PARIS. In Politthrillern trägt der gegen die Staatsmacht aufbegehrende Held am Ende zumeist den Sieg davon und die Gerechtigkeit triumphiert. Nicht so in diesem Fall, der sich gegenwärtig in der korsischen Hafenstadt Ajaccio abspielt. Der Franzose Jean-Bastien Risson, Untersuchungsrichter in Ajaccio, ist vielmehr der große Verlierer.Risson war gegen das organisierte Verbrechen angetreten: Vor drei Jahren nahm er die Spur einer Bande auf, die Luxusyachten stiehlt. Die Fäden liefen in Tunis zusammen: bei Moez und Mohamed Imed Trabelsi, den Neffen von Staatschef Zine el-Abidine Ben Ali, der seit Jahrzehnten die Geschicke des Maghrebstaates bestimmt. Das löste bei den Pariser Diplomaten Besorgnis aus. Sollten die Brüder Trabelsi als Drahtzieher des organisierten Verbrechens in Frankreich zur Rechenschaft gezogen werden, wäre dies den Beziehungen zu Tunesien kaum zuträglich.Also wurde der diplomatische Sprengsatz entschärft. Nach Rissons Angaben haben sich Interpol und die tunesische Justiz mit den schwersten Vorwürfen gar nicht erst befasst. Der Versuch, die von mehreren mutmaßlichen Bandenmitgliedern belasteten Brüder per internationalem Haftbefehl suchen zu lassen, scheiterte an "Verfahrenshindernissen". Und als Risson Anklage erhob, sorgte das Pariser Justizministerium dafür, dass das Verfahren gegen Ben Alis Neffen ausgegliedert und den tunesischen Behörden übertragen wurde. So standen zum Prozessauftakt am vergangenen Freitag nur mutmaßliche Gefolgsleute und Komplizen in Ajaccio vor Gericht. "Das ist schon seltsam", sagte der Rechtsanwalt Jean-Michel Mariaggi, der einen der elf Angeklagten vertritt. "Frankreichs Justiz schickt sich an, die kleinen Leute zu richten, interessiert sich aber nicht für die Haupttäter - aus Angst, Tunis zu verärgern."Erdrückende BeweislastIm Mai 2006 hatte alles begonnen. Bruno Roger, dem Chef der Geschäftsbank Lazard, war im Hafen der südkorsischen Stadt Bonifacio die Yacht "Beru Ma" gestohlen worden. Der Verlust des mehr als eine Million Euro teuren Schiffes machte Schlagzeilen, zumal der Besitzer als enger Freund des damaligen Staatschefs Jacques Chirac und seines Innenministers Nicolas Sarkozy galt. Ein Privatdetektiv der Versicherung entdeckte die Yacht schließlich unweit von Tunis im Hafen von Sidi Bou-Said. Imed Trabelsi, der in der Folgezeit angeblich mehrfach an Bord gesehen wurde, soll seinen Einfluss geltend gemacht und auf neue Zulassungspapiere für das Schiff gedrungen haben. Einmal auf Trabelsi aufmerksam geworden, entdeckten die Ermittler, dass für zwei weitere in Frankreich gestohlene Yachten ebenfalls neue Papiere beantragt worden waren.Die Beweislast ist erdrückend, die meisten Angeklagten sind geständig. Viele haben die Brüder Trabelsi als Auftraggeber genannt. Doch die beiden sitzen auf der anderen Seite des Mittelmeers und haben nichts mehr zu befürchten.------------------------------Foto: Motorboote im Hafen des korsischen Ajaccio