Staatssekretärin beobachtet wachsende Kritik an Kinderlosen: Schluss mit lustig: Berlins Singlekultur bekommt Gegenwind

Die vielen Berliner Frauen ohne Mann und Kind konnten sich bisher ziemlich trendig fühlen. Da konnte der einzige Singlemann auf der Hochzeit des Ex-Freundes ruhig der Pfarrer sein. Nicht so schlimm, modernen Medien-Heldinnen wie Ally McBeal oder Bridget Jones ging es schließlich auch so.Doch inzwischen, da auch die letzte Talkshowmoderatorin der Schreck übers Ausmaß des deutschen Bevölkerungsschwunds ergriffen hat, bekommen Großstadtsingles immer mehr Gegenwind, oft sogar von Geschlechtsgenossinnen. Die Autorin Susanne Gaschke regt sich in ihrem neuen Buch "Die Emanzipationsfalle: Erfolgreich, einsam, kinderlos" über den Single-Lebensstil auf. Angesichts der Medien-Norm "Singletum, Schlankheit, neue Härte" kämen Familienfrauen zu kurz.Dass kinderlose Frauen derzeit viel Kritik abbekommen, bemerkt auch die bewusst kinderlos gebliebene Berliner Staatssekretärin für Arbeit und Frauen, Susanne Ahlers, die kein Single ist: "Der gesellschaftliche Druck auf kinderlose Frauen steigt. Das merkt man etwa daran, dass einer Frau wie Angela Merkel ihre Kinderlosigkeit vorgeworfen wird." Eigens untersucht hat man in der Senatsverwaltung den Gebärstreik der Großstadtfrauen aber noch nicht.Fakt ist ein überdurchschnittlicher Nachwuchsmangel in Berlin - trotz guter Kinderbetreuung: Während im Bundesschnitt die Geburtenrate bei 1,4 Kindern pro Frau liegt, beträgt sie in Berlin 1,2 - auch wenn die vielen Kinderwagen in Prenzlauer Berg einen anderen Eindruck erwecken. Fakt ist auch, dass in Berlin deutlich mehr Frauen zwischen 25 und 45 allein leben als im restlichen Bundesgebiet, darunter wohl überdurchschnittlich viele Akademikerinnen.Doch sind die vielen allein lebenden Frauen im besten Mutteralter nun auch besonders einsam, wie Gaschke behauptet, weil sie vergeblich den perfekten Mann suchen? Der Soziologe Bernd Kittlaus, der die Webseite www. single-generation.de betreibt, widerspricht: Ledigsein sei weder mit Partnerlosigkeit noch mit Unglücklichsein identisch. Wer wie Gaschke ein überholtes Paarmodell glorifiziere, vertrete veraltete Wertmaßstäbe, die modernen Beziehungen nicht gerecht würden. Akademikerinnen, so Kittlaus, hätten schon früher weniger Kinder bekommen - inzwischen gäbe es einfach mehr studierte Frauen. Seit den 70er-Jahren habe sich das Paarideal gewandelt - weg von der lebenslangen Ehe.Manche, die davon noch träumen, rufen bei der Telefonseelsorge an: "Es kommt immer mal wieder vor, dass eine Frau darüber klagt, dass die biologische Uhr tickt und sie keinen Partner haben, aber richtig häufig ist das nicht", sagt ein Mitarbeiter. "Die suchen wohl woanders nach Abhilfe." Zum Beispiel bei Internetpartnerbörsen wie Parship, wo man eine großen Andrang erfolgreicher Großstädterinnen verzeichnet. Was diese umtreibt, weiß die Psychologin Sabine Wery von Limont, die dort als Telefoncoach Partnersuchende berät. "Erfolgsorientierte Frauen haben oft ein etwas übersteigertes Selbstbewusstsein. Die finden sich so toll, dass sie kaum jemand finden, der ihnen das Wasser reichen kann", sagt sie.Auswahl wie im SupermarktHinzu komme in Berlin noch die Qual der Wahl: "Das ist doch wie im amerikanischen Supermarkt. Wenn ich da vor einem 50- Meter-Regal mit Chips stehe, kann ich mich auch nicht entscheiden." Die Psychologin rät Frauen, die Ansprüche etwas herunterzuschrauben - und liegt damit ganz auf der Linie von Gaschke. Auch diese empfiehlt bei der Partnerwahl "mehr Rationalität" statt "Sehnsucht nach Produktperfektion."Sowohl die Autorin als auch die Psychologin sind verheiratete Mütter und verkaufen ihr eigenes Modell so, als könne es die kinderlose Singlefrau es mit etwas Disziplin erreichen: Einfach rechtzeitig per Internet die eigene Ehen arrangieren - und schon kommt das Paarglück samt Nachwuchs.Aber muss sich jeder Kinder wünschen? Darf man nicht einfach nur Karriere machen? Kittlaus sagt, die Gesellschaft müsse das akzeptieren und sich auf eine geringere Geburtenrate einstellen, statt Kinderlose zu verfolgen. Und Gaschke meint: Freilich dürften das Frauen, aber sie müssten dann einen "Golf spielend verbrachten, kinderlosen, langen, langweiligen Vorruhestand" in Kauf nehmen.------------------------------AlleinstehendSingle-Hauptstadt nennt man Berlin gerne. Den Titel hat es sich vor allem durch den hohen Anteil von Alleinlebenden verdient. Gut die Hälfte der Berliner Haushalte sind Ein-Mann oder Ein-Frau-Haushalte, bundesweit sind es 37 Prozent.Alleine wohnen in Berlin 128 000 Frauen zwischen 25 und 45 - deutlich weniger als Männer. Von ihnen wohnen in dieser Altersgruppe 223 000 in einem Ein-Personen-Haushalt. Wie viele davon liiert sind, weiß man nicht. Insgesamt gibt es 519 000 Frauen und 550 000 Männer in diesem Alter.Das Einkommen von allein lebenden Frauen ist höher als das der Durchschnittsberlinerin: Sie verdient im Mittel 1 125 Euro, die Durchschnittsberlinern verdient dagegen nur 1 050 Euro.------------------------------Foto: Susanne Ahlers, absichtlich kinderlose Staatssekretärin