Die Reise, von der ich so lange geträumt habe, beginnt mit den Worten „Bitte wenden“. Vor einer halben Stunde habe ich den Flughafen Mailand verlassen, seitdem versucht das Navigationssystem des Mietwagens vergeblich, mich zu orten. Immer wieder fordert es mich zum Umdrehen auf. Und würde ich an Zeichen glauben – dies hier wäre wohl eines.

Soll ich dort wirklich hinfahren? Was erwarte ich mir davon? Ich kurbele die Fenster herunter, sodass die Hitze durch den Fiat pustet, drehe das Radio auf und muss grinsen, weil mir mein Vater in den Sinn kommt: „Porca Miseria“, würde er jetzt schimpfen. Verdammt.

Bezeichnenderweise ist das fast der einzige italienische Ausdruck, den mein Vater kennt. Gehört hat er ihn bei meinem Großvater, der auf Italienisch noch kurze Sätze bilden konnte. Mehr hatte er von meinem Urgroßvater nicht gelernt, dem letzten italienischen Muttersprachler in meiner Familie. Im Jahr 1904 wanderte Antonio Perdoni aus einem Dorf in den Hügeln der Region Emilia-Romagna nach Deutschland aus. Dieses Dorf soll mein Navigationssystem jetzt eigentlich finden.

Eine Olive im Labskaus

Vernasca. Ein Zweitausend-Seelen-Ort zwischen Mailand und Bologna. Mein Vater war als Kind einmal dort. Er erinnert sich an ein Maisfeld und an eine zahnlose Greisin, deren Bart kratzte, wenn sie meinen Vater umarmte. An einen Hund, ein ausgetrocknetes Flussbett und ein Steinhaus ohne Elektrizität. In seiner Erinnerung ist Vernasca ein unheimlicher Ort. Er hatte nicht das Bedürfnis, dorthin zurückzukehren, nachdem sein Vater und sein Großvater früh gestorben waren. Mit ihnen beerdigte er jede Verbindung nach Italien. Das ist rund fünfzig Jahre her. Mir vererbte Italien nur noch einen Nachnamen.

„Perdoni? Ach, sind Sie Italienerin?“, werde ich häufig gefragt. „Nein, ich komme aus Hamburg “, antworte ich dann. „Haben Sie denn Verwandte in Italien?“ – „Vielleicht. Ich weiß es nicht.“

Dieser Dialog ist unbefriedigend. Denn er hinterlässt das Gefühl, eine Unbekannte im Blut zu haben. Als wäre in einer Portion Labskaus eine Olive versteckt. Und ja, der Seemannsbrei ist in Ordnung, wie er ist, ohne Oliven. Aber wer weiß, welches Geschmackserlebnis herauszuholen wäre, wenn man auf die versteckte Olive beißt? Ich will nach Vernasca, um es herauszufinden. Will sehen, was ich eventuell noch bin, neben der Norddeutschen. Und ich will wissen, ob ich vielleicht wirklich Verwandte dort habe.

Die nächsten eineinhalb Stunden verbringe ich damit, Mailand zu umrunden. Dann erst finde ich die Abzweigung nach Süden, Richtung Piacenza. In der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, zu der auch Vernasca gehört, will ich ins Archiv, um nach Informationen über Antonio Perdoni zu suchen. Ich habe alles dabei, was von ihm noch existiert: ein paar Fotos, seine Akte aus dem deutschen Melderegister sowie die Einbürgerungsurkunde aus dem Jahr 1928. Die Unterlagen hat mir die Stadt Nienburg an der Weser zugeschickt, in der sich mein Urgroßvater damals niederließ.

Kurz nachdem ich die Autobahn verlassen habe, kommt mir der erste Traktor entgegen, eine junge Frau in Shorts überholt ihn auf einem rosa Roller. Auf den Feldern liegen Heuballen, manchmal riecht es nach Gülle. Im Autoradio schmettert Italiens alternder Pop-Casanova Nek seinen neuesten Hit: „Es ist nie, wie es gestern war“, singt er, „ständig ändern sich der Sinn und die Gedanken.“ Und da sei immer eine Straße um zu reisen. Laut, kitschig, inbrünstig, so sind italienische Schlager. So ist Italien.

Nicht, dass mir dieses Land unbekannt wäre. Nach dem Abitur, also vor gut zehn Jahren, ging ich für mehrere Monate zum Sprachkurs nach Florenz – getrieben von dem gleichen Wunsch wie heute, den ich allerdings mit 19 noch anders formuliert hätte, etwa: „Ich will bei lauschigen 28 Grad auf der Piazza sitzen und mich mit Rotwein betrinken.“ Aber insgeheim wollte ich das Land kennenlernen, von dem ich den Nachnamen habe. Es folgten ein Studiensemester in Genua sowie mehrere Reisen. Nur nach Vernasca kam ich nie.

„Ich hab’ ihn!“

Nun liegt der Palazzo Farnese vor mir, in dem das Regionalarchiv untergebracht ist, ein roter Gebäudeklotz mit kleinen Fenstern. Ein Ort, um Geheimnisse zu hüten. Das Archiv ist im zweiten Stock. Ein schielender Pförtner führt mich in eine Bibliothek, in der sich plötzlich fünf Menschen gleichzeitig um mich kümmern wollen: Eine, wie ich mir einbilde, ebenfalls schielende Frau mit hellblauem Lidstrich, die offensichtlich nur Bücher wegtragen darf. Ein grauhaariger Mann, der nur Bücher holen darf. Der Direktor des Archivs, der einsilbig antwortet, als hätte ich ihn um den frühzeitigen Feierabend gebracht. Ein Mann mit Brille, der eine Gebühr kassiert für die Erlaubnis, Fotos zu machen. Und die Bibliothekarin, eine schlanke Frau in den Vierzigern mit engem Kleid. Ich bin die einzige Besucherin.

Die Bibliothekarin sucht ein paar vergilbte Hefte heraus. Es sind Wehrdienstregister der 1879 und 1880 geborenen Männer – das Geburtsjahr meines Urgroßvaters weiß ich nur ungefähr. Ich fahre mit dem Finger über die mit Füller geschriebenen Nachnamen des Jahrgangs 1880. Die Bibliothekarin, die sich mir mittlerweile als Patrizia vorgestellt hat, durchsucht das andere Register. Perini, Picoli, Peroni, Pagani … „Ich hab’ ihn!“, ruft Patrizia und lässt mich zusammenfahren. Jahrgang 1879.

Kurz darauf überreicht Patrizia mir ein dickes Buch mit Ledereinband, in dem die Militärakte meines Urgroßvaters liegt. Beseelt grinse ich Patrizia an, als bedeute das Papier, dass ich von nun an auch mit ihr verwandt bin. So ähnlich fühlt es sich wirklich an: als ob ich und meine Familie in Hamburg hier jetzt irgendwie dazugehören. Schließlich führt dieses Land eine Akte über unseren Vorfahren.

Mir springt eine Randspalte ins Auge, die mit „persönliche Kennzeichen“ überschrieben ist. Antonio Perdoni hatte braunes Haar, braune Augen und gute Zähne. Geboren wurde er am 26. Oktober 1879 als Sohn von Ferdinando Perdoni und Maria Filippi. „Kann lesen und schreiben“, steht dort, dahinter ein „no“. Antonio war Analphabet. „Beruf: Landarbeiter“, lese ich laut. „Natürlich war er Landarbeiter!“, schnauzt der Direktor herüber. „Vernasca – was soll man da sonst gemacht haben?“ Wie die Feldarbeiter damals lebten, will ich wissen. „Grauenhaft, eine Miseria. Die Wirtschaft florierte, aber auf dem Rücken der Landarbeiter. Sie wurden ausgebeutet.“ Mir fällt eine Geschichte ein, die mir mein Vater mal erzählt hat: dass Antonio seinem Nachbarn ein Brot geklaut habe. Anscheinend nicht aus Spaß.

Neben den Kennzeichen steht eine Art Protokoll von Antonios Laufbahn in der Armee, ein Eintrag aus dem Jahr 1912 vermeldet: „Gilt als vermisst, weil er dem Ruf an die Waffen nicht folgt.“ Da war er längst fort. 1915 erklärte man ihn offiziell zum Deserteur. „Komisch, dass er nach Deutschland ging“, sagt der Direktor. „Die meisten gingen nach Südamerika oder in die USA.“ Warum entschied sich Antonio wohl anders? Wie stellte er es an, seinem Nachbarn das Brot zu klauen? Ich wüsste gern mehr über den Mann mit dem braunen Haar und den guten Zähnen.

Ich steige wieder ins Auto, die Landschaft wird bergig. Hinter einer Kurve taucht plötzlich Vernasca auf. Ein kleiner Ort auf einem Hügel, dicht gedrängte niedrige Häuser, dazwischen ein Kirchturm, der eine Wolke anzupiksen scheint. Ich fahre Serpentinen hinauf, vorbei an kahlgemähten Äckern. Als ich am Ortsrand zwei alte Frauen auf einer Bank sitzen sehe, halte ich.

Wie ich zur Via Palazzina komme, zu meinem Gasthaus? Die Frauen sind über 80, wenn nicht über 90. Die eine sieht zerbrechlich aus, ihr geblümtes Kopftuch fällt ihr leicht in die Stirn. Die andere ist stämmiger, zwei verbliebene Zähne kommen zum Vorschein, als sie den Weg beschreibt. Die zierliche Greisin fängt an zu erzählen. „Ich habe mein ganzes Leben in Vernasca verbracht.“ Auf den Feldern gearbeitet habe sie, „in terra“, sagt man auf Italienisch, „in der Erde“. Ob das hart war? Sie nickt. Ich erzähle von meinem Urgroßvater und dass er auch Landarbeiter war. „Wie heißen Sie?“, unterbricht mich die Stämmige. „Silvia Perdoni.“ Die zarte Frau legt ihre Finger vor den Mund. „Madonna!“, flüstert sie hindurch. Ihre Augen glitzern jetzt. Sie kennt meinen Nachnamen. Und anscheinend rührt sie die Geschichte. „Meine Freundin heißt Perdoni“, sagt sie. „Sie wohnt auf einem Bauernhof dahinten, vier Kilometer von hier.“

Ich starre sie an. Ich wusste, dass es in der Gegend Menschen mit meinem Nachnamen gibt, das hatte ich in einem veralteten italienischen Telefonverzeichnis im Internet gelesen. Aber dass mich meine Suche so schnell zu ihnen führen sollte, überwältigt mich doch.

Eine halbe Stunde später weiß ich, dass die Freundin der alten Frau nur eine von einer Menge Perdonis ist, die hier leben. Ich stehe mit Giovanni Ferrari im Garten seines Hauses, ein 66-jähriger Mann mit weißem Bart und einem warmen Funkeln in den Augen. Im oberen Geschoss liegt mein Gästezimmer. Durch Sträucher und Bäume hindurch deutet Giovanni in der Dämmerung auf die „colline dei Perdoni“, die „Perdoni-Hügel“ hinter dem Tal. Ja, richtig: Mehrzahl. Ich habe offenbar nicht ein paar potenzielle Verwandte gefunden, sondern verdammt viele. So viele, dass man die Perdonis hier scheinbar in Hügeln rechnet. Nur, welche sind die richtigen?

„Die Perdonis in dem Haus da hinten haben mit denen dort drüben nichts zu tun“, sagt Giovanni. „Und jene dort sind zerstritten mit den meisten anderen.“ Wie hilfreich, denke ich und schaue ins Tal. Mal grün, mal ockerfarben heften sich die Felder an die Hänge. Eine stille Welt, nur die knallblaue Fabrik im Tal stört das Bild. An ihr vorbei zieht ein Rinnsal Wasser. Das Flussbett, an das sich mein Vater erinnert.

Giovanni besteht darauf, mein Gesicht zu kennen. Zur Begrüßung hatte er bereits gesagt: „Perdoni? Das sieht man!“ Nach über 100 Jahren? „Doch, doch“, sagt er grinsend, „dein Gesicht kommt mir bekannt vor.“ Wir sitzen in seiner Küche, mit der linken Hand rührt Giovanni in einem Topf mit Pasta, die rechte steckt in der Hosentasche. Vor vielen Jahren verlor er bei einem Sägeunfall beinahe den rechten Arm. Seitdem hat er kein Gefühl mehr in der Hand. Ich halte die Flasche, während er den Wein entkorkt.

Auf dem Tisch steht ein Käseteller, ein herzhafter Fontina, ein cremiger Casciotta und natürlich Grana Padano, der berühmte parmesanähnliche Hartkäse. Den soll ich mit Honig essen. „Oft wird die Emilia-Romagna ja als der Bauch Italiens bezeichnet. Meiner Meinung nach sind wir aber der Bauch der Welt“, sagt Giovanni. „Hier gab es schon im Jahr 1000 eine Esskultur, wie man sie, glaube ich, nirgendwo anders findet. Die Salami, der Culatelloschinken – die Menschen hier wussten schon immer, wie man Produkte behandelt. Als ich jung war hat man von einem Schwein nichts weggeworfen. Sogar die Fußnägel hat man benutzt, um daraus Seife zu machen.“

Ich reiche Giovanni einen Familienstammbaum, den ich vorhin auf ein Blatt Papier gemalt habe. „Wovon hat Antonio in Deutschland gelebt?“, will Giovanni wissen. Ich erzähle, was ich weiß: von seiner Terrazzo-Firma, den Mosaiksteinchen, die ihn zu einem wohlhabenden Mann machten. Von dem Eiscafé, das er in den Dreißigerjahren eröffnete. Davon, dass er auf seinen Eiswagen „Anton Perdoni“ schrieb, um im nationalsozialistischen Deutschland weniger aufzufallen. Außerdem, dass seine Söhne in den Siebzigern alles in den Ruin wirtschafteten. Giovanni betrachtet das Fragezeichen, das ich neben Antonios Namen gemalt habe. Dorthin, wo in einem Stammbaum Geschwister stehen. „Morgen rufe ich Elena an“, sagt er.

Gut 14 Stunden später sitze ich in der einzigen Bar auf der Piazza von Vernasca und warte auf meine Tante dritten Grades. Mirella Perdoni heißt sie, ihr Großvater war Antonios Bruder. Giovannis Bekannte Elena hat sie gefunden, Elena arbeitet in der Verwaltung des Dorfs. Am Vormittag haben wir uns durch historische Dokumente gewälzt, durch alte Identitätskarten, die früher gleichzeitig Geburtsurkunde und Lebenslauf waren. Schnell waren die Kinder von Ferdinando Perdoni und Maria Filippi gefunden: Antonio und seine Brüder Giovanni, Giuseppe, Pietro und Luigi. Sie alle waren Landarbeiter, sie alle wurden in einem Haus in der Via Vincini 60 in der Kommune Vernasca geboren. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben eine italienische Großfamilie gewonnen!

Es folgten weitere Identitätskarten, die Kinder der Brüder. Dann wiederum deren Kinder. Am Ende standen sieben noch lebende Personen auf Elenas Notizzettel, sieben Tanten und Onkel dritten Grades. Eine davon war Mirella Perdoni. Die Enkelin von Giuseppe Perdoni ist die Einzige, die noch hier in der Gegend lebt. Und dazu praktischerweise eine Freundin von Elena. Ein Anruf, eine Verabredung. Nun warte ich.

Eine neue Tante ...

Die Glocke der Kirche auf der Anhöhe scheppert 14 Uhr, das Eisen erzittert bis unten auf die Piazza. Dann passiert mir Mirella. Oder ich ihr, wie sie ständig wiederholt. „Heute Morgen bin ich normal aufgestanden, und plötzlich habe ich eine deutsche Nichte. Guck, wie dich alle anstarren! Sei successo – du bist hier gerade passiert.“ Alle, das sind die drei Männer am Nachbartisch sowie Barbesitzer Stefano. Gut, die gaffen wirklich. Dennoch finde ich eher, dass Mirella mir passiert ist: ein Feuerwerk im pinken Poloshirt, das alle zwei Minuten von vorn abbrennt.

Sie umarmt mich, brüllt Stefano herbei, wir hätten etwas zu feiern, kramt in ihrer Tasche nach Zigaretten, drückt einen Anruf auf dem Handy weg, ordert ein Panino, ich müsse etwas essen, springt auf zum Nachbartisch, „schaut, meine Nichte ist aus Deutschland gekommen“, und umarmt mich wieder. In der ersten Viertelstunde sprechen wir über die Finanzkrise, das Schicksal, Silvio Berlusconi, Gott, Weinanbau, die Ehe und die Liebe, was laut Mirella zwei verschiedene Paar Schuhe sind.

Mirella ist 48 Jahre alt. Sie wohnt mit ihrem Mann Franco und ihren zwei Teenager-Söhnen Luca und Matteo im Nachbarort Lugagnano Val d’Arda. Ihre schwarzen Haare hat sie zu einem Zopf zusammengebunden. Es ist die Art Zopf, die nicht aus der Form gerät, wenn man Kindern hinterherrennt oder Wasserkisten schleppt. Mirella ist Hausfrau, Franco arbeitet als Mechaniker in einer Fabrik für Autoteile. „Wir sind nicht reich“, sagt meine neue Tante. „Aber wir besitzen Felder und Häuser, das ist wichtig. Komm, ich zeig’s dir!“ Sie springt auf, hakt mich unter und zieht mich zur Aussichtsplattform am Rande der Piazza. „Dort rechts das Dorf, das ist Lugagnano. Und da links, das orange Haus, das ist unsere Residenz in Vincini.“ Sie lacht laut. „Quasi unser Ferienhaus.“ Ganz allein steht es am unteren Hang.

„Ist das das Geburtshaus von Antonio? Via Vincini 60?“ unterbreche ich Mirella, die gerade erzählt, dass sie Luca seinen Roller weggenommen hat, so lange, bis er seine Schulnoten verbessert. „Hör’ zu, Liebes“, antwortet sie. „In Vincini standen früher mehr Häuser, heute gibt es dort keine Hausnummern mehr. Mein Vater wurde in diesem Haus geboren, ich wurde dort geboren. Und meine Schwester Vilma wollte mich direkt nach meiner Geburt aus dem Fenster werfen, das ist Liebe, oder? Na ja, es gab noch ein zweites Haus auf dem Grundstück, das steht heute nicht mehr. Und in einem der Häuser wird Antonio geboren worden sein, ja. Anderes Land hatten wir ja nie.“ Wir, damit meint sie auch mich. Und sie sagt das so selbstverständlich, wie sie sich eine zweite Zigarette anzündet, während die erste noch im Aschenbecher qualmt. Ich will in das orangefarbene Haus.

... und ein Stück Familiengeschichte

Wenig später rollen wir in Mirellas Jeep einen Kiesweg hinunter auf eine breite Auffahrt. Das Haus ist verputzt, die Farbe wirkt frisch. Auf dem Rasen steht eine Zielscheibe zum Bogenschießen. „Die gehört der Familie aus Mailand, die meinem Onkel seine Haushälfte abgekauft hat und am Wochenende hier ist. Aber sie treffen wirklich nie!“ Mirella lacht. Vor ihrer Haushälfte ist ein Pool aufgebaut. Zwischen Gestrüpp, strohigen Halmen und Wildblumen stehen Weinstöcke. Der untere Teil des Landes geht direkt über in die Kiesel des Flussbetts. Nur ein blaues Fabrikrohr trennt das Grundstück vom Wasser.

Diese Fabrik ist eine Tragödie, sage ich. Na ja, antwortet Mirella, „wir hier drüben hatten noch Glück: Die Fabrik stellt Zement her, und früher wehte der Zementstaub auf die gegenüberliegende Flussseite. Nicht zu uns, irgendwie lag das am Wind. Der Weizen auf den Feldern dort ging ein. Daraufhin baute man die Schornsteine höher, sodass der Staub über den Hügel hinwegweht.“ Ein ökologisches Bewusstsein, das seinesgleichen sucht, denke ich. „Heute gibt es natürlich besseren Schutz. Und die Menschen da drüben haben mehr Zement eingeatmet als wir.“ Mirella lacht und wackelt vergnügt ins Haus.

Wir setzen uns auf die Bänke vor dem Haus und sehen alte Fotoalben an. Ein Bild aus den Fünfzigern zeigt den Eingangsbereich, es gibt keine Tür, nur eine quadratische Öffnung zum Hindurchgehen. Die Fassade ist zusammengekleistert aus Steinen und Lehm. Holzlatten, ein Stoffsack und Schutt liegen vor dem Eingang.

Auf einem anderen Foto ist Giuseppe zu sehen, Mirellas Großvater und Antonios Bruder. Dann ihre Großmutter, draußen vor einem Waschbottich. Im Hintergrund Hühner und reihenweise Weinstöcke. Dann ein Pfau, der ein Rad schlägt. „Oh, diese Biester“, stöhnt Mirella. „Sie haben sich immer die Augen ausgepickt.“ Die Fotos zeigen ein bäuerliches Leben. Eine Welt, mit der italienische Ferienbauernhöfe heute werben. Doch niemand auf den Bildern lacht.

Ein Kärtchen liegt lose in dem Album, es ist die Todesanzeige von Giuseppe Perdoni. Er starb am 22. Februar 1952. „Berührt und dankbar für seine Zuneigung“ zeigen sich in dem Kärtchen seine Frau und seine acht Kinder. Und sein Bruder Antonio.

Mirella schenkt mir das Kärtchen. Von mir bekommt sie ein mitgebrachtes Foto des Eiscafés in Nienburg. „Ich habe mal eine Geschichte gehört als Kind“, sagt Mirella. „Von meinem Onkel Luigi. Wie er für eine Weile nach Deutschland ging und dort in einer Gelateria arbeitete.“ Immer wieder führt Mirellas Geschichte zurück zu denselben Orten wie meine. Ich fühle mich verbunden mit dieser schrillen, fremden Frau.

Zwei Tage später, es ist Abend: Ich sitze neben Mirella auf einer Bierbank auf dem Kirchenvorplatz von Vernasca, morgen früh geht mein Rückflug. Auf einer Bühne vor den Tischen spielt eine Rockband, der Ort feiert ein Sommerfest. Die Erwachsenen trinken Rotwein aus Plastikbechern und tauschen Makkaronirezepte und den neusten Klatsch aus. Kinder versuchen, die bunten Lichtkegel der Scheinwerfer zu fangen.

Mirellas Mann Franco sitzt mit am Tisch, genau wie Elena aus der Verwaltung und ihr Mann Mario. Außerdem Marica mit ihrer Tochter Giorgia, die heute Geburtstag hat, Giulia mit dem neuen Haarschnitt und Roberto, dessen Freundin in Bologna auf einer Hochzeit ist. Und all die anderen, die ich in den letzten zwei Tagen kennengelernt habe.

Seit unserer ersten Verabredung habe ich mit Mirella Pizza gebacken, ihre Kinder abgeholt, Fußball gespielt, mit ihren Freundinnen im Café gesessen und die Messe besucht. Habe Hände geschüttelt, Leute zum Abschied umarmt und später aufs Neue begrüßt. Gerade kursiert am Tisch das Foto von dem Eiscafé in Nienburg, das Mirella mit den Worten „das ist mein Restaurant in Berlin“ herumreicht. Weil ich inzwischen weiß, dass es bei Mirella nicht darauf ankommt, ob eine Geschichte wahr ist, sondern ob sie gut ist, grinse ich nur.

„A voi, ragazzi“ – „Auf euch, Jungs!“

Ob ich mit meinem Vater telefoniert habe, will sie wissen. Ja, habe ich. Besser gesagt: Ich habe geredet wie ein Wasserfall, habe alles erzählt, was mir hier passiert ist. Was er gesagt hat, fragt Mirella. „Dass er einen Italienischkurs machen will. Und dass es in Hamburg nieselt.“ „Iiiiihh, ich hasse Regen“, sagt Mirella. Ich erkläre ihr, dass es in Hamburg häufig nieselt, und wie schön es aussieht, wenn der Himmel so grau ist, dass er eins mit der Elbe wird. Wie gemütlich die Wohnung ist, wenn das Wasser über die Fensterscheiben läuft. „Aber du bist Achtel-Italienerin, wie kannst du den Regen mögen?“

Nein, denke ich. Ich bin Norddeutsche. Ich bin Labskaus. Und doch hat sich etwas geändert: Wo immer ein Fragezeichen war, ist jetzt Vernasca, dieses stille Dorf hinter den Hügeln, in dem die Erde, „la terra“, jahrhundertelang das Leben bestimmt hat. Und da ist Mirella, die mich so vorbehaltlos aufgenommen hat, dass es sich tatsächlich fast wie Familie anfühlt. Ich will wiederkommen, und sie hat versprochen, mich in Deutschland zu besuchen.

Für einige Sekunden wirkt Mirella nachdenklich, als überlege auch sie, was mein Besuch nun bedeutet. Dann blinken ihre Augen wieder vergnügt, als hätte ein Scheibenwischer in ihrem Kopf die Gedanken weggewischt. Sie hebt ihr Glas und winkt gen Himmel, wo sie Antonio und seinen Bruder Giuseppe verortet, unsere Großväter: „A voi, ragazzi“ – „Auf euch, Jungs!“