Er geht los ohne genaue Absichten. Das Wetter ist ihm egal. Aber laufen muss er. Er rennt nicht in Sportkleidung durch Grünanlagen. Matti Geschonneck ist ein Fußgänger. Wenn sein Beruf es zulässt, kommt er am frühen Vormittag aus seiner Wohnung in der Krausnickstraße und sieht sich zwei Stunden die Stadt an.Ab durch die Mitte. Gegen den Wind zu Schinkels Elisabethkirche in der Invalidenstraße, in die Chausseestraße mit den leer stehenden Büros von Start-up-Firmen. Vorbei an Kindern, die heute auf dem Rasen des ehemaligen Stadions der Weltjugend, das noch früher Walter-Ulbricht-Stadion hieß, Golf spielen. Zu Scharnhorsts Grab auf dem Invalidenfriedhof, der früher an der Mauer lag, über einen Flanierweg an der Spree zum Hamburger Bahnhof, im großen Bogen um die Baulöcher des Lehrter Bahnhofs. Quer durch das Regierungsviertel, über die Spree auf die Reinhardtstraße mit dem Deutschen Theater, auf die Friedrichstraße und um ein paar Ecken zum Ausgangspunkt zurück.Oder in Schleifen durch die Spandauer Vorstadt, seine nähere Umgebung: Über die Münzstraße, wo es das einzige Blaubeereis von Ost-Berlin gab, und die Münz-Lichtspiele, wo früher in den Pausen Latschenkiefer-Aroma reingesprüht wurde - des Geruchs wegen, denn drinnen wärmten sich die armen Leute. In der Gormannstraße hat er geboxt, am Koppenplatz ist der Vater vier Jahre zur Schule gegangen, um die Mulackstraße rum hat der Großvater die Groschen aus den Gasuhren eingesammelt.So und so ähnlich läuft Matti Geschonneck durch Berlin. Er hält dabei das Tempo eines sportlichen Wanderers, der nur abbremst, wenn er eine Entdeckung macht. "Hier haben sie gedreht", sagt er und beugt sich über Kreuze aus Lassoband auf dem Bürgersteig. Auf diesen Kreuzchen in der Sophienstraße standen Schauspieler in Position. So etwas sieht ein Regisseur natürlich. Gefilmt wird in der Gegend öfter. Dann kleben amtliche Drehgenehmigungen an den Haustüren, und die Anwohner dürfen ihre Autos nicht parken.Ein paar Meter weiter in einem Hinterhof hat Matti Geschonneck 1992 selbst gedreht - den Tatort "Berlin - beste Lage" mit Günter Lamprecht als Kommissar Franz Markowitz. Damals war das schöne Barockhaus noch eine zersplitterte, gelbbraune Ruine in einer kurzen Filmszene. Einen Tag nach dem Mauerfall ist Matti Geschonneck aus dem Westen in seine alte Wohnung zurückgekommen und hat beobachtet, wie Berlins beste Lage in Besitz genommen wurde: "Gleich nach der Wende kamen dunkle Limousinen. Die Scheiben fuhren leise runter. Taschenrechner blitzten auf. Die Scheiben gingen wieder hoch. Die Limousinen fuhren weiter. " Geschonneck war DDR-Bürger geblieben. Wenn er in Hamburg einen Film im Fernsehen sah, in dem eine Berliner S-Bahn kreischend bremste, bekam er bei dem Geräusch Heimweh. Zwischendurch kam er nach Ost-Berlin, "zum Feiern und Verzweifeln".Unterm Strich hat sich über die Jahre ein vitales Viertel aus den Bauplanen geschält. Matti Geschonneck zog vor drei Monaten um, dieselbe Straße, ein paar Meter weiter. Die Fassade ist bis auf das Parterre saniert. Demnächst entscheidet der Denkmalschutz, ob im Eingang die Einschusslöcher aus dem Krieg erhalten werden müssen. In der Straße gibt es nur noch zwei Häuser mit diesen Spuren. Matti Geschonneck kann oben aus seiner Wohnung weit über die Stadt sehen, alle Wanderwege im Überblick.Den Fußgänger könnte er von seinem Vater geerbt haben, vielleicht liegt so etwas in den Genen. Der Schauspieler Erwin Geschonneck wird im Dezember 95 Jahre alt, und er hat, solange die Beine mitmachten, täglich einen Spaziergang unternommen.Die Passanten grüßten. Diesen kantigen Schädel mit den Schildkrötenaugen kannte jeder in der DDR. Viele kannten auch seine Geschichte: die armselige Kindheit in der Ackerstraße. Die Mutter stirbt an Schwindsucht, als er drei ist, der Vater säuft. Seine große Schwester klebt ein Stück weißes Papier vorne auf den abgebrochenen Zahn, wenn sie tanzen geht. Erwin schlägt sich als Gelegenheitsarbeiter durch, wird 1929 Kommunist, überlebt sechs Jahre Konzentrationslager und rettet sich am 3. Mai 1945 in der Lübecker Bucht von dem brennenden Häftlingsschiff "Kap Arcona". Vier Jahren später ist er berühmt: Er ist Schauspieler bei Brecht am Berliner Ensemble und spielt in "Herr Puntila und sein Knecht Matti" seine erste große Rolle, den Matti.So kam ein Kind zu seinem Namen. Zu seinem Vater kam es nur fünf Jahre lang. Erwin Geschonneck verlässt die Familie. Er heiratet danach noch viermal, eine Frau zweimal, mit der letzten Frau, Heike, 40 Jahre jünger, lebt er bis heute glücklich zusammen. Mattis Mutter Hannelore Wüst heiratet den Filmdokumentaristen Gerhard Scheumann. Den Stiefvater, der vor drei Jahren gestorben ist, nennt Matti "Vati". Seinen Vater nennt er bis heute "Erwin". Auch diese Ehe wird geschieden. Da ist Matti fünfzehn. Ein zweimal verlassener Junge, der Geschonneck heißt und von dem berühmten Erwin nicht mehr wusste, als die Kinder in der Klasse. "Er war eine lebende Ikone. Ich trug seinen Namen und kannte ihn nicht. " Nur wer nichts erwartet, kann nicht enttäuscht werden. Es muss eine große Scheu bei dem Jungen entstanden sein, eine Vorsicht, ein Grundgefühl von Zerbrechlichkeit familiärer Strukturen. Verlustängste. Die Distanz verringert sich erst 1995, bei den Dreharbeiten zu "Matulla und Busch". Erwin spielt, Matti führt Regie.Es gibt einen kleinen Film des MDR über dieses gemeinsame Projekt. Erwin ist damals 88, Matti 43. Der Vater kann sich an den kleinen Sohn von damals nicht erinnern - "keine Details. Ist schon so lange her. " Der Sohn sagt: "Wir gehen jetzt nicht zusammen Eis essen, aber wir haben uns kennen gelernt. " Die Journalisten, die sich damals zahlreich am Drehort versammelt hatten, werden mehr Rührung erwartet haben von diesem Wiedersehen nach einem halben Menschenleben. Die beiden Männer reden mit Respekt und Herzlichkeit über einander.Das ist viel, wenn sich zwei irgendwann so enttäuscht haben: Der Vater hat den Sohn verlassen, und der Sohn hat das Land des Vaters verlassen. Matti Geschonneck war 1978 in die Bundesrepublik gegangen. Seiner Liebe nach, der Schauspielerin Eva-Maria Hagen. "Was hat ihn so fasziniert an ihr, dass er alles hinter sich ließ?" fragt die Interviewerin Erwin Geschonneck in dem Film. "Ich weiß es nicht", sagt der alte Mann.In den beiden Büchern, die Eva-Maria Hagen geschrieben und die Matti Geschonneck bis heute nicht ganz gelesen hat, weil er die Zeiten damals ruhen lassen möchte, kommt diese Liebe vor - in Tagebuchaufzeichnungen, Briefen und auf Fotos, in IM-Berichten und Stasi-Protokollen.Matti Geschonneck, der Jungpionier, FDJler, NVA-Soldat, SED-Genosse, Filmstudent in Moskau, verliebt sich mit 20 Jahren in eine schöne Frau, die 18 Jahre älter und vorher Wolf Biermanns Liebste gewesen war. Matti kommt in den Kreis um Biermann und Robert Havemann, in eine andere Welt. Eine Gegenwelt in der DDR. Der junge Mann ist neugierig, begeistert. Die Fotos in den Büchern zeigen einen bärtigen, langhaarigen, blonden Jungen mit weichen Zügen und klarem Blick. "Grünauge" nennt ihn Eva-Maria. Ein Grünauge mit einer Rotblindheit, Matti ist tatsächlich der Farbe Rot gegenüber blind, was man seinen späteren Farbfilmen nicht ansehen wird.Die Liebe hält sieben Jahre. Sie übersteht die Anwerbeversuche der Stasi in Moskau, den Druck, die Unterschrift gegen Biermanns Ausweisung zurückzuziehen, die Drohung, den Studienplatz zu verlieren und den Ausschluss aus der Partei. Als Eva-Maria Hagen im März 1977 ausgereist ist und nie mehr einreisen darf, bleibt Matti Geschonneck in der DDR, weil er nicht die Kraft und den Mut hat zu gehen. Sie treffen sich heimlich, aber lückenlos stasidokumentiert, in Bulgarien und in Prag. Eva-Maria wartet in Hamburg und baut schon ein Nest. Matti quält sich, will bleiben, will gehen. "Ich bin so traurig, zerrissen und alleine", schreibt er ihr im Februar 1978. Ein paar Monate später notiert die Stasi: "Objektiv ist der Einfluß der Hagen auf Geschonneck derart, daß er ihrer direkten Beeinflussung wieder unterlegen ist. " Im November 1978 entscheidet Erich Honecker persönlich, dass Matti Geschonneck ein Visum bekommt. Ein Gnadenakt. "Es ist entschieden", schreibt Eva-Maria in ihr Tagebuch, "nun ist alles gut. Mein Herz ist federleicht. " Es ist nur ein paar Monate gut, dann steht in ihrem Tagebuch, dass es so aussieht, "als ob wir im Westen nicht miteinander leben können". Aus dem Liebespaar wird ein Freundespaar. Und Matti Geschonneck wird nach einer langen Assistenzzeit, vor allem bei Eberhard Fechner, ein anerkannter Regisseur. Er wird ein ruhiger Geschichtenerzähler, ohne die Manie des Effekts, der wissen will, wie Menschen das Leben aushalten können.Er hat bisher 23 Filme gedreht, mit einer Ausnahme alle für das Fernsehen, und in über der Hälfte von ihnen kommen im Titel die Worte Mord, Rache, Angst, Sterben und Tod vor. Ja, sagt er, das sei ihm auch schon aufgefallen. Vielleicht kämen solche Geschichten zu ihm, weil ihm das Grübeln über Identität und Grenzsituationen vertraut ist.Gespräche mit Matti Geschonneck hinterlassen den Eindruck einer unauflöslichen Verbindung aus fröhlicher Unkompliziertheit, Melancholie und Panzerung in einer Person. "Als Regisseur bist du ein einsamer Mann", sagt er. "Dein Name steht für Erfolg oder Misserfolg. Du hast mit viel Geld zu tun. Das setzt dich unter Druck, unter Spannung. Du musst mit dir selbst auskommen können. Sonst kannst du nicht mit vielen auskommen. Das musst du in diesem Gewerbe. " Schauspieler kommen sehr gut mit ihm aus - man kann nachlesen, wie gerne Günter Lamprecht, Marianne Sägebrecht, Cornelia Froboess, Katja Riemann, Mario Adorf, Ulrich Tukur, Jutta Hoffmann mit ihm gearbeitet haben. Er bekommt die Schauspieler, die er sich wünscht. Er hat immer zu tun und möchte hinter dem zweiten Projekt schon ein drittes erkennen können. "Du musst vorausdenken, damit der Laden läuft. " Gerade ist "Wer liebt, hat Recht" mit Iris Berben und Robert Atzorn fertig geworden. Demnächst dreht er mit Martina Gedeck "Die Mutter" von Petra Hammesfahr. Und dann will er "Die Nachrichten" von Alexander Osang verfilmen. "Meine Tonlage", sagt er. "Es ist der sensible Umgang mit uns, der mich interessiert. " Er flog zum Autor nach New York. Demnächst wird entschieden.Matti Geschonneck hat sich inzwischen in seiner neuen Wohnung eingerichtet. Dabei brach ein weiteres Mal das Erbgut des alten Geschonneck durch, der bekanntermaßen sein Leben lang sehr sparsam war. Es ging um eine Küche. Matti Geschonneck kämpfte mit dem Verkäufer bei Innova. Es dauerte zweieinhalb Stunden, bis der Kunde von der allereinfachsten Herdvariante abließ und die kleine Küchenzeile eine ansehbare Front bekommen durfte. Den Preis für das Ganze murmelte der Erfolgsregisseur noch lange vor sich hin.Erwin war eine lebende Ikone. Ich trug seinen Namen und kannte ihn nicht.BERLINER ZEITUNG/CHRISTIAN SCHULZ Ein Stadtwanderer. Matti Geschonneck an der Volksbühne