STENDAL. Das neue Leben des Jan Kölbel begann 1997 mit einem Telefonklingeln. Er nahm ab, und ein Mitarbeiter der humanitären Organisation Help - Hilfe zur Selbsthilfe stellte die Frage: "Können Sie sich vorstellen, in einem Minenräum-Projekt in Bosnien zu arbeiten?" Ein Kollege sei krank geworden. Etwas unsicher, jedoch aufgeregt sagte Kölbel zu. "Schließlich wurde der Job gut bezahlt!" Kölbel hatte den Beruf des Feuerwerkers erlernt, eigentlich um Häuser zu sprengen.Seit jenem Tag liegt sein Arbeitsplatz zwar an wechselnden Orten, aber immer zwischen rotweißem Flatterband mit Totenkopfschildern. So werden die gefährlichen Bereiche markiert. Bei der Arbeit liegt dann vor Kölbel ein gut ein Meter langer Stock, der das Suchfeld nach vorn begrenzt, dahinter liegt ungeprüftes Terrain. Links und rechts sind zwei weiße Bänder für die Seitenmarkierungen geknotet.Zu zweit wird gearbeitet, alle halbe Stunde gewechselt. Ein Kollege bleibt im Hintergrund, um im Notfall helfen zu können. Ein Krankenwagen steht bereit. Viele der Antipersonenminen haben heute einen sehr geringen Metallanteil, weshalb sie mit Detektoren nicht mehr aufzuspüren sind. Es bleibt nur eine Methode: Mit einer unterarmlangen Suchnadel sticht Kölbel, kniend oder auf dem Bauch liegend, schräg in den Boden, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter. Trifft er auf etwas Hartes, legt er den Gegenstand vorsichtig frei und schaut nach, ob es eine Mine oder doch nur ein Stein ist. So geht es mühsam über zugewucherte Felder, durch Gebüsch, Ruinen, Schutt und Müll.Immer ein RisikoMinenräumer arbeiten systematisch und konzentriert - jedem Fehler kann der Tod folgen. Kölbel trägt bei der Arbeit einen Helm mit Visier und eine Schutzweste. "Aber, machen wir uns nichts vor, die Splitter der Splitterspringminen gehen auf die kurze Distanz auch durch die Weste - außerdem ist der Schutz wirklich nur auf Lebenserhaltung ausgerichtet." Oft werden Minenopfer verstümmelt. Eine extreme psychische Belastung. Morgens wird die Verfassung der Entminer abgefragt. "An einem schlechten Tag sollte jeder genau überlegen, ob er das Schicksal herausfordert", sagt Kölbel.Kölbel kennt die Krankenhaussäle voller Menschen, die weiße Verbände um die Stummel ihrer amputierten Gliedmaßen tragen, Menschen, die oft noch Jahre nach dem Ende eines Krieges zu Kriegsopfern werden. Alle 20 Minuten verunglückt nach Uno-Angaben ein Mensch durch eine Mine, fast immer Zivilisten. Mehr als ein Viertel von ihnen sind Kinder.Die Begegnung mit einem neun Jahre alten Jungen 1998 im Krankenhaus der bosnischen Stadt Koschowo hat Kölbel besonders aufgewühlt. Der Junge hatte beim Spielen ein Auge, beide Beine und eine Hand durch eine explodierte Granate verloren. Vom Alter her hätte es Kölbels Sohn sein können. Dieses Schicksal hat ihn motiviert, trotz der Risiken die Arbeit fortzusetzen, um "wenigstens ein bisschen Elend auf dieser Welt zu verhindern", wie er sagt.Auch ihm selbst ist die Gefahr schon recht nahe gekommen: Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen tötete eine Splittermine den Freund und Kollegen Mato Juric. Kriecht da nicht Angst auch in den kühlsten Profi? Kölbel antwortet nachdenklich: "Angst ist das falsche Wort - ich empfinde einen tiefen Respekt vor meinem Gegner, der Mine; diesen Respekt darf man nie verlieren. Nie darf man überheblich werden."Jan Kölbel ist kein Draufgänger. "Bei der Arbeit muss ich mir hundertprozentig sicher sein, was ich tue und was der Kollege neben mir tut." Auch Erfahrungen mit Leichtsinn hat er gemacht: "Da wurde ein Mitarbeiter zum Wasserholen geschickt und der läuft mitten durch das Minenfeld." Mit Galgenhumor versucht er, sich vor der lähmenden Wirkung solcher Erlebnisse zu schützen.In Sarajevo, seinem ersten Einsatzort, hat sein Team eineinhalb Jahre gearbeitet, um die Siedlung am Flughafen zu entminen, das war 1997. Kölbel allein entschärfte 300 Minen und 2 000 Blindgänger. Urlauber sollten in Bosnien-Herzegowina und Kroatien allerdings auch heute noch Warnschilder mit der Aufschrift "Mine" tunlichst beachten: Dort geht grundsätzlich nicht zum Pinkeln ins Gebüsch, warnt er.Seiner Frau zollt er Hochachtung dafür, dass sie seinen Beruf akzeptiert und aushält. Immerhin tragen die beiden auch Verantwortung für zwei Söhne, der jüngere Sohn lebt noch mit den Eltern im Einfamilienhaus bei Stendal, der 20-Jährige ist bereits ausgezogen. "Manchmal bin ich wochenlang weg, wie jetzt in Russland - meine Frau respektiert meine Arbeit."Um den Lebensunterhalt abzusichern, ist Kölbel schließlich in die Privatwirtschaft gewechselt, wo er heute Projekte in der zivilen Kampfmittelbeseitigung organisiert. "Die humanitäre Minenräumung ist leider nicht mehr allzu populär; die Finanzierung ist unstetig." Er beklagt, dass die deutsche Regierung nichts unternehme, um hiesige Kampfmittelräumer aktiv zu unterstützen. Das Geschäft liegt in englischen, amerikanischen und französischen Händen."Wenn eine Pipeline gebaut oder ein Schifffahrtsweg eingerichtet wird, räumen wir das Gebiet - eine technisch sehr anspruchsvolle Aufgabe." Unterschiedliche Zündmechanismen hat der 40-Jährige bereits entschärft. Sie reagieren auf Druck, Zug, Vibrationen, auf Temperaturen, haarfeine Stolperdrähte, werden ferngesteuert und so weiter. Es gibt Antifahrzeugminen der 3. Generation, die in der Lage sein sollen, zwischen einem Panzer und einem Schulbus zu unterscheiden - "glücklicherweise gibt es davon noch nicht so viele, denn die lassen sich nicht entschärfen", fügt der Waffenexperte hinzu.Eine Datei über Hunderte von Kampfmitteln entsteht. Sein Wissen, verknüpft mit der Erfahrung im Arbeitsalltag, vermittelt er heute auch als Gastdozent an der Sprengschule in Dresden."Wer behauptet, alle Munitionstypen zu kennen, ist unglaubwürdig", sagt Kölbel und erklärt einige der perfiden Konstruktionen: "Besonders in Häusern stoßen wir immer wieder auf Sprengfallen. Das sind Minen, die gezielt gegen Entminer und Heimkehrer gelegt wurden. Zum Beispiel unter dem Kühlschrank oder einer Kellerklappe. Sobald man sie öffnet oder bewegt, kommt es zur Sprengung."Training für HelferViele der Minen sehen aus wie Thunfischdosen und haben mehrere Zünder. Sie explodieren, wenn jemand darauf tritt oder sie aufheben will. Streubomben werden großflächig von Flugzeugen oder mit Raketenwerfern verschossen. Wie eine Silvester-Feuerwerksbatterie verteilt eine Salve 8 000 Sprengsätze über eine Fläche von mehreren Fußballfeldern. Nur ein Teil explodiert sofort. "Der Blindgängeranteil bei Streumunition ist militärisch durchaus beabsichtigt, um Unsicherheit zu verbreiten", erläutert Kölbel. Im Fall des Typs M77 muss mit bis zu 40 Prozent Blindgängern gerechnet werden. Die US-amerikanischen Streitkräfte warfen 1991 im Irak über 20 Millionen Stück Streumunition ab. Das alltägliche Minenräumen im Feld wirkt angesichts solcher Zahlen wie Sisyphusarbeit. So viel man auch beseitigt, immer wieder kommen neue Sprengsätze dazu.Dennoch bleibt der Sprengmeister der humanitären Arbeit treu und engagiert sich unentgeltlich bei Informationsveranstaltungen und Trainingsmaßnahmen für Helfer. Außerdem schreibt er gerade ein Begleitbuch zu Kunstwerken, die auf der Ausstellung "Art" in Amsterdam präsentiert werden. Das gemeinsame Thema: Minen. Milliarden von ihnen lauern weltweit auf ihre Opfer.------------------------------Gespräche über StreubombenverbotDie Konferenz in Dublin: In der irischen Hauptstadt verhandeln auf Initiative Norwegens bis zum 30. Mai rund 100 Regierungen über ein möglichst umfassendes Verbot von Streubomben. An der Konferenz nehmen maßgebliche Herstellerländer von Streubomben nicht teil, darunter die USA, Russland und China.Die Waffe: Streubomben verteilen riesige Mengen von Sprengkörpern über große Flächen, wo sie wahl- und ziellos töten. Sie stellen nach UN-Angaben derzeit eine tödliche Gefahr für die Zivilbevölkerung in rund 30 Ländern dar.Position der USA: Ungeachtet internationalen Drucks lehnen die USA ein Verbot von Streubomben ab. "Wir sind der Meinung, dass ein pauschales Verbot ein Fehler wäre", sagte vergangene Woche ein hochrangiger Beamter des US-Außenministeriums. Die Waffen seien nach wie vor ein wirksamer taktischer Schutz gegen feindliche Streitkräfte.Position Deutschlands: Die Bundesregierung bekennt sich zum Ziel eines Verbots, vertritt jedoch, wie einige andere Staaten auch, die Meinung, man solle über mehrere Schritte zum Verbot gelangen.------------------------------Foto : Der Minenräumer Jan Kölbel bei der Arbeit in Bosnien

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.