Die Ankunft von inzwischen mehr als einer Million aus ihren Heimatländern nach Deutschland geflohener Menschen stellt nicht nur die hiesigen staatlichen und kommunalen Institutionen vor Probleme. Zum alltäglichen Umgang mit Flüchtlingen gehört auch deren Bezeichnung. Viele vermuten hinter dem Wort Flüchtling eine pejorative Ausdrucksform, und bei der Wahl zum Wort des Jahres klang denn auch eine mögliche abwertende Bedeutung mit an.

Stimmt aber nicht, hat nun der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg, von 2005 bis 2013 im Rat für die deutsche Rechtschreibung, in der FAZ dargelegt. „Das Wort ist alt und, wie Sprachwissenschaftler sagen, lexikalisiert im Sinne von ‚nicht mehr transparent‘. Diese Eigenschaft teilt es mit zahlreichen anderen Formen wie Findling, Liebling, Rundling, Stichling, Sämling, Frühling. Unter den mehr als dreihundert Wörtern mit der Endung ‚ling‘ findet jeder, was er gerade braucht.

Interessant ist, dass ‚Flüchtlinge‘ sich bei genauerem Hinsehen als politisch inkorrekt erweist. Es handelt sich um eine Personenbezeichnung im Maskulinum, die von der Bedeutung her eigentlich einem Femininum zugänglich sein sollte wie bei ‚Denker/Denkerin‘, ‚Dieb/Diebin‘. Aber die Form ‚Flüchtlinginnen‘ gibt es nicht. Es kann sie auch nicht geben, ihre Bildung ist ausgeschlossen. Der Grund für das zunächst rätselhafte Verhalten von -ling ist systematischer Natur.“

Die beiden Wörter bedeuten nicht dasselbe

Eingehend beschäftigt sich Eisenberg ferner mit den alternativen Wortbildungen, die jene Sprecher verwenden, die nicht in eine mögliche Falle von selbst ernannten Sprachpolizisten tappen möchten. „Als Ausweg steht dann nur die Propagierung eines Wortes mit anderer Struktur zur Verfügung. Für Flüchtlinge ist bereits ‚Geflüchtete‘ im Schwange. Die GfdS schreibt, neuerdings sei „öfters alternativ von ,Geflüchteten‘ die Rede. Ob sich dieser Ausdruck im allgemeinen Sprachgebrauch durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. ‚Geflüchtete‘ ist dem ‚Gendern‘ zugänglich, zeigt aber auch, wo das Kernproblem dieser wie der meisten anderen willkürlichen Normsetzungen liegt: Die beiden Wörter bedeuten nicht dasselbe. Auf Lesbos landen Tausende von Flüchtlingen, ihre Bezeichnung als Geflüchtete ist zumindest zweifelhaft. Umgekehrt wird auch ein aus der Adventsfeier Geflüchteter nicht zum Flüchtling.“

Eine nicht ganz einfach zu behebende Sprachverwirrung

Für Eisenberg ist die gesteigerte Suche nach einer sprachlichen Alternative für das Wort Flüchtlinge vor allem Indiz für eine nicht ganz einfach zu behebende Sprachverwirrung. „Was einen Sprachwissenschaftler am etablierten Gendern selbst dann beunruhigt, wenn er die sprachliche Sichtbarmachung von Frauen freudig begrüßt, ist dreierlei. Erstens: Die Sprache wird nicht akzeptiert, wie sie ist, sondern sie gilt als manipulierbarer Gegenstand mit unklaren Grenzen dieser Manipulierbarkeit. Zweitens: Die Kenntnis des Gegenstandes, an dem man Veränderungen vornimmt, geht nicht sehr weit. Drittens: In vielen Fällen stigmatisiert man Wörter, ohne dass es brauchbare Alternativen gäbe.“