BERLIN, 14. Januar. Unauffällig auffällig patrouillieren Zivilpolizisten im Berliner Bezirk Friedrichshain. Zielfahnder und Kriminalbeamte suchen in Kneipen, Wärmestuben und Abrisshäusern nach dem flüchtigen Olaf Jürgen Staps. Sie suchen den Mann, der in Drohbriefen ankündigte, den Gedenkmarsch für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg anzugreifen; den Mann, der schrieb, er wolle ein "Blutbad" anrichten. Immer wieder führt der Weg der Polizisten durch die Grünberger Straße, vorbei an einem Haus aus der Gründerzeit. Hier hat Staps gewohnt, es war seine letzte Adresse. Im September 1999 zündete er seine Wohnung an, wie er in Briefen bekannte. Dann tauchte er unter. Bauarbeiter schleppen Zementsäcke in das alte Mietshaus, seit Monaten renovieren sie das Gebäude. Staps wohnte im ersten Stock des linken Seitenflügels. In der kleinen Einzimmerwohnung klopft ein Bautrupp die verkohlte Decke ab; der jugoslawische Vorarbeiter zeigt auf ein Loch im Boden. "Hier hat er das Feuer gelegt". Genau genommen waren es fünf Feuer im gesamten Haus, mit Zeitungen und Spiritus als Brandbeschleuniger. Nun sind fast alle Brandstellen neu verputzt und überstrichen. Die Bauleute waren die Letzten, die Staps hier gesehen haben. "Er war scheu, er konnte einem nicht in die Augen blicken", sagt der Vorarbeiter. Staps ist heute 39 Jahre alt, 1986 kam er aus Jena nach Berlin in die Grünberger Straße. Damals hatte er sich im Streit von seinen Eltern getrennt und bis heute nie wieder bei ihnen gemeldet. Säbel und BoxhandschuheDie Wand zwischen dem Wohnzimmer und der kleinen Küche haben die Arbeiter herausgerissen, jetzt fällt mehr Licht in die Wohnung. Die Bauleute wissen, wie Staps damals hier gelebt hat. Während sie begannen, das Haus zu renovieren, war er noch immer da. Er wollte nicht gehen. Die Regale neben seinem Hochbett waren voll gestopft mit Büchern und Stapeln seiner Lieblingszeitung "Junge Welt". An den Wänden hingen ein alter Säbel und Boxhandschuhe, in der Mitte des Raums ein Sandsack. Am Herzen lag dem Eigenbrötler seine Plattensammlung mit Werken "von Haydn bis Bach", wie einer der Handwerker erzählt.Weil die Wohnung keine Dusche hatte, fuhr Staps mit dem Fahrrad regelmäßig in das Hallenbad an der Holzmarktstraße, wo er jahrelang auch als Kassierer arbeitete. An das Kassenhäuschen hatte Staps damals die Kopie eines 50-Mark-Scheines aus der DDR geklebt und mit einem neuen Titel versehen: "50 Quark". Daran entsinnt sich Martin Städler, der Staps 1988 bei mehreren Treffen der DDR-Umweltbewegung "Arche" kennen lernte. Über politische "Weggefährten" wie Städler konnte man in den vergangenen Tagen viel in der Presse lesen, aber eigentlich hatte Staps keine Weggefährten. Er hatte auch keine Freunde und keine Freundin; jedenfalls kann sich niemand daran erinnern. "Bei uns heißt er nur "das Phantom der Oper", sagt Gunnar Krüger, ein Mann aus der Berliner Autonomen-Szene. Das Wort Phantom passt gut, denn ob Autonome, Hausbesetzer, Betroffenengruppen oder die "AG Kiezentwicklung" die so genannten Linken aus Friedrichshain, denen er sich zugehörig fühlte, sie kennen ihn nicht. "Er war immer allein", bezeugen die, die ihm begegneten, "ein Einzelgänger, schwierig, scheu", der Gedichte über seine Einsamkeit schrieb. Zehn Jahre zuvor, in den letzten Monaten der DDR, war Staps noch bekannter. "Er gehörte zu den verbitterten Leuten, auf die wir aufpassen mussten", sagt Wolfgang Rüdenklau von der "Umweltbibliothek" in Prenzlauer Berg. Denn Staps neigte zu radikalen Aktionen. "Wenn wir vorschlugen: Wir machen ein Pfeifkonzert", erinnert sich der "Arche"-Aktivist Andreas Passarge, "dann sagte Staps: Lasst uns lieber etwas kaputtschlagen!" Zu den Treffen der "Arche" oder der Gruppe "Schwerter zu Pflugscharen" in der Samariterkirche kam Staps stets allein. Und er blieb allein, ging selten mit in die Kneipe. "Aber wenn er etwas wollte, hat er darum gekämpft", sagt Passarge. "Er war kein Dummer." Staps habe es Spaß gemacht, Flugblätter oder Thesenpapiere zu formulieren. Und Staps hatte Mut; er protestierte, wo andere schwiegen, wurde verhaftet und von der Stasi drangsaliert.Nach dem Mauerfall versuchte er im neuen Deutschland Tritt zu fassen, doch sein Studium der Psychologie und Soziologie an der Freien Universität brach er bald wieder ab. Die Ost-Grünen, zu denen er 1990 stieß, verließ er wieder, weil sie die deutsche Vereinigung akzeptierten. Von der PDS wandte er sich enttäuscht ab, als die Friedrichshainer Baustadträtin Martina Albinus-Kloss einer seiner Forderungen nicht folgte er hatte ihr vorgeschlagen, alle Hausbesitzer sofort zu enteignen. Seine Entäuschung wurde zu Hass: Staps nennt die PDS in seinen Drohbriefen gegen die Luxemburg-Liebknecht-Demo eine "Partei des sozialen Terrors".Staps opponierte als einziger Mieter monatelang gegen die Sanierung des Hauses in der Grünberger Straße und ließ sich auch nicht umstimmen weder vom Hauseigentümer, noch von der Mieterberatung, noch vom Bezirksbürgermeister. Seine Mitmieter forderte er auf, "den Kampf aufzunehmen". Schließlich lebte er allein in dem Haus, "wie auf einer Insel", sagt einer der Bauarbeiter. So jemand lässt sich durch "gut gemeinte Angebote" nicht umstimmen. "Der Eigentümer hätte ihm sogar eine Dachgeschosswohnung ohne Aufpreis gegeben", sagt der Bauarbeiter, "damit er das Haus endlich durchsanieren kann." Aber Staps wollte nicht.Er wütete, als die Arbeiter im Herbst vergangenen Jahres seine Wohnungstür überstrichen, an der er Sprüche wie "Westler-Gelumpe raus aus der DDR" angebracht hatte. Als sie dann noch seinen Keller aufbrachen, um dort Leitungen zu verlegen, schnitt Staps die schon verlegten Kupferrohre in seiner Wohnung durch und klebte einen Zettel an den Bagger im Hof: "Wenn sich jemand an meiner Wohnung vergreift, passiert was Fürchterliches." Er legte Feuer, und er rettete nur sein Fahrrad und seine Kleider. Seine Bücher und seine Schallplatten verbrannte er. In der SuppenkücheDer Weg in den Untergrund hat Staps möglicherweise nicht weit weg von der Grünberger Straße geführt. "Die Polizei hätte ihn längst fangen können", sagt ein Arbeiter. Gemeint ist: Olaf Jürgen Staps war immer mal wieder in der Gegend zu sehen. Er hat dort wohl einen Bekannten oder Freund. Zuletzt sahen ihn Mitarbeiter von Wärmestuben in Lichtenberg und Friedrichshain. "Er war noch zu Beginn des Jahres in unserer Suppenküche", sagt Andreas Passarge vom "Netzwerk Arche". Er weiß, dass Staps in den letzten Monaten, "mehrmals wöchentlich" in die Einrichtung kam. Staps sagte nur: "Guten Tag, guten Weg." Dann verschwand er wieder.