Berlin - Es mag ja sein, dass der Premierminister von Kambodscha gerade in Bhutan weilt. Doch die Zeitungen in dem kleinen südasiatischen Königreich haben auf ihrer ersten Seite Wichtigeres zu berichten. „Älteste Touristin besucht Bhutan“, meldet Kuensel, die wichtigste Zeitung des Landes, das an Indien und Tibet grenzt und von den hohen Bergen des Himalaya geprägt ist.

Die älteste Touristin ist eine Berlinerin: Eleonore Kastner, Jahrgang 1910, hat sich auf die weite Reise gemacht und besucht das Königreich. Morgen kehrt sie nach Reinickendorf zurück, wo die 101-Jährige gemeinsam mit ihrem Enkel Günther wohnt.

Dem 50 Jahre Jüngeren ist es zu verdanken, dass seine Oma die Reise machen kann. Seit fünf Jahren arbeitet er auf der Internationalen Tourismusbörse ehrenamtlich am Stand von Bhutan. Seine Großmutter nahm er oft mit, sehr zur Freude des bhutanischen Tourismusministers.

„Ich bin alt, aber ich bin gesund“

„Er fand es toll, wie rüstig meine Oma ist und dass sie immer lächelt“, sagt Günther Kastner, der sie auf der Reise begleitet. Der Minister lud Eleonore Kastner in seine Heimat ein, in der die Lebenserwartung bei gerade mal 66 Jahren liegt. „Oma Ella“, wie sie gerne genannt wird, hat sofort zugesagt.

Am 5. Juli flogen Oma, Enkel und dessen Lebenspartner erstmal nach Thailand, zum Eingewöhnen. Von Bangkok aus ging es weiter zum einzigen internationalen Flughafen Bhutans, Paro. „Meine Oma hat während des Flugs viel geschlafen und war hinterher fitter als wir“, sagt der Enkel. Was sie aber am Flughafen erwartete, hat die gebürtige Bayerin überrascht.

Fernsehteams filmten ihre Ankunft, Vertreter des Außenministeriums standen mit Blumen bereit. „Ich bin alt, aber ich bin gesund“, ließ sie ihren Enkel für die Kameraleute ins Englische übersetzen. „Und ich bin froh, dass ich immer noch reisen kann.“ Aus dem Fernsehen wussten denn auch viele der 700.000 Einwohner des Landes vom Besuch der alten Dame.

Hundertjährige wie Heilige verehrt

„Die Leute auf der Straße erkennen sie. Sie bitten sie, für sie zu beten und ihren Babys über den Kopf zu streichen. Das soll Glück bringen“, erzählt der Enkel. In dem buddhistischen Land, so hat man es ihm gesagt, werden über Hundertjährige wie Heilige verehrt. Sie seien etwas Besonderes, weil sie dem Himmel sehr nah seien.

Der Premierminister des Landes, Jigme Thinley, lud Eleonore Kastner zu sich in den Regierungspalast in der Hauptstadt Thimphu ein. Für den Empfang wurde ihr die Nationaltracht der bhutanischen Frauen angelegt, ein knöchellanges Kleid namens Kira. Es sei ihm eine Ehre, so eine alte Dame zu treffen, sagte der Premierminister und gab ihr zum Abschied einen Kuss auf die Wange.

Tags darauf war Oma Ella bei der Königin des Landes, Ashi Tshering Pem Wangchuck, eingeladen. Die empfing in ihren Privatgemächern und durfte sich über deutsche Mitbringsel freuen: Biersenf und ein Tischset mit Bildern aus Bayern. Ihre Majestät war besonders an einem interessiert: Wie wird man über 100 Jahre alt? „Positiv denken, die Wahrheit sagen und nicht so viel Alkohol“, war die Antwort.

Regelmäßig Gymnastik

Wobei die alte Dame auch erwähnte, dass sie gern mal süßen Likör trinke. Die Königin ließ Teigtaschen servieren. Oma Ella aß auf, obwohl sie auf Anraten ihres Arztes nur ihre mitgebrachte Seniorenkost aus der Apotheke essen sollte. „Bei der Königin kann ich ja wohl nicht das Essen verweigern“, raunte sie ihrem Enkel zu.

Eleonore Kastner, von deren vier Kindern nur noch ein Sohn lebt, hat viel gesehen in der einen Woche. Sie hat Tempel, Schulen und Buddha-Statuen besucht. Die 101-Jährige macht regelmäßig Gymnastik. So kann sie, auch wenn sie viel im Rollstuhl sitzt, immer noch reisen.

Seit 1988 ihr Mann starb, ist sie viel unterwegs gewesen, in Indien, China, den USA und auf den Bahamas. „Ich sehe gern neue Sachen und bin gern unter Menschen“, sagt sie. In Bhutan ist sie übrigens schon 102 Jahre alt: Die Zeit im Mutterbauch wird im Königreich mitgezählt.



Berliner Zeitung, 20.07.2011

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