BERLIN, 21. März. Der Unfalltod des 1979 in die Bundesrepublik geflohenen DDR-Fußballers Lutz Eigendorf ist möglicherweise durch einen Anschlag der Stasi herbeigeführt worden. Zu diesem Schluss kommt der Kölner Fernsehjournalist Heribert Schwan nach der Lektüre von MfS-Unterlagen und Gesprächen mit ehemaligen Stasi-Offizieren. Die Berliner Staatsanwaltschaft hatte bereits im Juni 1998 ihre Ermittlungen zum Todesfall Eigendorf wieder aufgenommen, die fünf Jahre zuvor ergebnislos eingestellt worden waren. Nach Auskunft eines Sprechers waren neue Hinweise aus Stasi-Akten Anlass, das Verfahren wieder zu eröffnen. Bei den Ermittlungen wird auch der Frage nachgegangen, ob Eigendorf vor seinem Unfall Gift beigebracht worden ist. Aus diesem Grund prüfe man derzeit die Möglichkeit, die Leiche des Fußballers zu exhumieren, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft.Keine "harten Beweise"Der frühere DDR-Nationalspieler Eigendorf, der bis zu seiner Flucht im Stasi-Fußballklub BFC Dynamo kickte, war Anfang März 1983 bei einem Verkehrsunfall in Braunschweig ums Leben gekommen. In seinem Buch "Tod dem Verräter!" und der gleichnamigen Fernsehdokumentation, die die ARD am heutigen Mittwochabend ausstrahlt, räumt Autor Schwan allerdings ein, für seine These vom Auftragsmord der Stasi keine "harten Beweise" zu haben. Kernstück seiner Indizienkette ist ein handschriftliches Dokument vom 19. September 1983, das kürzlich in der Gauck-Behörde aufgefunden worden ist und in dem der Name Eigendorf auftaucht. Das Papier stammt aus einem 32seitigen Konvolut der für "Terrorabwehr" zuständigen MfS-Hauptabteilung XXII, in dem es um Fallbeispiele des Einsatzes chemischer Substanzen wie Gase und Gifte geht. In dem handschriftlichen Dokument mit der Überschrift "Für Personengefährdung" heißt es an einer Stelle: "z.B. E - was im Raum führt langfristig zum Tode?". Einige Zeilen weiter heißt es: "Unfallstatistiken? von außen ohnmächtig? verblitzen, Eigendorf". Für TV-Autor Schwan ist dieses Dokument "bislang der einzige schriftliche Hinweis darauf, dass der Tod Eigendorfs bewusst herbeigeführt worden ist". Nach seiner Theorie lauerte ein Stasi-Spitzel Eigendorf am späten Abend des 5. März 1983 vor dessen Stammkneipe auf und flößte ihm unter Todesdrohungen mit Gift versetzten Alkohol ein. Nach einer Stunde habe der IM Eigendorf ziehen lassen, der daraufhin in Todesangst nach Hause raste. An einer leichten Rechtskurve habe ein zweiter Stasi-Mann in einem Fahrzeug gelauert und Eigendorf durch plötzliches Aufblenden eines Scheinwerfers "verblitzt". Der Fußballer habe daraufhin die Gewalt über sein Fahrzeug verloren und sei an einen Baum gerast. Drei Tage nach dem Unfall erlag Eigendorf seinen schweren Kopfverletzungen. Beweise für diesen Hergang kann Schwan nicht liefern. Geldprämie am TodestagAls weitere Indizien für seine Mordtheorie benennt er aber neben dem handschriftlichen Dokument noch die Tatsache, dass der für die Überwachung Eigendorfs im Westen zuständige Oberstleutnant Heinz Heß am Todestag des Fußballers eine Geldprämie in Höhe von 1 000 D-Mark kassierte. Auch der von Heß geführte Spitzel "Klaus Schlosser", hinter dem sich laut Schwan der frühere DDR-Leistungsboxer Karl-Heinz Felgner verbarg, habe in den Wochen vor dem Tod Eigendorfs insgesamt 2 300 D-Mark erhalten, eine ungewöhnlich hohe Summe. Zudem seien die IM-Berichte Felgners aus den Jahren 1980 bis 1983 aus dessen Akte entfernt worden. Die Stasi hatte Felgner in den Westen "übersiedeln" lassen, um ihn in der Nähe Eigendorfs zu platzieren, was auch gelang. Das MfS begründete die Entnahme der IM-Berichte aus Felgners Akte später mit darin enthaltenen Angaben "zu spezifischen Aufgabenstellungen". Mit dieser Bezeichnung wurden beim MfS unter anderem Mord- und Terroranschläge versehen.DER FALL EIGENDORF Bisher ergebnislose Ermittlungen // Lutz Eigendorf war DDR-Fußballer beim BFC Dynamo in Ost-Berlin. Nach einem Freundschaftsspiel am 20. März 1979 in Kaiserslautern setzte sich der 22-Jährige ab und bat um politisches Asyl.Er spielte bis zum Juni 1982 beim 1. FC Kaiserslautern und wechselte dann nach Braunschweig. In all den Jahren wurde er von der Stasi beschattet.Am 5. März 1983 verunglückte Lutz Eigendorf mit seinem Alfa Romeo. Drei Tage später stirbt der 26-Jährige an den schweren Kopfverletzungen.Als Unfall-Ursache wurde 2,2 Promille Alkohol im Blut angegeben und das Verfahren daraufhin eingestellt. Alle Klagen von Eigendorfs zweiter Ehefrau Josephine wurden abgewiesen.Die Staatsanwaltschaft Berlin nahm 1990 Ermittlungen in dem Fall auf, stellte sie jedoch ergebnislos wieder ein.