Die Hamburger Staatsanwaltschaft gab gestern bekannt, daß gegen "eine Vielzahl von Polizeibeamten" Ermittlungen wegen Körperverletzung, Nötigung und Freiheitsberaubung eingeleitet worden sind.Der sogenannte Hamburger Polizeiskandal, der im Herbst vergangenen Jahres den damaligen Innensenator Werner Hackmann (SPD) zum überraschenden Rücktritt genötigt hatte, strebt einem neuen fatalen Höhepunkt entgegen. Zeugen haben den Ermittlungsbehörden von schier unglaublichen Zwischenfällen berichtet, unter anderem von zwei Scheinhinrichtungen, mit denen Polizisten Farbige gequält haben sollen. Sie sollen den Schwarzen jeweils eine Pistole an den Kopf gesetzt haben, in einem Fall habe einer der Beamten zeitgleich einen Schuß ins Leere abgegeben. Bereits 200 Zeugen hat die Staatsanwaltschaft vernommen. Unter ihnen befand sich offenbar ein "Kronzeuge", ein Beamter, der sich an der berühmt-berüchtigen Wache 11 am Hauptbahnhof auskannte und "auspackte".Das Bahnhofsviertel St. Georg gilt als Drogenumschlagsplatz Nr. 1 in der Elbmetropole. Asylbewerber aus Schwarzafrika betätigen sich häufig als Kleindealer. Seit Jahren herrscht Frust unter den hier auf Wache 11 stationierten Beamten, die sich auch häufig wüste Beschimpfungen seitens der Festgenommenen gefallen lassen müssen. Nach den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft hat der "Kronzeuge", der zwei Jahre lang auf Wache 11 gearbeitet hat, unter anderem geschildert, wie ein Polizist sechs nackte Schwarze in einer Sammelzelle mit einem Tränengas besprühte und die Zellentür dann abrupt schloß. Weiteren rund 60 Beamten wird Freiheitsberaubung vorgeworfen, die sich ebenfalls vorwiegend gegen Ausländer richtete. Der Chef der Landespolizeischule, Manfred Bienert, soll seine Vorgesetzten schon im April vergangenen Jahres auf disziplinar- und strafrechtlich relevante Verhaltensweisen von Polizisten hingewiesen haben. Konsequenzen aber gab es keine. +++