Auf der ganzen Welt gibt es Orte, die Berlin heißen. Oder zumindest "Berlin" in ihrem Namen tragen. Ein paar Städtchen und unzählige Dörfer, vor allem in den USA, Ranchos und Fincas in Südamerika, ein Vulkan in der Antarktis und ein Strand in Brasilien sind darunter.Aber: Wie viele Berlins gibt es genau? Diese Frage kann niemand beantworten. In den Neunzigerjahren sollen Geografen der Technischen Universität (TU) Berlin eine Liste mit 118 Berlins erstellt haben. Leider waren weder die Geografen noch die Liste an der TU aufzutreiben, das Geografische Institut gibt es dort inzwischen nicht mehr. Von 1995 hat sich der Fotograf Harry Hampel auf drei Reisen "Von Berlin über Berlin nach Berlin" begeben, sein gleichnamiges Foto-Buch erschien 1998 und ist vergriffen. Hampel besuchte um die 60 Berlins in Amerika, Afrika und Australien. Im Frühjahr 2005 begann der Radiosender Spreeradio die Suche nach allen Berlins wieder - und verband sie mit einem Gewinnspiel. 20 Berliner fuhren in ferne Berlins. Vor ein paar Tagen hat das Spiel von neuem begonnen, diesmal werden acht Berlin-Reisen verlost. Alle Recherchen und Statistiken aus dem Internet zusammengenommen, sind bisher weit mehr als hundert Orte mit "Berlin" im Namen bekannt.Auf WanderschaftWenn man Professor Udolph fragt, wie Berlin in alle Welt gekommen ist, erzählt er vom Rattenfänger von Hameln. Jürgen Udolph hat in Leipzig den einzigen deutschen Lehrstuhl für Namensforschung. Er kann nicht nur Familiennamen erklären, sondern auch, wie Ortsnamen wandern.Eigentlich ist es ganz einfach: "Wenn Menschen ihre Heimat verlassen und sich anderswo ansiedeln, benennen sie oft den neuen Ort nach ihrem alten." In großen Teilen des heutigen Deutschlands gab es bis zum 12. Jahrhundert vor allem Ortsnamen slawischen Ursprungs. Wie Berlin, dessen Name nach Meinung von Udolph und anderen auf slawisch so was wie "Sumpf" bedeutet. Danach kommt der Rattenfänger ins Spiel: "Wahrscheinlichste These für den Ursprung der Sage ist die deutsche Ostsiedlung" sagt Jürgen Udolph. Der Mann, der erst die Ratten, dann die Kinder aus der niedersächsischen Stadt lockte, soll ein so genannter Lokator gewesen sein. Solche Werber haben, bunt bekleidet und mit Flötenspiel, ab dem 12. Jahrhundert auf Marktplätzen die deutschen Landeskinder in den Osten gelockt.So dürften auch ein paar Berlins in den Osten Europas gekommen sein. Die meisten Berlins liegen aber nicht östlich der deutschen Hauptstadt, sondern tief im Westen: Auf dem amerikanischen Kontinent. Trotzdem - der Rattenfänger ist einfach ein Bild, um sich die Wanderungen der Deutschen und ihrer Ortsnamen vorzustellen, sagt Jürgen Udolph. Im 18. und 19. Jahrhundert brachen wieder hunderttausende Deutsche auf - diesmal in das, was sie Neue Welt nannten. Die Neue Welt lag jenseits des Atlantik und ihre Verheißungen sprachen sich schnell herum. Im 17. Jahrhundert waren die ersten Deutschen dahin aufgebrochen, Mennoniten oder Quäker, die ihren Glauben frei leben wollten. Ein Massenphänomen wurde die Auswanderung nach 1815. Jetzt durften auch Menschen weg, die keiner Minderheit angehörten. Und immer mehr wollten weg. Zuerst aus Süddeutschland, wo sie wegen Missernten hungerten. Später aus dem Norden, wo nach der Öffnung der Textilmärkte Weber und Spinner arbeitslos wurden. Zwischen 1881 und 1885 verließen eine Million Menschen das Deutsche Reich."Die Region Berlin/Brandenburg wurde vom Einwanderungs- zum Auswanderungsland", erklärt Günther Lottes, Direktor des Forschungszentrums Europäische Aufklärung in Potsdam. Im 18. Jahrhundert hatte Preußen erst die Hugenotten ins Land geholt. "Im 19. Jahrhundert gibt es einen Geburtenboom und immer mehr Menschen, die immer weniger Lebenschancen haben." Die Armut treibt sie fort: mit dem Zug nach Hamburg oder Bremerhaven, dann per Schiff nach Amerika. Die Namen ihrer Orte nehmen sie mit. Oder der Orte, mit denen sie sich identifizieren. Sicher seien viele Berlins von Ur-Berlinern gegründet worden, sagt Namensforscher Udolph. Aber es gäbe Ausnahmen: "In Australien gibt es ein Heidelberg, das haben Leute gegründet, für die Heidelberg der Inbegriff eines schönen deutschen Namens war." Klaus J. Bade vom Institut für Migrationsforschung in Osnabrück sagt: "Die Symbolkraft des Namens war wichtig. Wer aus einem kleinen Dorf in Preußen kam, nahm lieber den Namen Berlin." Aus der Stadt selbst seien die Leute gar nicht massenhaft weggegangen.Als die USA nicht mehr alle nimmt, die aus Deutschland weg wollen, weichen die Auswander aus. "Nach beiden Weltkriegen nimmt die Auswanderung nach Südamerika stark zu", sagt Migrationshistoriker Bade. Deutsche ziehen nach Brasilien, Argentinien oder Chile. Je dünner eine Region besiedelt ist, desto eher können sie noch neue Orte gründen. "Die Symbolkraft des Namens Berlin nahm aber nach 1945 stark ab", sagt Klaus J. Bade. Während des Zweiten Weltkriegs fliehen viele vor den Nazis, danach vor den Alliierten. Nur wenige Länder nehmen überhaupt noch Deutsche. Kolumbien etwa. Dort gibt es besonders viele Berlins. Das muss nicht heißen, das alle von alten Nazis gegründet wurden. Gerade über die Berlins in Kolumbien ist ziemlich wenig bekannt.------------------------------Karte: In Asien und Afrika sind fast gar keine Berlins bekannt. Das heißt nicht, dass dort nie Deutsche hinzogen. Asien war vermutlich schon dicht besiedelt, so dass es keine Orte zu benennen gab. Afrika ist wahrscheinlich schlecht erforscht.------------------------------Karte: In den USA und Südamerika liegen die meisten Berlins. Wie viele in dem jeweiligen US-Bundesstaat oder Land bekannt sind, gibt die Zahl in den Klammern an. Haiti (1) heißt, dass es dort ein Berlin gibt. Die roten Punkte zeigen die Verteilung der Berlins an.------------------------------Foto: In Argentinien gibt es zwei kleine Orte namens Berlin. Einer liegt auf 4 300 Metern im Andenhochland. Auf dem Bild ist das niedrigere argentinische Berlin zu sehen, das in der Provinz Jujuy liegt - auch nicht gerade Flachland.------------------------------Foto: In Connecticut, USA, fand Radiohörer Olaf Scholz ein Berlin und fotografierte seine Freundin.------------------------------Foto: : In Kanada gibt es ein Berlin. Das hat allerdings eine Ost- und eine Westhälfte. Auf dem Foto ist West-Berlin zu sehen.