Es dämmert, als ich durch eine schmale Tür in den Hinterhof trete. Und da steht es wieder, dieses seltsame Plakat, das mich angelockt hat. Wer in Berlin lebt, begegnet ihm auf Schritt und Tritt. "Welterfolg" steht über dem Modell von Albert Speers "Germania", darunter ein Zitat des Architekten: "Das Extreme als der eigentlich deutsche Ausdruck."Beworben wird "Berlins meistgespieltes Stück", das seit dem 18. Mai 1984 täglich außer montags über die Bühne geht: "Ich bin s nicht, Adolf Hitler ist es gewesen". Das Haus, das die "Freien Theateranstalten" zu ihrer Spielstätte erklärt haben, sieht heruntergekommen aus. Aber auf den Waschbeton im Treppenhaus ist mit Farbe ein roter Teppich gemalt, der die Zuschauer ins Dachgeschoss geleitet. Dort ist das Foyer, ein dunkler Raum, in dem ein braunes Sofa steht. Ich warte auf den Schauspieler, Regisseur, Autor und Intendanten des Hauses, Hermann van Harten. "Er wird gleich kommen", sagt ein Mann, der sich als sein Schüler vorstellt. Josef Volmer heißt er; früher hat er einen Hitlerjungen gespielt, jetzt den Führer kurz vor seinem Selbstmord im Bunker. Aber der ist diesmal Nebenfigur, es geht um seine willigen Vollstrecker. Warum das Stück die Täter, nicht die Opfer umkreist? Volmer verstummt, als van Harten auftritt, ein kleiner, kräftiger Mann von sechzig Jahren. Er zieht seinen verknitterten Trenchcoat aus und legt den schwarzen Hut beiseite. Streitlust glimmt in seinen Augen. "Weil die Zuschauer begreifen sollen, wie man zum Täter wird. Wer heute Karriere macht um jeden Preis, der hätte sie auch damals gemacht. Außerdem", er rückt ein wenig näher, "ist es einfach interessanter, die Bösewichter zu spielen. Das ist wie bei Shakespeare." Mit den Nürnberger Prozessen beginnt das Stück, das in elf verschiedenen Fassungen existiert und von Jahr zu Jahr fortgeschrieben wird. Die Rahmenhandlung bleibt: Am Anfang spielt van Harten einen namhaften Nationalsozialisten, am Ende einen namenlosen Juden, der nach Auschwitz transportiert und in die Gaskammern geschickt wird. Natürlich gibt es biografische Gründe für seine Besessenheit, aber darüber will van Harten nicht reden. "Ich mach mich doch nicht zur Ware!", sagt er und lacht verzweifelt. "Brauchen Sie einen Juden?", hat er früher gefragt, wenn er um Interviews gebeten wurde. "Außerdem lebt meine Mutter noch!" Nach der Wende hatten sie ein volles Haus, nach der Walserrede leerte es sich. Als der Kosovokrieg losging, hat der Schauspieler auf der Bühne Scharpings Auftritt in Auschwitz gegeißelt. Welchen Auftritt? Van Harten springt von seinem Stuhl. "Das wissen Sie nicht? Er ist mit seinen Soldaten ins KZ gefahren, um sie fit zu machen für den Einsatz!" Schüler aus Halle haben geklatscht, als die Figur eines Nationalsozialisten über die Polacken herzog. Mit einem Jungen, der ihn anspucken wollte, hat van Harten sich auf der Treppe geprügelt. Nachdem die Wikingjugend seiner Frau aufgelauert hatte, musste die Inszenierung unter Polizeischutz gestellt werden. Grölt der Nachbar "Hau ab, du Judensau", denken die Zuschauer, das gehört zum Stück.Es ist Mitternacht, als wir in den tunnelähnlichen Theatersaal hinabsteigen. Die Wände sind schwarz gestrichen, drei schiefe Stuhlreihen stehen am Rand. In der Mitte verlaufen Gleise der Reichsbahn, eine rostige Lore bewegt sich rumpelnd von einer Seite zur andern. "Die ist von 1934", sagt van Harten stolz. Heute musste die Vorstellung ausfallen, "ausnahmsweise". Sechsmal habe ich schon vergeblich angerufen, bin weggeschickt worden. Bis morgen soll eine "Notfassung" erstellt werden. Denn ein Schauspieler ist krank und van Harten ziemlich heiser. Er sagt, dass Erfolg fast immer durch Anpassung erkauft wird. Regisseure, die sich anpassen, nennt er "die Assimilados". "Wer sich nicht vernuttet, hat es schwer. Seitdem wir den Hitler spielen, bekommen wir keine Subventionen mehr. Wir leben von der Abendkasse. Und von Bußgeldern. Es gibt ein paar Richter, die wollen, dass die Arbeit weitergeht. Ich staune selbst, dass wir sie noch haben, diese paar Quadratmeter Meinungsfreiheit." "Also sind Sie die einzige Nicht-Nutte des Theaterbetriebs?" frage ich. "Du, wenn du das noch einmal sagst, dann schmeiß ich dich raus!" ruft van Harten. "Ich war mal die Nutte des Kapitalismus, als ich noch in den Nachtklubs von Paris getanzt habe. Ja, ich habe getanzt." Er macht zwei graziöse chapps, dreht eine Pirouette und setzt ein glitzerndes Lächeln auf: Mit zwanzig hat er sich noch "Federn in den Arsch gesteckt", um seine Ballettstunden bei der berühmten Nora Sowieso zu finanzieren. Die Schaubühne war sein Arbeitsplatz, mit der Theatergeschichte ist er per Du, ein Komet wie Peter, Pina und Heiner. Schließlich hat er Müller seinen alten Kühlschrank geschenkt, damals, im November 1978, als sie die Maschinenfabrik am Klausener Platz besetzt haben. Hier hat der Dramatiker seinen "Philoktet" inszeniert - mit van Harten in der Titelrolle. Der Tagesspiegel lobte seine "fanatische Intensität".Wieder im Foyer, legt mir van Harten vergilbte Programmhefte in den Schoß, freche Briefe an den Kultursenator und Unterschriftensammlungen gegen die Schließung der "Freien Theateranstalten". Die Neue Heimat wollte die Künstler nämlich vertreiben, aber sie haben durchgehalten, auch ohne Wasser und Strom. "Sind Sie der Zweite von rechts?" frage ich, auf ein Foto des Ensembles deutend. "Nein, von links!" sagt er. "Das war auf dem Festival in Parma, 1984. Ein großer Erfolg!" Van Harten erzählt sprunghaft, im Fünf-Minuten-Takt muss sein Schüler ein Papier aus der Schublade kramen und mir apportieren: "Josef, hol doch mal.! Sonst glaubt sie mir nicht!" Auch, wenn ihm ein Name auf der Zunge liegt, muss Volmer einspringen. "Das ist Alzheimer", sagt van Harten mit raukehligem Lachen. "Ein schlechter Witz, dass ein Künstler der Erinnerung so vergesslich ist! Und wenn ich beim Spielen in das Du gehe, in die Begegnung, was hab ich dann?", fragt er, zu Volmer gewandt. "Einen Hänger", ergänzt Volmer mit nachsichtigem Lächeln. "Und was für einen Hänger!"Es regnet durch das Dach. Ein Eimer fängt das Wasser auf, leise fallen die Tropfen. "Wie fühlt es sich an, seit achtzehn Jahren dasselbe Stück zu spielen?", frage ich. "Früher habe ich zwei Vorstellungen ohne Probleme gespielt. Jetzt fällt mir das schwer. Da merkt man doch, dass man älter wird. Die Existenzangst macht mir zu schaffen, die ständige Frage: Kommen wir über den Monat oder nicht?" Inzwischen arbeitet van Harten an einer Fassung, die ohne die Szene auf der Rampe auskommt. An die fünftausendmal ist er in seinem Leben schon nach Auschwitz gefahren. Und manchmal drückt er sich innerlich davor, den Weg von neuem anzutreten. "Aber Routine ist der Tod." "Ist es ein Opfer, das Sie bringen?" "Nein, ich bin kein Märtyrer. Ich liebe die Bühne, ich bin süchtig nach dem Spielen." "Sind die Zuschauerressourcen denn unerschöpflich?" "Manchmal kommt gar niemand. Die Vorstellung ist angesetzt, wir warten, dann gehen wir nach Hause. Dann ist es wieder brechend voll."Es ist ein Uhr nachts, als ich die Anstalt verlasse. Mit Zweifeln, ob diese Inszenierung überhaupt existiert. Schon Überschriften formulierend: "Der Theaterbunker. Rezension eines Wahnsinns." Oder: "Die deutsche Frage. Eine Fahrt in der Geisterbahn." Aber am nächsten Abend haben sich doch einige Zuschauer eingefunden. "Heute sehen Sie eine Fassung mit dem Schwerpunkt Polen, Warschauer Ghetto, Hans Frank. Darf ich Sie hinabbegleiten in die Nachkriegszeit?", fragt eine Frau mit einem schönen grauen Zopf, der bis zur Hüfte reicht. Adelhaid Rogger hält van Harten die Treue, was auch kommen mag. In der Notfassung spielt sie eine Trümmerfrau. 1939 wurde Hans Frank Generalgouverneur von Polen. Über seinen Feldzug schrieb er ein Tagebuch, mit dem er nach dem Endsieg groß rauskommen wollte. Er konvertierte zum Katholizismus, nannte den Nürnberger Prozess ein "gottgewolltes Weltgericht, das bestimmt ist, die schreckliche Leidenszeit unter Adolf Hitler zu beenden". Van Hartens Figur hat einen Haltungsschaden. Vor der Hinrichtung bittet sie um Absolution; und weil der Darsteller des Priesters fehlt, muss van Harten der Luft beichten und nach einer unsichtbaren Hand greifen vor dem Kuss. Der hohe Ton, den er bei den selbst gemachten Versen anschlägt, verrät die alte Schule der Deklamation. Jedes "T" ist ein Gewitter aus Speicheltröpfchen, jedes "R" das Grollen eines Donners. Der Raum verzerrt Klang und Perspektive. Das Licht überzieht die Gesichter mit Grünspan. Plötzlich vergisst van Harten seinen Text. Er vergräbt das Gesicht in den Händen, fängt noch einmal an und zögert an derselben Stelle. Das Tonband läuft weiter. Er bittet Volmer, es zurückzuspulen. Der hält sich Zeige- und Mittelfinger wie ein Bärtchen an die Rotzrinne, spricht erneut Hitlers Worte. Danach geht das Warschauer Ghetto in Flammen auf, die Juden springen schreiend aus den Fenstern. "Und wenn der Rebbe brennt, und wenn der Rebbe brennt, brennen a-a-alle Chassidim", singt van Harten voller Inbrunst. Schließlich wird er geschüttelt und zwischen den Wänden hin und her geworfen. Er steigt aus dem Viehwagon, sieht sich scheu auf der Rampe um. "Wollen Sie duschen gehen?" Er tut, als ob er seine Kleider ablegt. Und die Moral von der Geschicht : "Auschwitz sollst du nicht verdrängen,/ Du kannst es auch nicht auf dem Buckel tragen,/ Es ist ein zu schweres Gehirn./ Auschwitz soll dir Kraft geben zum Überleben/ Für den Verstand und für den Widerstand!" Van Harten sagt das mit fester Stimme. Als er aus der Tür geht, bleiben die Zuschauer schweigend zurück. Jemand klatscht ein paar Mal in die Hände. Dann gibt er auf.Im Foyer betont van Harten, dass sie improvisieren mussten. "Ich weiß ja, was ich meiner Kunst schulde. Aber ich muss auch überlegen, ob ich meine Krankenkasse bezahlen kann." Er öffnet eine Schachtel Marlboro. "Wenn wir die erste Fassung spielen, müssen Sie noch einmal wiederkommen. Ein Meisterstück! Die Szene zwischen Eva Braun und Hitler z.B. "Ich rauche nur, wenn ich verliebt bin", sagt sie und nimmt sich lächelnd eine Zigarette. "Und Sie?" Er gibt ihr Feuer und erwidert gelassen "Ich rauche immer." Leider ist diese Fassung zu aufwendig. Deshalb kann auch die Szene mit den Saluki nicht mehr gezeigt werden. Saluki? In einem Film über Göring sieht man sie in Auschwitz herumspringen. Um die Juden zutraulich zu machen. Im Stück nimmt van Harten eines dieser reinrassigen Wesen auf den Arm, während er die Prinzipien nationalsozialistischer Menschenabrichtung verkündet. "Josef, hol doch mal die Hunde!", ruft van Harten; und schon tänzelt eine Windhunddame vor dem Sofa auf und ab. "Sie ist schon so alt wie das Stück, das Fell geht ihr aus. Aber siehst du, wie anmutig sie sich bewegt?" Er longiert sie an der Leine über den Perserteppich, die anderen sieben Saluki kauern zitternd in der Ecke. Jeden Abend werden sie mit einem Lieferwagen hierher gebracht. "Damit die Konditionierung nicht verblasst", erklärt van Harten. Sie winseln leise und warten auf einen Auftritt, der vielleicht nie mehr stattfindet."Wer sich nicht vernuttet, hat es schwer. Seitdem wir den Hitler spielen, bekommen wir keine Subventionen mehr. " ULLSTEIN Auf der Bühne - Hermann van Harten, Schauspieler, Schriftsteller und Regisseur.