Der Heidelberger Professor Werner W. Franke,Abteilungsleiter am Deutschen Krebsforschungszentrum, hat im Auftrag des Deutschen Bundestages die Expertise zur "Funktion und Instrumentalisierung des Sports in der DDR" mit dem Thema "Pharmakologische Manipulationen und die Rolle der Wissenschaft" erstellt. Er veröffentlicht in dieser Serie der Berliner Zeitung zum erstenmal in großem Umfang seine Doping-Erkenntnisse. Im vierten Teil geht es um die Doping-Praxis bei Minderjährigen, ein besonders dunkles Kapitel der Sport-Geschichte. 13- bis 15jährige Schwimmerinnen wurden mit Oral-Turinabol behandelt, ohne ihr Wissen und ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit. Ein Praxis, die in beiden deutschen Staaten geübt wurde. Systematisch wurden auch deren Eltern darüber belogen. Darüberhinaus wurden Schwimmerinnen auch Aufputschmittel verabreicht. Eine KJS-Schülerin, die von ihrem Trainer Anabolika bekommen hatte, fiel bei einer routinemäßigen ärztlichen Untersuchungen durch Wachstumsstopp, Stimmveranderung und ausbleibende Menstruation auf.Bei den pharmakologischen Manipulationen des Dopings im DDRSport wurden nicht nur Regeln und Gesetze des internationalen Sports verletzt, sondern auch mehrere ethische Grenzen -- ärztliche wie allgemein humane- überschritten. Solche Überschreitungen und Verbrechen kamen auch in "kapitalistischen" Ländern vor, dort aber nicht systematisch als politisches Programm, sondern als Taten einzelner skrupelloser Trainer und Ärzte.Bei der Beseitigung der Dokumente des Minderjährigen-Doping in der DDR war man daher besonders gründlich. Diese Verabreichungen, obwohl in der DDR wie in der BRD unzweifelhaft strafbar und -- besonders stark bei Mädchen -- mit dem Risiko bleibender Schäden verbunden, wurden bisher weder von den Organen des Staates, noch von den Sportverbänden des "gesamten" Deutschlands aufgeklärt.Schweigen der ÄrzteAuch findet man in beiden offiziellen Berichten (1991) von DSB und NOK, dem der "Reiter-Kommlsslon" und dem der "Richthofen-Kommission", keine Erwähnung des systematischen Dopings von Minderjährigen. Das Schweigen des Staates und der hier ebenfalls angesprochenen Ärztekammern ist aber wohl zumindest teilweise dadurch erklärbar, daß Inzwischen viele der DDRVerantwortlichen weiter und kommentarlos als Ärzte tätig sind bzw. im deutschen Sport bereits wieder wichtige Funktionen erfüllen und daß es auch in der BRD stille Anwender gab.Und gar nicht so stille Befürworter dieser menschenverachtenden Praxis wie den langjährigen Präsidenten des Deutschen Schwimmverbandes, Harm Beyer, der das Hormondoping minderjähriger Mädchen nur von der Zustimmung der Eltern abhängig machen mochte und unter dessen Präsidentschaft nachweislich 14und 15jährige Schwimmerinnen in der Bundesrepublik mit androgeners Hormonen behandelt worden waren -- so z. B. die Fälle Nicole Hasse und Jutta Kalweit aus Bonn bzw. Essen. Und auch den erst kürzlich eingestandenen Fall der damals 14jährigen Christel Justen, der späteren Weltrekordlerin Im Brustschwimmmen, die von dem Aachener Trainer Vandenhirz mit Dianabol gedopt wurde.Durch den Erhalt einiger Schlüsseldokumente Ist Jedenfalls heute bewiesen, daß seit Beginn der 70er Jahre Im Sport der DDR Kindern bzw. Jugendlichen zwischen zwölf und 18 Jahren hochpotente, körper- und persönlichkeitsverändernde Arzneimittel zum Zwecke des Dopings verabreicht wurden, so systematisch wie heimlich.Auch die Zustimmung der Eltern wurde -- entgegen gelegentlichen Falschbehauptungen nicht eingeholt. Inder Regel wurden diese Mittel den Kindern und Jugendlichen durch Lügen und nebulöse Verharmlosungen untergeschoben, meist als "Vitamine" oder "allgemeine Stärkungsmittel".Nur in Ausnahmefällen -- meist bei medizinisch oder naturwissenschaftlich gebildeten Eltern oder Beratern -- erfuhren die jungen Sportler, was ihnen da verabreicht wurde, wie z. B. in den öffentlichen Aussagen der Langstreckenläuferin Uta Pippig, des Dreisprungers Jörg Elbe, der Schwimmerinnen Christiane Knakke-Sommer und Rica Reinisch, des Schwimmers Raik Hannemann und des Schwimmtrainers Michael Regner belegt.Vor allem im Schwimmen war das Androgen-Doping junger Mädchen ab spätestens 13 bis 15 Jahren die Regel. So findet man selbst in den spärlichen Aktenresten des DTSB im Bundesarchiv (Außenstelle Berlin in der Ruschestraße) formelle Dopingplan-Vorgaben für die DDRSchwimm-Mädchen, darunter so prominente Namen wie Petra Thümer, Ulrike Tauber, Andrea Pollack, Barbara Krause, Birgit Treiber und Antje Stille: "Der Verbandsarzt wird beauftragt, mit den Sektionsärztendie Wiederherstellungstherapie, die Beeinflussungspragramme und die U.M.-Konzeption auszuarbeiten und Maßnahmen für die Realisierung einzuleiten."Besonders Im Schwimmverband der DDR sind die Mädchen in der Regel mit 13 bis 15 Jahren erstmals -- und von da an ständig in ihrer sportlichen Laufbahn -- mit androgenen Steroiden behandelt worden -- und zwar nach einer verbindlich festgelegten Dopingkonzeption des Schwimmverbandes DSSV.StaatsplanthemaSo findet man noch in der Spätzeit der DDR offizielle Berichte der Arbeiten zum "Staatsplanthema 14.25" vom September 1988. Darin erfährt man,daß Im DSSV Mädchen Im Alter von 14 bis 15 Jahren systematisch mit dem Dopingmittel Oral-Turinabol behandelt wurden,daß es dafür sogar eine verbindliche "Verbandskonzeptlon" des DSSV mit einer Tagesdosis von 7,5 bis zehn Milligramm und einer Jahresdosis von bis zu 670 Milligramm gab, -- daß sich die Autoren einer speziellen Anwendungsstudie, die Leipziger Doktoren Günter Rademacher und Günter Baumgart, der besonderen gesundheitlichen Risiken des Androgen-Dopings bei so Jungen Mädchen sehr wohl bewußt waren. Doz. Dr. Rademacher Ist heute als Arzt tätig, Dr. Baumgart als Verbandstrainer beim Württembergischen Schwimmverband angestellt.Belogene ElternBeim Hormondoping der Schwimm-Mädchen gingen einige Kollegen aber selbst dem SMD-Chefarzt Höppner entschieden zu weit. So kritisiert der "IM Technik" der Stasi gegenüber besonders den Chefarzt des Schwimmverbandes, Dr. Lothar Kipke, nicht nur, weil er die Schwimm-Mädchen und ihre Eltern systematisch belog, so bereits 1974: "In Vorbereitung auf die Europameisterschaften im Schwimmen war augenscheinlich, daß K. in der Anwendung von unterstützenden Mitteln zu weit gegangen ist. Er wurde daraufhin ... zur Rede gestellt, und (es wurde) u. a. die Festlegung getroffen, den Eltern der noch jungen Sportler mitzuteilen, daß ihre Kinder lediglich eine Vitaminbehandlung erhalten."Auch während der Olympischen Spiele 1976 in Montreal fiel Höppner Kollege Kipke wieder auf: "Der Verbandsarzt Schwimmen Dr. Kipke, welcher dieses Präparat (das In die Herzgegend zu injizierende Thiooctacid) bereits eigenmächtig seit einigen Jahren angewandt hat, legtbeim Spritzen eine regelrechte Brutalität an den Tag. Es gibt auch keine Ehrlichkeit gegenüber den Schwimmerinnen, da zum Teil Ihnen gesagt wird, daß es sich lediglich um Vitaminspritzen handeln würde. Dies wurde auch durch Dr. Tolkmitt (SHB Karl-Marx-Stadt) in der Vorbereitung in Kienbaum bestätigt."Auch kritisierte Höppner -- zumindest in seinen Berichten an die Stasi -- daß zum obligatorischen Schlucken der Oral-Turinabol-Tabletten zusätzliche Depot-Hormonpräparate gespritzt wurden, so z. B. bei einer Kollegin des SC Magdeburg:"Es wurde bekannt, daß die Schwimmerin des SC M, Antje Stille, ohne Genehmigung durch die zuständige Sektionsärztin Frau Dr. Mewis gespritzt wurde und dadurch In der Lage war, in der letzten Zeit Weltrekorde aufzustellen. Diese Festlegung wurde zwischen der Sektionsärztin und dem Trainer in der Stille getroffen. Beide Personen ... sahen in der Durchführung dieser Maßnahme In erster Linie Ihren eigenen Vorteil."Geradezu sensationell sind aber Höppners Stasi-Bekenntnisse, daß die Schwimm-Mannschaft, also auch die Schwimm-Kinder, bei bestimmten wichtigen Wettkämpfen mit Methamphetaminen ("Speed") aufgeputscht wurden, so z. B. bei Schwimmländerkämpfen der DDR gegen die USA: "Nach den jetzt vorliegenden Ergebnissen hat sich unser Hinweis bestätigt, indem In den Befunden klassische Dopingmittel aus der Pervitinreihe festgestellt wurden."Eine offenbar für die Entwicklung des Doping bei Minderjährigen besonders wichtige Sitzung der gemeinsamen "Leistungssportkommission" (LSK) des ZK und der Ministerien fand am 02.03.19 77 statt. Das Protokoll des "IM Technik" ist hier sogar teilweise als Dialog geschrieben:"Von mir wurde dargelegt, daß die für 1977 verteilten Leistungsaufträge an die Sportverbände bei Verzicht auf die Anwendung von u. M. Insbesondere aber anabole Hormone, nicht voll realisiert werden können und die Verbandstrainer und Jugendtrainer die Mediziner zur Anwendung dieser Mittel nötigen.Antwort des Gen. Ewald: Die Verbände müssen doch nicht überall hinfahren und teilnehmen. Nur Medaillen 1980 zählen.Einwurf dazu vom Gen. Röder (DTSB-Vizepräsident): Gen. E., wir brauchen aber schon Internationale Spitzenleistungen und Siege auch im Jahre 1977.Zwischenfrage von mir an Gen. E. wie z. B. die Schwimmer und Leichtathleten 1977 auftragsgemäß Ihre Länderkämpfe, Europa- und Weltpokalwettkämpfe gewinnen sollen, wenn auf die Anwendung von u. M. verzichtet werden soll, denn mit dem Training allein reicht es nicht.Keine AntwortAntwort von Gen. E.: Keine -- betroffenes Schwelgen.In einer weiteren Anfrage machte Ich darauf aufmerksam, daß wir uns entscheiden müssen, wie wir uns zukünftig mit der Anwendung von anabolen Hormonen bei den noch recht jungen Schwimmerinnen verhalten sollen, die Ja In Ihrem höchsten Leistungsalter im Verhältnis zu den anderen Sportlerinnen relativ sehr, sehr jung sind.Auf diese Anfrage wurde keine konkrete Antwort gegeben, geschweige denn eine Festlegung getroffen.Lediglich Gen. Buggel (Prof. Dr. Ehrenfried Buggel. damals Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaft der LSK, Red.) äußerte sich wie folgt: Es ist sehr problematisch.Alle übrigen schauten zu Boden, Gen. E. äußerte sich nicht.Daraufhin richtete ich wie in der Vergangenheit nochmals die Bitte an Gen. E. seinen Einfluß auf Presse und Fernsehen geltend zu machen mit dem Ziel, daß Sportlerinnen mit besonders hervorragenden Stimmveränderungen (sog. Anabolika-Baß, Red.) nicht mehr In den Vordergrund bei Interviews gestellt werden.Gen. E. antwortete: Was soll diese unlogische Forderung. Du hast selbst Anabolika gegeben, und ich soll jetzt die Leute bei den Interviews zurückhalten.Diese Antwort wurde von den Teilnehmenden mit allgemeiner Heiterkeit aufgenommen, aber eine konkrete Antwort erhielt Ich nicht."Minderjährigen-Doping war aber auch in vielen anderen Sportarten üblich. So gibt es viele Inzwischen mit schriftlichen Dokumenten belegte Beispiele aus der Leichtathletik, wo die Mädchen meist mit 16 Jahren "angedopt" wurden. Beispielsweise die Speerwurf-Junloren-Europameistern 1987 Anja Reiter, die mit dem leicht nachzuweisenden Depot-Turlnabol gespritzt wurde (Trainerin der Hallenser Speerwerferinnen war damals wie heute DLV-Bundestrainerin Maria Ritschel).Auch Nationalkader-Turnmädchen wurden mit androgenen Hormonen gedopt, sogar mit dem besonders stark androgenen (vermännlichenden) illegalen Präparat "STS 646", eine Maßnahme, für die in den Protokollen des Leipziger FKSProfessors Winfried Schäfer die noch heute dort amtierende Turn-Ärztin Dr. Gudrun Fröhner als verantwortlich angegeben ist.Auch im Kanu- und Rudersport war das Hormondoping junger Mädchen üblich. In einzelnen Fällen wurden aber auch Trainer erwischt, die den "Stoff" noch früher und ohne Erlaubnis des SMD gaben. So schildert "IM Technik" einen Fall aus Berlin:Der Trainer des SC Grünau, der ehem. Weltmeister im Kanu, Niederberger o. ä. hat unberechtigterweise Anabolika von Sportlern der Leistungsstufe 111 während deren Krankheit abgezweigt und diese an Sportler der Leistungsstufe II (KJS-Schüler) verabreicht. Eine KJS-Schülerin, welche in Behandlung bei Prof. Dr Grossmann von der Charité ist, fiel dort auf, da sie im letzten Jahr nicht mehr gewachsen ist, Stimmveränderungen hatte und bei ihr die Regel ausgeblieben war. Daraufhin befragte Prof. Dr. Grossmann diese KJSSchülerin, und diese gab zu, daß ihr Trainer ihr Tabletten verabreicht hat. G. setzte sich daraufhin sofort mit der Leitung der SMD In Verbindung, und es wurden Voraussetzungen getroffen, daß darüber keine weiteren Personen Kenntnis erhalten."FlachendeckungSchließlich mußten die Anabolika-Sportärzte des SMD feststellen, daß beim Nachwuchs fast aller Sportarten hormonell gedopt wurde, auch ohne Genehmigung und wirklich "flächendeckend" und selbst bei Kindern unter 14 Jahren, dort vor allem von ehrgeizigen Trainern an den sogenannten "Trainingszentren" (TZ) für die Vor-KJS-Jahrgänge."IM Technik": "In diesem Zusammenhang informierte der IMV, daß man in der sportmedizinischen Unterstützung offensichtlich gegenwärtig noch die einzige Möglichkeit für weitere Leistungssteigerungen sieht. Augenfällig war dies selbst bei der Spartakiade, wo ein großer Teil, selbst Sportler noch im Kindesalter, bereits angefüttert worden sind. Besonders fiel der Bezirk Schwerin auf, welcher zu früheren Spartakiaden keine Rolle gespielt hat. Der IMV hob in diesem Zusammenhang besonders die Aktivitäten der Trainer hervor, die von den Ärzten verlangen und zum großen Teil auch durchsetzen, alle erlaubten und unerlaubten Mittel einzusetzen. Letztlich hängt davon Ihr Prämienanteil ab, der wesentlich höher ist als der der Ärzte." Lesen Sie morgen: Wie mit der Doping-Praxis gegen geltendes DDRRecht verstoßen wurdeRica Reinisch -- mit 14 Jahren Olympiasigerin, mit 16 Jahren beendete sie aus Angst ihre Karriere. Ulrike Tauber gehörte zu den jungen Schwimmerinnen, für die ein ärztliches Doping-Programm und eine anschließende Wiederherstellungstherapie konzipiert wurden. Foto: Archiv