobachtet und beschrieben. Es war auch noch eine Aufgabe des Journalismus, den Breitensport zu beschreiben. Heute interessiert das keinen mehr. Wenn Sie über so etwas schreiben würden, würden Ihre Leser sagen: Habt ihr sie noch alle? Ich möchte doch keine Geschichte über ein Bezirkssportfest lesen, wo einer 1,90 Meter hoch gesprungen ist. Das Beispiel kann uns zeigen, dass wir über die Jahre eine andere Beziehung zur sportlichen Spitzenleistung entwickelt haben.Woran liegt das?An der kommerzialisierten Medienlandschaft, aber auch am kommerzialisierten Sport selbst. Bei der WM in Berlin gibt es für die Goldmedaille 60 000 Dollar. Die Messlatte für den Erfolg ist das Geld geworden. Außerdem wurde die Rekordorientierung für die Leichtathletik zum Bumerang. Wenn ich meinen Zuschauer so dressiert habe, dass er, wenn er abends zur WM geht, glaubt, da müsste nun ein Weltrekord gelaufen werden, dann denkt der, wenn dieser nicht kommt, das war nichts.Nähert sich die Leichtathletik sogenannten Randsportarten an, wie Fechten, Gewichtheben, Ringen, die nur alle vier Jahre bei Olympischen Spielen ins Rampenlicht kommen?Die Leichtathletik ist in allen Befragungen nach wie vor eine der beliebtesten Sportarten im Fernsehen, vor allem ist sie enorm ausgewogen beliebt, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Fußball oder Boxen haben viel höhere Ablehnungsquoten. Im Fernsehen hat Leichtathletik etwas zu bieten an Vielfalt, was keine andere Sportart bieten kann. Diese 47 Einzeldisziplinen, wenn sie dramaturgisch schön und klug produziert werden, können nach wie vor ausgesprochen interessant sein. Beim olympischen Hammerwurf-Finale in Athen hatten wir höhere Einschaltquoten als beim Bundesliga-Finale - wohlgemerkt beim Hammerwurf und nicht beim 100-Meter-Finale.Das war aber auch Olympia.Natürlich muss man sehen, dass wir neue Maßstäbe haben. Der Fernsehmarkt ist mittlerweile fragmentiert, und die hohen Quoten von früher gehören der Geschichte an. Aber bei den Marktanteilsberechnungen sieht die Leichtathletik nicht so schlecht aus. Vor diesem Hintergrund glaube ich, dass wir auch die Diskussion führen müssen, was eigentlich öffentlich-rechtliches Fernsehen auszeichnen sollte. Es gibt einen Auftrag, und zu diesem Auftrag gehört auch, dass man den olympischen Sport in seiner Vielfalt zur Darstellung bringt. Heute dominieren Fußball, Boxen und die Formel 1 mit einem Programmanteil von mehr als neunzig Prozent die gesamte TV-Berichterstattung.Die Fernsehsender sagen, warum sollen wir Dinge senden, die keiner sehen will.Diese Annahme beruht auf einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Wenn ich immer nur Fußball übertrage, dann will das Publikum eben nur noch Fußball sehen. Masse bewirkt Masse.Es gibt viele, teilweise dilettantische Versuche, den Sport, auch die Leichtathletik, so zu verändern, dass er angeblich fernsehgerechter ist. Wer sollte Priorität haben, der Stadionbesucher oder der Fernsehzuschauer?Für mich hat die allerhöchste Priorität der Zuschauer, der sich im Stadion befindet. Er muss das, was unten auf der Bahn und auf dem Feld geschieht, verfolgen können, er muss es verstehen können, er muss es als unterhaltsam und interessant empfinden. Wenn er das tut, dann ist das Stadion voll, und dann ist auch das, was im Fernsehen gezeigt wird, attraktiv. Das Zentrum des Interesses ist dabei die pure sportliche Leistung. Dazu braucht man keinen Zirkus, keine Show, sondern man braucht nachvollziehbare verständliche Wettkämpfe. Aber den Mut zur Innovation muss man haben. Die Leute sind heute verwöhnt, sie haben ein Komfortbedürfnis. Da muss die Leichtathletik sich Gedanken machen, wie sie diese schönen Leistungen in ein sinnvolles kompaktes Programm einbindet.Sie haben vor einigen Jahren die Talentsichtungs- und Förderungssysteme verschiedener erfolgreicher Sportnationen untersucht und daraus Vorschläge für die Praxis in Deutschland abgeleitet. Was ist umgesetzt worden?Das ist wie bei vielen dieser Forschungsarbeiten. Der Auftraggeber ist kurzfristig interessiert, aber wenn die notwendigen politischen Veränderungen durchzusetzen wären, gibt es viele Gründe warum es nicht umgesetzt werden kann. In unserer Diskussion seit 1989 haben wir nirgendwo nüchtern und sachlich gefragt: Was sind denn die Ansprüche, die man heute an den Spitzensport zu stellen hat, wenn man international erfolgreich sein möchte, und was sind die tauglichen Instrumente.Nach 1989 wurde Know-how aus der DDR ja durchaus übernommen. Man übernahm damit aber auch die Probleme, zum Beispiel Trainer, die durch Doping oder Stasi-Mitarbeit belastet waren.Ab '89 war in allen Begegnungen zwischen Ost und West ein ganz großes Misstrauen zu spüren: Der Westen nimmt alles, die lassen uns nichts an Identität. Ich habe selten etwas Belastenderes erlebt als diese Diskussionen zwischen Funktionären aus Ost und West. Es waren ja lauter Beitritte, es war keine Vereinigung. Die Repräsentanten des Sports aus dem Osten mussten neue Landesverbände gründen und zum Beispiel in den Deutschen Leichtathletikverband eintreten. Ihre Struktur, die sie fünfzig Jahre lang kannten, war tot. Ihre Vereinsnamen mussten aufgegeben werden, auf alles, was an Identität bestand, musste verzichtet werden.Warum wurde das alles mit solch einer großen Eile durchgezogen?Die Funktionäre waren daran interessiert, möglichst schnell die Athleten zusammenzuführen, damit eine gemeinsame Nationalmannschaft entstand, die Olympischen Spiele in Barcelona standen ja bevor. Möglichst schnell musste auch die Frage beantwortet werden, wie man mit den DDR-Trainern umgeht. Es gab dann die Empfehlung einer unabhängigen Kommission, die zum Beschluss der Mitgliederversammlung des Deutschen Sportbundes führte. Die Präsidenten konnten nicht im Amt bleiben, alle Generalsekretäre mussten zurücktreten, das leitende medizinische Personal wurde nicht übernommen. Aber alle Nachgeordneten wurden geschont und den Athleten wurde eine Amnestie gewährt. Das wurde zum entscheidenden Bumerang.Ein Bumerang, der bis heute fliegt ...Im Einvernehmen mit der Politik wurden diese Regelungen festgelegt. Dazu gehörte auch der Beschluss, dass die Trainer weiter beschäftigt werden konnten, wenn sie - nach damaliger Erkenntnis - nicht an Minderjährige Dopingmittel verabreicht hatten. Was will man da jetzt, 20 Jahre nach der Vereinigung, noch tun? Wenn jemand 20 Jahre ordentlich gearbeitet hat, dann hat er die ihm gegebene Chance zu einem Neuanfang genutzt. Eine moralische Aufarbeitung ist damit nicht erfolgt. Aber juristisch kann heute nichts mehr passieren. Der DLV würden jeden Arbeitsgerichtsprozess verlieren. Diese Trainer haben sich seit 20 Jahren nichts zuschulden kommen lassen, außer, dass sie eine Erklärung unterschrieben haben, niemals gedopt zu haben. Eine Erklärung, von der jeder damals wusste, dass deren Unterzeichnung moralisch problematisch war.Aber kann man sie einfach freisprechen?Dass die Trainer Teil eines Unrechtssystems waren, ist richtig, und dass sie damit für das Unrecht im Sport Mitverantwortung haben, ist auch richtig. Aber die Frage der Hauptverantwortung stellt sich anders. Birgit Dressel zum Beispiel ...... die westdeutsche Siebenkämpferin, die 1987 an einem Medikamentencocktail starb ...Birgit Dressel war eine junge Frau. Sie hatte Abitur und studierte. Wenn sie es zuließ, dass ihr Spritzen zum Zwecke des Wettkampfbetrugs verabreicht wurden, dann war sie nicht nur Opfer. Dass ihr Arzt Professor Klümper ein Krimineller war, ist für mich unbestritten. Aber sie hat gewusst, was sie tut. Und deswegen muss man schon genau nachfragen, wie war es mit den jeweiligen Opfern damals, wie alt waren sie, welche Rolle haben sie gespielt in ihrem Verein, und war es wirklich so, dass sie von nichts gewusst haben. Ich habe mich deshalb damals dagegen ausgesprochen, die Athleten alle zu amnestieren. Aber alle wurden amnestiert, obwohl sie nachweislich gedopt hatten. So ist es möglich, dass ehemalige Olympiasieger heute Bundestrainer sein können, ohne dass dies in Frage gestellt wird. Völlig inakzeptabel muss dabei allerdings sein, dass Kinder ohne eigenes Wissen und ohne das Wissen der Eltern medikamentös manipuliert werden. Hier spricht man zurecht von Opfern und hier stehen wir auch heute noch in der Schuld.Was kann, was darf, was muss ein Land tun, um sportlich erfolgreich zu sein?In der DDR zum Beispiel identifizierte sich der Staat voll und ganz mit dem Sport. Im Westen wurde so getan, als sei das völlig anders. Aber wenn man die Stellungnahmen der damaligen Bundeskanzler betrachtet, so waren diese in gewisser Weise identisch mit denen von Honecker oder Ulbricht. Es ging um die nationale Repräsentation qua sportlicher Leistung. Der Sport wurde und wird instrumentalisiert zur Darstellung politischer Systeme. Wenn man nach Afrika geht, dann kann man das Phänomen des Nationbuilding durch Sport beobachten. In Stammesgesellschaften wie beispielsweise in Kenia ist es der Sport gewesen, der wesentlich mitgeholfen hat, dass wenigstens ein Medium existierte, mit dem sich alle identifizieren konnten: mit den kenianischen Läufern, die Olympiasieger wurden. Als Kim Collins von der Karibikinsel St. Kitts & Nevis in Paris 2003 Weltmeister über 100 Meter wurde, hat das eine Wirkung gehabt in diesem kleinen Staat, die ist ungeheuerlich gewesen. Trotzdem hat man mit diesem Identifikationsprozess keine Probleme gelöst. Auch in der DDR konnte der Sport die politischen Probleme nicht lösen.Wenn er keine Probleme löst, warum sollte der Staat den Spitzensport fördern?Es ist nicht die Aufgabe des Sports, dass er politische Probleme löst. Er ist dadurch legitimiert, dass Menschen diesen Sport selbst betreiben. Die pädagogische Funktion des Sports ist die einzig relevante und tragfähige. Und deshalb ist die Politik verpflichtet, diesen Sport zu fördern. Deswegen ist er Pflichtfach in der Schule, weil man sich der Bildungsqualität des Mediums Sport bewusst ist. Und dieser Sport, der in der Schule betrieben wird, wenn Kinder üben, trainieren, wenn sie im Weitsprung besser werden, sich am Ende von 4,90 auf 5,90 Meter verbessern, diese Entwicklung einer Leistung ist das, was den Sport wertvoll macht. Und diese Leistung darf nicht abgekoppelt werden vom Hochleistungssport. Wenn ich den Hochleistungssport dem reinen Kommerz preisgebe und ihn nicht mehr anbinde an den Kinder- und Jugendsport, hat er auf Dauer kaum eine Überlebensperspektive.Ist der Leistungssport noch in der Lage, Vorbilder hervorzubringen?Begrenzt. In dieser völlig überfütterten Konsumwelt sind Vorbilder kurzlebiger geworden. Das ist anders als früher, wo Idole einen jungen Menschen lange begleitet haben, wo er unbedingt so werden wollte wie das Idol. Im Sport funktioniert das Vorbild heute noch bezogen auf bestimmte Techniken, man schaut, wie einer den Ball schlenzt, dribbelt, oder wie einer wirft oder die Kugel stößt. Aber in Bezug auf die Persönlichkeit ist diese Wirkung heute so gut wie nicht mehr gegeben.Ist die Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa nicht so etwas wie ein modernes globales Leichtathletikidol? Eine Russin, die in Italien trainiert, in Monaco wohnt, einen Ausrüster aus China hat und dort ungemein populär ist.Es gibt globale Stars, die kennt jeder. Aber das sind eher Marken, keine Vorbilder. Der Erfolg und die Show-Qualität werden bewundert, da geht es um Marktwert, aber weniger um die Beeinflussung der Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen durch Stars.Inwiefern kann der Sport in der globalen Gesellschaft überhaupt noch national sein?Gerade weil wir über das Internet zur gleichen Zeit an jedem Ort der Welt sein können, ist das Lokale, Regionale und Nationale ausgesprochen bedeutsam geworden. Das kann man auch im Sport beobachten. Man hat ein Bedürfnis, sich mit Mannschaften zu identifizieren. Man hat sogar das Bedürfnis, sich mit Nationalfarben zu identifizieren. In der Leichtathletik gibt es dabei, anders als im Fußball, kaum so etwas wie Chauvinismus. Man hat auch keine Fankultur, keine Fanclubs, die Ersatzkämpfe austragen, keine Zuschauerausschreitungen. Leichtathletik ist eine ausgesprochen friedliche Sportart, bei der sich die Menschen auf eine angenehme, freundliche Weise begegnen. Wie man das Nationale steuert, ohne dass die Internationalität verloren geht, das ist die Herausforderung in den nächsten Jahren.------------------------------Helmut DigelDer Schwabe Helmut Digel, geboren 1944, gilt als Intellektueller und Querdenker unter den deutschen Sportfunktionären.Der frühere Handballspieler war von 1993 bis 2001 Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, zudem war er Vizepräsident des Weltverbandes IAAF und des Nationalen Olympischen Komitees.Seit 2002 leitet er das Institut für Sportwissenschaft in Tübingen. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Sportsoziologie. Digel untersucht unter anderem die Auswirkungen sozialen Wandels auf den Sport in Schulen und Vereinen und die Entwicklung des Hochleistungssports.Wie dem Betrug durch Doping begegnet werden kann, ist ein weiteres zentrales Thema seiner Arbeit.